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12:48 19.01.2018
Schriftsteller Wilhelm Genazino. Quelle: MAZ
Berlin

Wilhelm Genazino ist dem Mann auf der Spur. Männern in besten und schlechteren Jahren, Männern mit Job, aber ohne Berufung, Männern in Abwesenheit von Frauen. Sie gehen durch die zahlreichen Romane, die Genazino ihnen geschrieben hat, seit 1977 das erste Buch der Abschaffel-Trilogie erschien, gefolgt von „Die Liebe zur Einfalt“, „Die Kassiererinnen“, „Ein Regenschirm für diesen Tag“, „Die Liebesblödigkeit“ oder „Mittelmäßiges Heimweh“, um nur ein paar der schönsten Buchtitel zu nennen. In einer Woche erscheint „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ – fast pünktlich zum Geburtstag, denn am Montag wird Wilhelm Genazino 75 Jahre alt.

Geboren wurde er am 22. Januar 1943 in Mannheim, schon lange lebt er in Frankfurt am Main. Er hat Germanistik, Philosophie und Soziologie studiert, als Journalist und Redakteur gearbeitet. Das zum Beispiel findet sich wieder in „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ (2003), wo, angesiedelt in den 60ern, ein junger Mann noch fürs Lokalblatt, aber schon auf den ersten Roman hinarbeitet. Es beginnt mit einem so typischen Genazino-Satz: „Mit siebzehn trudelte ich ohne besondere Absicht in ein Doppelleben hinein.“

Genazinos Männer sind Streuner. Sie wirken dabei weder getrieben noch heimatlos; tragen einen Glückshunger bei sich, allerdings nie vor sich her. Die Jahre hinterlassen manchmal Spuren – oft sind es Flecken. Auf den Hosen zum Beispiel, die benötigt oder gekauft werden oder nicht gekauft oder fast. Natürlich sind es nicht einfach nur Hosen. So wie eine Mütze nicht nur eine Mütze ist.

„Wenn ich eines Tages gezwungen sein werde, mich vom Leben zu trennen, werde ich mit meiner Mütze anfangen“, heißt es in „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ (1989). Da macht man sich Sorgen, wenn der neue Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze heißt“, wichtige Utensilien eines Streuners – wie auch dieser Held und Ich-Erzähler einer ist. Ein Mann um die 60, der „ohne besondere Absichten lebt“, worin er seinen Vorgängern ähnelt, so dass dieser Roman all die vorangegangenen enthält, so wie die es auch schon taten.

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze. Roman. Carl Hanser Verlag; 160 Seiten, 20 Euro Buchcover Quelle: Verlag

Vertraute Vorgänge und Eigenschaften bekommen auf den ersten Seiten Raum, wenn vom Betrachten (dicker Frauen mit Schürzen) die Rede ist, von der Neugier (auf alles), dem Wunsch zu fliehen, wozu der Mann aber „zu feige und zu umständlich“ ist. In eine Grübelei versunken läuft er „die schon lange erschöpften Straßen entlang“, die von Überdruss gesäumt sind, von der Klage, der inneren Verletztheit. Ihn begleiten Ratlosigkeit, ein Gefühl der Unwissenheit und der Ödnis, das er von seiner Mutter geerbt hat. Zur Mutter kehren die Gedanken immer wieder zurück, auch zum Vater. Eigens für die Kunst des Erinnerns hat Genazino in „Ein Regenschirm für diesen Tag“ ein Institut für Mnemosyne ins Spiel gebracht.

Wieder verbindet sich das Erinnern mit der „Außerordentlichkeit meines viel zu lang anhaltenden Schmerzes“. Dreimal ist der Erzähler des neuen Romans schon gescheitert, verteilt auf elf Jahre: einmal als Bibliothekar, dann als Wertpapierhändler und zum Schluss als Provinzredakteur. Er empfiehlt sich als Hosenberater. „Keine Arbeit, keine Frau, zu wenig Lebensfreude“, zählt er seine Defizite durch. Er hört gern Nachrichten, die er schon kennt, hat „mehrere Frauen, mehrere Wohnungen, mehrere Berufe, mehrere Hosen, aber noch immer keine Zukunft“. Sogar von Wörtern wird er verlassen, von Belohnungs-Begriffen der Kindheit. Er befindet sich „in einer Art Liebesbereitschaftsdienst“ und weiß: „Das Scheitern beginnt, wenn ein Mensch die Menge dessen entdeckt, von dem er nie hatte etwas wissen wollen.“

„Das Scheitern beginnt, wenn ein Mensch die Menge dessen entdeckt, von dem er nie hatte etwas wissen wollen.“

Ja, um das Scheitern geht es auch. Und um Entfremdung, die nichts anderes ist, als „eine von Menschen schwer erkennbare Verschiebung der Verhältnisse“. Um den Schmerz, von dem er hofft, dass er sich „während des sinnlosen Herumschmerzens“ zu langweilen beginnt und von selbst verschwindet. „Du musst nicht fliehen“, ermahnt er sich, „weggehen und wiederkommen reicht“. So etwas wie Zuversicht ist ihm fremd, Bitterkeit jedoch mit Ironie abgeschmeckt, wenn er Haltestellen Namen gibt wie „Ewiger Mangel“ oder „Verkorkste Lage“.

Wilhelm Genazino perfektioniert das Prinzip der Innenansicht durch die Linse des Weltbeobachters. „Fremdheit ist wie das vergebliche Reiben an einem Fleck“, hat er mal in einem Zeitschriftenbeitrag geschrieben. Seine Romane zeigen die Flecken: die „Lebensangst“, von der er in „Wenn wir Tiere wären“ schreibt, die Mutter-Ähnlichkeit der Frauen, deren Brüste ebenfalls wiederkehrendes Thema sind. Das „angenehme Verlassenwerden von der eigenen Lebensgeschichte“ ist nicht zu haben ohne Verlustangst.

Spaziergang durch Banalitäten

Auch der neue Roman gleicht einem Spaziergang durch Banalitäten, auf deren Vermischung der Erzähler hofft, während er Zerstreuung sucht. Was er aber findet, ist „eine Art Wirklichkeitsdoublette“. Die Frauen, der Vater, die Mutter – immer wieder kommen sie ihm im Gedankenstrom entgegen. Seine Tage werden zu Erinnerungen an Erfahrungen, die erst noch gemacht werden müssen. Am besten beim Herumlaufen, jenem Versuch, dem Alleinsein in der Wohnung mit dem Bei-sich-Sein auf der Straße zu entkommen. Genazino verweist auf den Soziologen Georg Simmel und den Zusammenhang zwischen der Stadt, dem Sozialverhalten der Menschen und dem Sehen.

Das läuft sich nicht ab. Auch weil der Büchner-Preisträger immer neue Wege findet, davon zu erzählen. Das Fundament seiner Welten ist die Sprache, wie aus Bewegung geboren. Wo Wörter fehlen, erfindet er welche: Verletztheitseinbildung oder Liebeserschöpfung. Er fängt Stimmungen ein und lässt sie wieder frei, um Spaziergänger, Flaneure und Beobachter auf deren Spur zu setzen. Wer Wilhelm Genazinos Streunern folgt, kommt nicht weit, aber tief.

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze. Roman. Hanser Verlag; 176 Seiten, 20 Euro (erscheint am 29. Januar)

Von Janina Fleischer

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