Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Die Kunst der Beiläufigkeit
Mehr Welt Kultur Die Kunst der Beiläufigkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:38 18.12.2015
Wladimir Kaminer im Pavillon. Quelle: Jan Philipp Eberstein
Hannover

Er erzählt einfach da weiter, wo er vor einem Jahr stehen geblieben war. Bei der Pubertät seiner Kinder. Zum Glück sei die fast vorbei. Stattdessen quäle sich der Sohn jetzt durch die elfte Klasse. Habe sich für Geschichte und Kunst als Kernfächer entschieden, weil Papa da helfen kann. „Aber ich bekomme schlechte Noten“, beklagt sich Wladimir Kaminer auf der Bühne des Pavillon.

Er könnte mit seinen Zuhörern auch auf dem Wochenmarkt stehen. Letztlich betreibt er in seinen Geschichten vor allem charmanten Familientratsch. Locker wechselt er zwischen Büchern, Manuskripten und frei Erzähltem. Und doch steckt in dieser Beiläufigkeit sorgsam betriebenes Handwerk. Kaminer kann nicht nur fesselnd plaudern. Tatsächlich zeigt sich der hervorragende Autor vor allem in den Pointen seiner Alltagsbeobachtungen.

Es sind trockene, gut konstruierte Pointen. Schlau und schleichend aufgebaut, sodass in der Regel ein Satz reicht, um den entscheidenden Mehrwert herzustellen. Altmodisches Handwerk im besten Sinne, irgendwo zwischen Brechts K-Geschichten und den Abenteuern von Piggeldy und Frederick aus dem Sandmännchen. Dabei kommt Kaminer ein großes Gespür für die richtige Portion Lakonie zugute, die er aus seiner russischen Muttersprache erfolgreich ins Deutsche rettet.

Er fesselt in seinem fast ungebremsten, aber bedächtigen Sprachfluss durch eine subtile Dosis Übersteigerung und entlarvende Verallgemeinerungen. Seine Mutter mag keine Treppen? „Europa besteht fast nur aus Treppen“, seufzt er und erzählt von ihrem Hobby, diese zu fotografieren und in Alben einzusortieren.

Sein aktuelles Buch „Das Leben ist (k)eine Kunst“ vorzustellen, ist ihm schon fast zu langweilig. Das Leben geht ja weiter. Lieber erzählt er also vom nächsten Buch über seine 84-jährige Mutter. Davon, dass er am liebsten darin auch über seine Heimat schreiben würde, über politische Konflikte, die sich in Russland alltäglich abbilden, durch jeden Küchentisch ziehen.

Aber das Projekt „Mama und Putin“ habe dem Verlag nicht gefallen. Also erst Mama. Und Putin dann 2017, zum Jahrestag der Oktoberrevolution. Und eigentlich würde er ja gerne mehr über Flüchtlinge schreiben, 1990 war er schließlich selbst einer in der DDR. Und darüber, warum Deutschland als vieles tauge, aber nicht als das Paradies, das sich viele auf ihrem Weg hierher erträumen. „Ausgerechnet Deutschland“ würde er das Buch nennen. „Aber das will keiner haben“, sagt er. Und kündigt an, die Geschichten einfach erst mal zu sammeln.

Es sei wichtig, über Tragödien auch mal lachen zu können, sagt Kaminer. Dass er wie im Vorübergehen Shakespeare und dessen „Macbeth“ zu streifen vermag, sagt viel über Kaminer als Autor aus. „Wir können beim nächsten Mal da weitermachen, wo ich jetzt aufhöre“, verabschiedet er sich leutselig. Bevor er sich und allen anderen ganz unironisch „ein friedliches und solidarisches Europa“ wünscht.

Von Thomas Kaestle

Kultur Raoul Schrott im Literaturhaus - Gottlos, nicht unchristlich

Raoul Schrott beeindruckt das Publikum des Literaturhauses in Hannover mit seiner „Kunst, an nichts zu glauben“.

Daniel Alexander Schacht 18.12.2015
Kultur Schnürschuh-Theater Bremen - Theater sucht "Kapitalistensau" des Abends

Wer schon immer mal auf einer Bühne stehen wollte, hat dazu am Donnerstag im Bremer Schnürschuh-Theater Gelegenheit. Acht Minuten lang können Künstler, Hobby-Performer und Laien bei "Kunst gegen Bares" vor Publikum auftreten. Die Abstimmung über den besten Auftritt erfolgt per Bezahlung. 

17.12.2015
Kultur Kulturministerin Heinen-Kljajic - „Unsere Theater stehen nicht zur Disposition“

Der Streit um die "Freischütz"-Inszenierung an der Staatsoper Hannover hat die Politik erreicht. Nach der Kritik der CDU verteidigt Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) im Interview die Kunstfreiheit - und spricht über Konsequenzen aus dem „Freischütz“.

Stefan Arndt 16.12.2015