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Kultur Krisen und Gladiolen
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22:07 06.08.2014
Klassiker der Dokumentarfotografie: Mädchen im French Quarter von New Orleans (1935). Foto: The Metropolitan Museum of Art Quelle: Walker Evans
Berlin

Müde Farmer, ausgemergelte Kinder, dürre Felder: Walker Evans ging als Chronist der amerikanischen Krisenjahre nach dem Börsencrash von 1929 in die Geschichte ein.

Man kann sogar sagen, er prägte das Bild der „Großen Depression“. Die Krise hatte nicht nur das städtische Proletariat in Existenznöte gestürzt, sondern, in Verbindung mit Dürrekatastrophen, auch die Landbevölkerung. Im Auftrag eines Programms der Farm Security Administration (FSA), das im Rahmen der Reformen des Präsidenten Franklin D. Roosevelt stand, dokumentierten Evans und andere Fotografen die Situation der Amerikaner in den dreißiger Jahren mit rund 200 000 Bildern.

Die Depressionsbilder färben so stark die Wahrnehmung des großen Fotodokumentaristen Evans, dass man sich den Fotografen selber staubig und müde vorstellt. Die erste große Überblicksschau über sein Lebenswerk in Deutschland, mit mehr als 200 Vintage-Prints im Martin-Gropius-Bau in Berlin, korrigiert das einseitige Bild. Die zuvor in Köln gezeigte Schau spart die soziologischen Evans-Ikonen nicht aus, die bis heute zur Krisenbebilderung herangezogen werden. Sie zeigt daneben aber andere, weniger bekannte Facetten des Fotografen. Evans begegnet dem Besucher als Gladiolen-Freund und eingefleischter Bohemien.

Im Sommer 1929 zog er sich mit seinem Künstlerfreund Paul Grotz, einem deutschen Architekturstudenten, in den Garten seines Vaters zurück. Um die Gegenleistung des Blumengießens überließ Evans Vater, der in der Werbeindustrie beschäftigt war, den jungen Leuten sein Gartenreich. „Es ist alles bereit: Auto, Musik, Bücher, genug zu essen, Kameras, la nature, meine Gesellschaft“, warb Evans in der Hoffnung, einen weiteren Künstlerfreund aus Europa anzulocken.

In jenem Sommer in Connecticut entstand eine reizende Studie unterschiedlicher Gladiolen, die wie Stars vor dunklem Hintergrund aufleuchten. Die Blumen stehen am Anfang der Berliner Schau.

„Exotisch – vielleicht für einen Tag oder so.“

Ein paar Monate vor dem offiziellen Auftrag für die Farm Security Administration 1935 war Evans mit Freunden auf eigene Faust im amerikanischen Süden mit dem Auto unterwegs. Ihn interessierte die Ästhetik des Verfalls bedrohter neoklassizistischer Herrenhäuser in Georgia und angrenzenden Staaten. Parallel fesselten ihn einfache Bauten, Schuppen, die er betont sachlich und frontal in Szene setzte. Jahrzehnte später dokumentierten die deutschen Fotokünstler Bernd und Hilla Becher stillgelegte Wasserspeicher und Kühltürme in diesem Stil.

Gar nicht ins gängige Bild passt die Vorstellung von Walker Evans auf einer Segeljacht mit den Reichen und Schönen. Ende 1931 begab sich der Fotograf auf Einladung eines New Yorker Millionärs auf eine viermonatige Kreuzfahrt in die Südsee. Eine Fotografie zeigt zwei Männer und eine junge, mondäne Frau. Sie tragen zur Segelkleidung arrogante Miene und wirken wie einem Truman-Capote-Roman entsprungen. Der Fotokünstler fühlte sich mit seinen Begleitern offenbar nur halb wohl. In einem Brief klagte er: „Exotisch ja, durchaus, vielleicht für einen Tag oder so.“

Neben Fotografien brachte Evans umfangreiches Filmmaterial von der Südseereise mit: Tanzende Inselschönheiten wechseln mit der Takelage des Bootes, die im Wind ebenfalls tanzt und grafische Muster in den Himmel zeichnet.

„Walker Evans wollte ursprünglich Schriftsteller werden“, sagt der Gropius-Bau-Chef Gereon Sievernich. In Paris habe er in den zwanziger Jahren die französische Literatur studiert. Als Evans sich dann auf die Fotografie verlegte, habe er gesagt, er wolle so fotografieren, wie James Joyce schreibe, also in der „vernacular language“: direkt, rau, authentisch. Noch in den dreißiger Jahren widmete ihm das Museum of Modern Art in New York eine Ausstellung.

Mit seiner Ausrichtung hat Walker Evans maßgeblich mitdefiniert, was bis heute als künstlerisch-dokumentarische Fotografie wertgeschätzt wird. Wegbereiter war Evans aber auch auf dem Feld der Spitzel-Fotografie. Mit der Knopflochkamera knipste er in der New Yorker U-Bahn arglose Reisende. Die „Subway-Portraits“ seien „nicht ganz PC“, räumt Gropius-Bau-Chef Sieverich ein, aber selbstverständlich dürften sie in einer Evans-Schau nicht fehlen. Die wesentlichen Werke sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Evans war aber auch im Illustrierten-Business erfolgreich: als Layouter beim Wirtschaftsmagazin „Fortune“. Dessen Stil prägte Titel wie zum Beispiel den deutschen „stern“.

„Walker Evans. Ein Lebenswerk“, bis 9. November im Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, mittwochs bis montags 10 bis 19 Uhr, Katalog 29 Euro, www.berlinerfestspiele.de.

Johanna di Blasi

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