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„Welcome to my country“

MerciBAKU – Imres Tagebuch (Teil 1) „Welcome to my country“

Imre Grimm berichtet für uns in einem Tagebuch aus der Eurovision-Stadt Baku. Erster Eintrag: "Das ist schon merkwürdig, wenn man Pjöngjang erwartet und stattdessen Barcelona bekommt. Wenn man klammheimlich Ausschau hält nach finsteren Soldaten mit mieser Laune und Kalaschnikow und stattdessen nachts um drei am Flughafen auf müde, aber unerbittliche Mittzwanziger trifft."

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Imre Grimm schreibt für HAZ.de das Eurovisions-Tagebuch „MerciBAKU“.

Baku. "That's my job", sagt Pavel, als er mich erst zur Visumsstelle, dann zur Passkontrolle, zur Gepäckabholung, zum Infostand ("Look, we have information!"), zum Geldautomaten und danach ins Taxi eines brummeligen Seniors mit weißem Schnurrbart schiebt. Sein Onkel? Sein Vater? Der Cousin seiner Mutter? Wer weiß das schon so genau. Das Taxi ist mit dem Eurovisionslogo bemalt, wie fast alles hier, außer Pavel und seinem Onkel.  "Welcome to my country", sagt Pavel. Er kriegt Geld dafür (hoffe ich jedenfalls, meins will er nicht), es klingt freundlich, aber eben auch ein bisschen wie "Welcome to Disneyworld". Heinrich Böll sprach mal von der "zersetzenden Kraft der Höflichkeit".

Baku sieht dann aus wie eine Hauptstadt aus den feuchten Träumen eines Autokraten - vermutlich deshalb, weil die Stadt den feuchten Träumen eines Autokraten entstammt. Nichts ist hier zu sehen von poststalinistischer Tristesse, stattdessen sandgestrahlte Großmannssucht, prachtvoller Neoklassizismus, Zypressen, Grünanlagen, Neonpyramiden und Licht, Licht, Licht. Licht ist immer reichlich da in diesem Land, jedenfalls in Baku. Jede winzige Säule am Hintereingang eines alten Postgebäudes, jeder Zwergbalkon an einem mittelprächtigen Mietshaus hat hier einen eigenen Strahler. Die drei großen Flammentürme leuchten in der kaspischen Nacht. Die riesige Staatsflagge neben der "Crystal Hall" weht wie in Zeitlupe, weil sie ungefähr so groß ist wie das Saarland, grob geschätzt. Und jeder Schandfleck - eine alte Fabrik mit toten Fenstern, ein Autohof, eine kaputter Dingsbums, ein schedderiger Irgendwas - ist hinter einer Express-Fassade aus Metallrohren, Sperrholz und riesigen Eurovision-Postern versteckt. Bei Photoshop nennt man das "Wegstempeln".

Die haben hier noch mal kräftig durchgewischt, bevor der Westen anrückte. Der Duft von heißem Asphalt liegt in der Luft. Ilham Alijew, der Autokrat in diesem Staat, duldet keine halben Sachen. Und seine gefürchtete Frau noch viel weniger. Und man kann mit Sicherheit sagen, dass sich das Land diese Chance nicht entgehen lässt. Lacoste, Prada, Burberry, Gucci und die anderen Luxuskumpels sind schon da, man macht hier auf ganz dicke Hose. Mehriban Alijeva, die Gefürchtete, spricht im Vorwort zum Eurovisions-Programmheft von "Traditionen der Toleranz und Prachtstraßen des Dialogs". Nun ja.

Aber dann biegt Pavels Onkel ab von der achtspurigen Flughafenstraße. Es rumpelt und kracht, er fährt Schlangenlinien um die Schlaglöcher und steht mitten in einem halbfertigen Industriegebiet vor einem Neubau, der aussieht wie das Hauptquartier von AWD Aserbaidschan: silberne Fenster, vier Schnurrbartträger an der Rezeption. Sie stecken mich dann erst mal in die Präsidentensuite mit drei Räumen, einer eigenen Sauna, Kronleuchter und sechs Meter hohen Wänden, morgen kriege ich dann ein angemessenes Zimmer. Sicherheitshaber gucke ich, ob unter dem Bett eine Blondine liegt. Oder der Geheimdienst. Oder Pavels Onkel, was weiß ich, man ist ja ein bisschen paranoid in einem Land, das seine Hauptstadt in eine Perle verwandelt und einen Journalisten aus Hännowerdschörmänni dann erst mal in die Präsidentensuite "1001" steckt.

Ein merkwürdiges Land. Vorhin, auf der Flughafenstraße, ist ein alter Lada liegengeblieben. Er stand mitten auf der achtspurigen Autobahn. Das wird Alijew gar nicht gefallen, die Symbolkraft dieses Bildes: Da rauscht links und rechts das neue Aserbaidschan vorbei, und der alte Lada stottert und bleibt stehen, und sein Fahrer mit weißem Bart weiß nicht mehr weiter. Wahrscheinlich haben sie den Wagen inzwischen schon längst von der Straße weggesandstrahlt und den Fahrer in eine Uniform gesteckt, um die Eurovisionsgäste zu begrüßen.  

Im deutschen Grand-Prix-Tross ist ein kleiner Streit entbrannt: Darf man - wie der offizielle NDR-Blogger Jan Feddersen - Baku zunächst mal "hübsch" finden und ansonsten allerlei menschenrechtliche Bedenken als "Polit-Sperenzien" abtun? Oder sollte, muss man gar die Spaßbremse geben und dran erinnern, dass das hier kein normaler Eurovision Song Contest ist? Ich finde: Man muss.

"Woher kommt das ganze Geld?", frage ich Iba, einen jungen Hotelmanager.

"Von der Regierung", sagt er stolz.  

"Und wo hat die Regierung das Geld her?", frage ich.  

"Keine Ahnung", sagt er. "Aber sieht doch toll aus, Baku."  

Heute gibt's kostenloses Sis Kebap im Pressezentrum. Die Kaffeeausgeberinnen in der Caféteria haben kleine goldene Hauben auf. Jeder Eurovisions-Bus hat seine eigene Polizeieskorte. Und alles nur, damit ein paar bulgarische Journalistinnen mit Jedward-Pappfrisur glauben, alles sei wie immer.

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MerciBAKU – Imres Tagebuch (Teil 2)
Imre Grimm schreibt für op-marburg.de das Eurovisions-Tagebuch „MerciBAKU“.

Ich habe jetzt eine Ahnung, wie Hannover zur Expo 2000 ausgesehen hätte, wenn tatsächlich alle verkehrspolitischen Horrormärchen von 1999 Wirklichkeit geworden wären: Am Dienstag war Baku gesperrt.

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