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Kultur „Lachanfall am Schreibtisch“
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18:53 24.06.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Joachim Meyerhoff spricht übers Schreiben und Spielen. Quelle: Peter Rigaud / Copyright www.peterrigaud.com (Archiv)
Hannover

Herr Meyerhoff, die ersten Erfolge mit Ihren Texten hatten Sie, als Sie sie öffentlich vorgetragen haben. Denken Sie beim Schreiben ans Vortragen? Diktieren Sie Ihre Texte vielleicht?
Also meine Texte zu diktieren, käme mir wirklich völlig aberwitzig vor. Wie soll das gehen? Man flaniert im Zimmer auf und ab, und irgendein treu ergebenes Faktotum notiert die Ergüsse? Und auch an das Vortragen denke ich nicht beim Schreiben - aber natürlich ist es mir wichtig, meine Texte laut zu lesen, sie zum Klingen zu bringen. Es muss mir eine Freude sein, das Selbstverfasste zu hören und zu sprechen. Es stimmt, die ersten Texte habe ich zu Theaterabenden verarbeitet. Es fiel mir schwer, das eigene Geschriebene aus der Hand zu geben. Ich habe immer viel gelesen, und da ist es nicht ganz einfach, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Ich habe viele Jahre gebraucht, um diese Lücke zwischen Anspruch und den eigenen Möglichkeiten zu schließen.

Ihre Art zu schreiben hat so etwas Freundliches, Offenes. Man hört Sie geradezu lachen beim Lesen. Sind Sie so ein freundlicher Typ?
Na, das weiß ich nun wirklich nicht. Ich wäre in jedem Fall gerne freundlicher als ich bin, aber auch unfreundlicher, lustiger und zorniger auch. Schreiben ist ja auch immer der Versuch, aus dem Mittelmaß des eigenen Gefühlshaushaltes herauszukommen - sich in alle Richtungen zu intensivieren. Zu den schönsten Momenten beim Schreiben gehört es, wenn man plötzlich den Kern einer Situation erfasst, den Ton trifft und die in all ihrer Schönheit zum Leben erwacht. Das ist ein magischer Moment. Da sitzt man nachts am Schreibtisch und bekommt einen Lachanfall. Ich ringe sehr um die Offenheit meiner Texte - da muss alles rein, vom Schlimmsten und Schönsten, vom Traurigsten und Abstrusesten. Das alles weich und elegant zu verzahnen, zu verschlingen, daran arbeite ich.

Sie berichten auch intime Details aus Ihrer Familie. Wo waren für Sie die Grenzen beim Schreiben?
Die Grenzen tauchen da ganz schnell auf, wo man sie überschreitet - sich die Grenzen immer nur vorzustellen, ist langweilig. Es geht mir ja nie darum, jemanden bloßzustellen oder mit jemandem abzurechnen, aber ich habe schon versucht, weit zu gehen, ohne dabei unangenehm zu werden oder platt. Wenn man den liebenden Blick auf die Menschen, die man beschreibt, nicht verliert, kann man sehr, sehr weit gehen, finde ich. Meine Mutter, die in mehreren Szenen auftaucht und auch nicht gerade geschont wird, liest sogar aus dem Roman in der Kleinstadt, aus der ich komme. Also das hat mich gefreut - das ist ein ganz klares Einverständnis.

Wenn Sie einen Sohn hätten, der so über Sie schreiben würde, wie Sie über Ihren Vater geschrieben haben - wie fänden Sie das?
Großartig! Was könnte es Schöneres geben, als für den eigenen Sohn ein großes Thema zu sein? Das Schlimmste ist doch das Desinteresse oder so ein Nebeneinanderher oder Voreinanderweg oder Hintereinanderher. Man muss sich eben auch einfach mal zu nahe treten, um sich näher zu kommen - das ist nicht von mir, gefällt mir aber. Dieses Buch ist gleichermaßen eine Liebeserklärung wie eine Zurechtrückung meines Vaters. Ich hoffe sehr, dass es ihm gefallen hätte.

Ihr großes literarisches Thema ist Ihr eigenes Leben. Das autobiografische Schreiben führt doch an eine Grenze, wenn man der Gegenwart immer näherkommt. Spüren Sie diese Grenze?
Ja, es ist tatsächlich so, dass ich eine gewisse Distanz zu den Geschehnissen brauche, die ich beschreibe. In den beiden bisher geschriebenen Büchern geht es jeweils auch um den schmerzlichen Verlust eines nahen Menschen - meines Bruders und meines Vaters -, und auch die noch geplanten beiden Romane speisen sich trotz all ihrer Heiterkeit aus dem Verlust - es gab eben diese Zeit, in der in wenigen Jahren plötzlich der Tod so eine zentrale Rolle einnahm. Das gibt auch den zeitlichen Rahmen vor, denn Gott sei Dank habe ich jetzt doch schon lange niemanden mehr zu Grabe tragen müssen. Wissen sie: Ich hasse den Begriff Trauerarbeit. Mein Gott: Selbst die Trauer soll Arbeit sein? Und irgendwann ist dann die Arbeit abgeschlossen und fertig? Das will ich nicht, und das kann ich nicht. Ich will meine Toten nicht gehen lassen. Ich hänge an ihnen. Ich will mich ihnen mit Heiterkeit und Freude verbunden fühlen.

Ihr aktuelles Buch heißt „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Soll der Titel ausdrücken, dass man sich sowieso nicht richtig erinnern kann?
Es gibt kein richtiges oder falsches Erinnern, finde ich. Aber man ist oft erinnerungsfaul - bastelt sich so eine eher ins Anekdotische gehende Spotlight-Biografie. Es ist nicht einfach, sich in Zusammenhängen zu erinnern. Natürlich erfinden wir eh alle ununterbrochen und füllen unsere Erinnerungslücken mit Fiktion. Ich suche nach einer spielerischen Form - die sowohl dem sogenannten Authentischen als auch dem sogenannten Fiktiven verpflichtet ist. Es ist mir beim Schreiben mehrmals passiert, dass ich etwas erfunden habe, das mein Bruder gelesen hat und zu dem er dann gesagt hat: Das war genau so. An dieser Schnittstelle balancieren wir doch eh alle unsere Wahrnehmung durch die Welt.

Sie sind auch ein erfolgreicher Schauspieler. In der neuen Spielzeit gehören Sie zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg. Wie passen Schreiben und Spielen zusammen?
Ausgezeichnet. Ich hab’ mich zweigeteilt, und jetzt sitzt in jeder Waagschale ein eigenständiger Mensch. Wenn ich Theater spiele, sehne ich mich danach zu schreiben, und wenn ich am Schreibtisch hocke, möchte ich ins Theater und losspielen. So treibt mich die Sehnsucht nach dem jeweils Abwesenden voran - klingt vielleicht mühsam, aber ich empfinde das als sehr anregend. Das Spielen stillt meinen Heißhunger nach Bewegung und Begegnung, das Schreiben mein Verlangen nach Abgeschiedenheit und einer gewissen Unabhängigkeit, die es ja im Theater gar nicht geben kann und soll - da geht es ja gerade um das Gemeinschaftliche. Mal sehen, wo mich das noch hinführt.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Zur Person

Joachim Meyerhoff (Jahrgang 1967) ist als Sohn des Direktors der Landespsychiatrischen Anstalt von Schleswig-Holstein aufgewachsen. Nach dem Abitur lernte er Schauspielerei an der Münchener Falckenberg-Schauspielschule, wurde Schauspieler, spielte in Kassel, Bielefeld, Hamburg und am Wiener Burgtheater. Parallel zum Theater begann er, Texte zu schreiben und auf die Bühne zu bringen. Die Vorstellungen mit seinen biografischen Texten kamen bei Publikum und Kritik gut an. Auch für seinen ersten Roman „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“ bekam er viel Lob. Nun liegt sein zweiter Roman vor: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Von Donnerstag an wird er in der HAZ zu lesen sein.

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