Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 10 ° heiter

Navigation:
„Das Ministerium rechnet alles schön“

Lehrermangel „Das Ministerium rechnet alles schön“

Chancengleichheit, gute Bildung und qualifizierte Lehrer: Das wünschen sich wohl die meisten Hessen für die Schüler. Die Realität beschreiben Experten jedoch anders.

Voriger Artikel
Was die Leisen
 zu sagen haben
Nächster Artikel
Die AfD ist auf dem Weg in die letzten Landtage

Hessische Grundschulen brauchen mehr Lehrer – darüber sind sich Lehrer-, Eltern- und Schülerverbände einig.

Quelle: Hendrik Schmidt

Frankfurt. Nach Angaben des hessischen Kultusministeriums­ warten auf die vor wenigen­ ­Wochen eingeschulten Erstklässler sehr gute Bedingungen, sich zu entwickeln: Ausreichend Lehrer, Unterstützung durch Sozialpädagogen, Angebote zur individuellen Förderung und ausreichende Ganztagsangebote.

„Unsere Schulen starten so gut versorgt wie nie zuvor in das neue Schuljahr“, sagte ­Kultusminister Alexander Lorz (CDU) im Juli. Das werde besonders beim Ausbau des Ganztagsangebots deutlich. Mittlerweile böten rund 70 Prozent aller Schulen im Land ganztägige Angebote an.

Experten kritisieren jedoch einen deutlichen Lehrermangel an Grund- und Förder­schulen, Überlastung, fehlende­ echte Ganztagsangebote und ­daraus resultierende Chancenungleichheit.

„Das ist nicht zu schaffen“

„Ich kann es mir nicht mehr leisten, auf jedes Kind einzugehen“, sagt die 38-jährige Grundschullehrerin Nicole K. Die verbeamtete Pädagogin will ihren echten Namen nicht nennen, da sie sonst Konsequenzen befürchtet. Rund 75 Kinder unterrichtet sie in mehreren Klassen an einer Grundschule im Rhein-Main-Gebiet, sie und ihre drei jüngeren Kolleginnen fielen bereits wegen der Diagnose Burn-out monatelang aus. „Wenn du deinen Job liebst und ihn ernst nimmst, reibt dich die Situation auf.“ Eine Bindung zu den Kindern zu haben und ihnen strukturbedingt nicht so helfen zu können, wie man es eigentlich könnte und gerne möchte, sei psychisch sehr belastend.

Pro Klasse mit rund 25 Kindern habe sie rund fünf Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche, rund drei Kinder mit ADS oder ADHS und zwei ­Kinder mit sozial-emotionalen Störungen. Dazu kommen noch mögliche Flüchtlings- oder ­Inklusionskinder. Sie alle hätten besonderen Förderbedarf: „Das ist nicht zu schaffen.“ Am ­Ende litten alle – auch die begabten Schüler, für die sie dann keine Zeit habe.

Quereinsteiger sind umstritten

Besonders Grundschulen in Hessen brauchen mehr Lehrer, sind sich Eltern-, Schüler- und Lehrerverbände einig. „Das Kultusministerium rechnet alles schön, weil Landtagswahl ist“, sagt der Vorsitzende des hessischen Landeselternbeirates, Korhan Ekinci. Die Politik habe die Situation noch gar nicht als Problem erkannt, da werde es auch mit der Lösung schwierig, sagt die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Birgit Koch. Dabei berichteten Kollegen aus allen Teilen des Bundeslandes das selbe. „Wir Elternvertreter bekommen Hilferufe von Schulleitern, die keine Ansprechpartner mehr finden“, sagt Ekinci.

Der Einsatz von Quereinsteigern mit fachlicher Qualifikation oder von Gymnasiallehrern an Grundschulen ist für Eltern, Lehrer und Schüler keine Lösung. Da fehlten oft die pädagogische und didaktische Qualifikation, die besonders an Grundschulen wichtig sei. Es gebe ­Berichte von Lehrkräften ohne­ ­pädagogischen Hintergrund, die Kinder autoritär anschreien, keine Transparenz in der Notengebung haben und das gesamte Klassenklima zerstören, sagt Landesschulsprecherin Emely­ Dilchert.

„Das reicht von vorne bis hinten nicht“

Nicht jeder sei dafür gemacht, vor einer Klasse zu stehen: „Das sind wirklich Horrorgeschichten, ich übertreibe da nicht.“ Auch sie fordert, Lehrer zu entlasten und den Beruf attraktiver zu gestalten: „Das, was gemacht wird, um mehr Lehrer an die Schulen zu holen, reicht von vorne bis hinten nicht.“

Stetig zunehmende Verwaltungsaufgaben, viele Schüler mit besonderem Förderbedarf und auch viel Betreuungsbedarf der Eltern zählt Nicole K. als ihre Belastungen auf. „Ein Drittklässler hat seit drei Wochen keine Hausaufgaben und statt neuer Hefte die Materialien des Vorjahres samt verschimmelter Brotdose im Ranzen.“

Die Eltern waren trotz zahlreicher Versuche bisher nicht ­erreichbar. Aus vorherigen ­Gesprächen weiß sie, dass diese selbst keine Lust auf ­Schule hatten und haben. Demgegenüber steht eine Mutter, die die dreitägige Klassenfahrt ihrer Tochter mit mehrfachen Anrufen – auch am Wochenende – und vierseitiger „Bedienungsanleitung“ vorbereitet. Der Drittklässler wird auf der Hauptschule landen, ist sich ­Nicole K. sicher: „Vom Potenzial her könnte er das Gymnasium schaffen, aber ohne Elternunterstützung geht das nicht.“

Ganztagsschulen als Retter?

Eine Lösung für mehr Chancengleichheit und Entlastung ist aus Expertensicht der Ausbau echter Ganztagsschulen. Nur so könne man den „Faktor Glück“ aus der Bildungskarriere eliminieren, sagt Ekinci: „Bildung ist Teil der Schule und nicht des ­Elternhauses. Wenn die Kinder nach Hause kommen, sollten sie überhaupt keine Ansprüche mehr haben müssen, irgendwas zu lernen.“

Viele Ganztagsangebote in Hessen beschränkten sich am Nachmittag aber auf ein reines Betreuungs- und Spielangebot. „Wie Ganztags­schulen momentan umgesetzt ­werden, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes“, sagt die Landesschulsprecherin. Es brauche auch am Nachmittag ausgebildete Lehrkräfte, nur dann könne man mögliche Nachteile ausgleichen.

Der GEW-Vorsitzenden Koch macht die schleppende Reform auch gesamtgesellschaftlich Sorgen: „Wir müssen etwas ändern, sonst werden immer mehr Familien einfach abgehängt – da kommt nichts Gutes bei raus.“

von Miriam Bandar

Das bieten die Parteien
Nach Überzeugung der CDU hat sich Hessen unter ihrer Führung zu einem Spitzenland in der Bildung entwickelt. Nie habe es mehr Lehrer an Hessens Schulen und so wenig Unterrichtsausfall gegeben wie jetzt. „Wir stehen für Wahlfreiheit, bei uns können die Eltern wählen, ob das Kind in die Ganztagsbetreuung geht oder nicht.“ Die CDU sei gegen Einheitsschulen, denn jedes Kind sei einzigartig und müsse nach seinen Fähigkeiten individuell unterstützt werden – von der Förderschule bis zum Gymnasium.  
Die SPD will „den Lehrermangel beenden, fachfremden Unterricht reduzieren, die Lehrerausbildung reformieren und die Lehrkräftefortbildung stärken“. Durch bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Entlohnung sollen Lehr­kräfte, die bisher in Teilzeit ­arbeiten, den Anreiz bekommen, ihre Arbeitszeit wieder aufzustocken. „Wir wollen, dass Religionsunterricht für alle Glaubensrichtungen, die an einer Schule gehäuft vertreten sind, unter staatlicher Aufsicht angeboten wird.“ Dazu gehöre vielerorts der islamische Religionsunterricht, „den wir evaluieren und weiter ausbauen werden“.
Die Grünen pochen auf Bildungs- und Chancengerechtigkeit für alle Kinder und Jugendlichen – unabhängig vom Geldbeutel oder der Herkunft 
ihrer Eltern. Dafür will die Partei multiprofessionelle Teams an den Schulen, in denen Lehrkräfte und Sozialpädagogen gemeinsam an der individuellen Förderung aller arbeiten. „Den Rechtsanspruch auf ein Ganztagsangebot für alle Grundschulkinder von 7.30 Uhr bis 17 Uhr wollen wir zügig umsetzen“, versprechen die Grünen. Mit einem neuen Investitionsprogramm für den Schulbau sollen vor allem die Schultoiletten besser werden.
Auch die Linken fordern Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen Kitas und Kinderkrippen komplett beitragsfrei und die Ganztagsschulen ausgebaut werden. Alle Kinder sollen bis zur zehnten Klasse 
gemeinsam lernen. In den ­Schulen sollen mehr Lehrer eingestellt werden.
Die FDP steht für eine individuelle Förderung jedes Einzelnen mit Hilfe einer 105-prozentigen Lehrerversorgung und multiprofessioneller Teams. „Wir benötigen darüber hinaus eine ‚Offensive für die Grundschule‘ mit einer Ausweitung des Unterstützungs- und Entlastungsangebotes.“ Außerdem müsse mehr für die Anwerbung von Lehrkräften getan werden. „Wir wollen die Schulen von bürokratischen Belastungen befreien und ihnen mehr Selbstständigkeit bei Organisation und Schulbetrieb geben.“
Die AfD ist für ein „leistungsorientiertes und gegliedert differenziertes Schulsystem aus Grund-, Haupt- und Realschulen, Gymnasien, Schulen für Lernbehinderungen und beruflichen Schulen“. Eine „politisch-ideologisch orientierte“ Beschulung von Kindern mit sozialen Verhaltensdefiziten oder mit schweren geistigen Behinderungen an Regelschulen lehnt die Partei ebenso ab wie eine „Frühsexualisierung“. Das Wertesystem von Ehe, Elternschaft und Familie dürfe nicht durch das genderorientierte ­Konzept von „Sexualität der Vielfalt“ 
ersetzt werden. Islamischer Religionsunterricht gehöre nicht in staatliche Schulen.
Voriger Artikel
Nächster Artikel