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23:20 01.07.2010
Teamchefs unter sich: Angela Merkel und Jogi Löw wollen am Sonnabend in Kapstadt die deutsche Mannschaft siegen sehen. Quelle: dpa

Wenn Angela Merkel in diesen Tagen nach Südafrika schaut, dürfte bei aller Freude über die Siege der deutschen Kicker bei der Fußball-Weltmeisterschaft auch ein Quäntchen Neid dabei sein. Denn der Fußball hat sich mittlerweile auch für die Politik zur Leitkultur entwickelt. All die Sympathie, die die Mannschaft versprüht, all die Erfolge, die sie erzielt, bleiben der Bundeskanzlerin seit Monaten verwehrt. Da ist viel Sand im Getriebe. Bei der Bundespräsidentenwahl am Mittwoch musste Regierungskandidat Christian Wulff zweimal nachsitzen.

Merkel flüchtete nach dem zweiten Wahlgang in die mittlerweile unvermeidliche Fußballmetaphorik und sagte vor der Fraktion in Anspielung auf den bisherigen deutschen Tief- und Höhepunkt der WM: „Wir haben jetzt das Serbien-Spiel gehabt, nun kommt das England-Spiel. Lasst uns das richtig machen!“ Aber aus einem 625:494 wird eben kein 4:1, nicht mal auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Und Özils, Müllers und Schweinsteigers kann man in der Spielvereinigung Schwarz-Gelb derzeit lange suchen. Dabei täte Merkel ein Erfolg wie gegen England gut nach all den Steuern-hoch-oder-runter-Diskussionen, Finanzkrisen, Koalitionsstreitereien, Debatten über Wehrpflicht, Gesundheitssystem und Opel-Rettung – und der Wulff-Hängepartie. Am Sonnabend wird die Kanzlerin das Spiel gegen Argentinien vor Ort verfolgen – auch, um ein wenig im Glanze dieses Glückes aufzublühen.

Die Kluft zwischen sommermärchenhafter Fußballnationalmannschaft und trostloser Politik könnte kaum größer sein als im Moment. Die Löw-Elf begeistert trotz fehlender Leistungsträger und einer insgesamt emotionslosen WM das Land: Sahnefußball statt Gurkentruppe, Schweinsteiger statt Wildsau, Schwarz-Rot-Gold statt Schwarz-Gelb. Es müllert sogar wieder. Die einen spielen sich und die ferne Heimat in einen Rausch, die anderen reißen nicht mal mehr den Sitznachbarn vom Hocker und rutschen im freien Fall in den Umfragetabellenkeller. Und wenn CDU-Innenminister Thomas de Maizière die Löw-Truppe mit den Worten lobt, es gebe dort einen besonderen „Drang nach Selbst- und Fremd­anerkennung“, klingt das wie ein Appell an seine eigene Partei, doch endlich die Fremdkörper FDP und Seehofer anzuerkennen – und als Team aufzutreten. Denn von der größten deutschen WM-Tugend, eine Turniermannschaft zu sein, an den großen Aufgaben also zu wachsen und trotz unterschiedlicher Charaktere auf den Punkt genau ein Bündnis zu sein, ist die Regierungskoalition weit entfernt. Siehe Mittwoch.

Früher war das anders. 1954 gingen Fußballwunder von Bern und Wirtschaftswunder von Bonn Hand in Hand. Zwei knorrige alte Männer, Konrad Adenauer und Sepp Herberger, sicherten den Aufschwung. Der Ball, er lief und lief und lief.

1974 herrschte trotz Ölkrise und Brandt-Rücktritt Reformstimmung im Land, die sozialliberale Regierung wedelte seit fünf Jahren den Mief der Ade­nauer-Ära weg. Beckenbauer, Overath und Netzer spielten hackespitzeeins­zweidrei, elegant und modern, aus der Tiefe des Raums auf die Höhe der Zeit. Und auf Regierungs- und Trainerbank saßen zwei Helmuts von der Elbe: Schmidt und Schön. So lässt sich der Fußball von damals vielleicht am besten beschreiben.

1990 freute sich die deutsche Politik (außer Oskar Lafontaine) und das deutsche Volk (außer Günter Grass) über Mauerfall und nahende deutsche Einheit, als Andreas Brehme seinen Elfmeter gegen Argentinien verwandelte. Als Franz Beckenbauer nach dem Finale gedankenvoll über den römischen Rasen flanierte, war er bereits das, was Helmut Kohl schon immer werden wollte: Geschichte.

2002 setzte niemand einen Pfifferling auf Rudi Völler und Gerhard Schröder bei ihrem Streben nach Weltmeistertitel und Wiederwahl. Am Ende des Jahres war Deutschland Vizeweltmeister und wurde weiterhin von Rot-Grün regiert.

Und auch der Blick in andere Länder lässt in diesen Tagen Analogien zwischen Fußball und Politik zu: Die maßlos zerstrittene französische Equipe spiegelt nur die auseinanderfallende Gesellschaft im westlichen Nachbarland wider, Präsident Sarkozy hat für Herbst die „Generalstände des Fußballs“ einberufen. Das klingt irgendwie nach Französischer Revolution, die passenderweise auch noch in einem Ballhaus begann. Die Italiener wiederum wurden ein Opfer ihrer eigenen spätrömischen Dekadenz, und in Griechenland gesellt sich zur Finanz- nun auch die Fußballkrise, König Otto musste abdanken.

Muss Merkel nach acht Monaten chaotischer Regierungszeit jetzt den Löw machen? Sympathisch, aber bestimmt die Flügelstürmer Westerwelle und Seehofer aufhalten? Spielmacher zu Guttenberg den Rücken stärken, statt ihm Gutachten zwischen die Beine zu werfen? Wie Löw auf Blockbildung setzen? Es müssen ja nicht nur Bayern sein. Auf jeden Fall muss Merkel Entscheidungsstärke zeigen. Hätte die Kanzlerin urteilen müssen, ob Kevin Kuranyi mit nach Südafrika darf, würden wir wohl noch heute auf ein Ja oder Nein warten. Jogi Löw hat nach dem Ausfall von Michael Ballack neben Kapitän Philipp Lahm Bastian Schweinsteiger zum Chef auf dem Platz ernannt, ihm fliegen die Herzen zu, er führt das Team vielleicht sogar zum Titel. Merkel hat nach dem Ausfall von Horst Köhler Christian Wulff nominiert, die Herzen des Volkes flogen aber Joachim Gauck zu.

Die Schockstarre der Regierung bringt den Sportphilosophen Gunter Gebauer sogar dazu, den Fußballplatz als eigentlichen Ort auszumachen, an dem die wichtigen Fragen behandelt werden. „Wo stehen wir in der Welt, wie werden wir angesehen, wie ist unser Selbstbild, sind wir handlungsfähig?“ Im Augenblick verlagere sich „diese ganze nationale Fragestellung, die wir haben, die auch wichtig zu beantworten ist, auf das Feld des Fußballs“.

Die nationale Fragestellung der Integration ist auf dem Platz schon beantwortet. Elf von 23 Spielern in Löws Aufgebot haben ausländische Wurzeln. Die Helden von Bern hießen Fritz, Anton und Helmut, die Helden von Bloemfontein Mesut, Sami und Miroslav. Sami Khedira, gebürtiger Stuttgarter mit tunesischem Vater, sagt: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.“ Und der kürzlich erst eingepasste Neudeutsche Cacau singt die Hymne vor dem Spiel so laut mit, dass seine derzeitige Bauchmuskelzerrung auch daher rühren könnte.

Da bekommt Grönemeyers alte Liedzeile ganz neuen Swing: „Machst mit dem Doppelpass jeden Gegner nass.“ Das kann Löws Internationalmannschaft am Sonnabend wieder beweisen. Und auch Angela Merkel mal wieder zum Jubeln bringen.

Kristian Teetz und Uwe Janssen

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