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Kultur Wagner: „Ich hatte das Glück zu überleben“
Mehr Welt Kultur Wagner: „Ich hatte das Glück zu überleben“
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08:09 04.06.2013
Von Jutta Rinas
Schrieb ein Buch über die Organtransplantation: David Wagner.
Hannover

Herr Wagner, vor sieben Jahren wurde Ihnen eine Leber transplantiert. Wann haben Sie zum ersten Mal daran gedacht, aus dieser existenziellen Erfahrung ein Buch zu machen?

Es ist schon etwa ein Jahr nach der Operation ein Artikel von mir in einer Zeitschrift erschienen, ein erster Versuch, diese Wundergeschichte zu verstehen. Ich wollte mir selbst noch einmal erzählen, was da eigentlich passiert ist. Es gab Tage, da bin ich aufgewacht und konnte kaum glauben, was geschehen ist. Bin ich tatsächlich aufgeschnitten worden? Wurde mir das Organ eines Verstorbenen eingesetzt?

Wann wurde aus dem Artikel ein Buch?

Die Beschäftigung mit der Transplantation war wichtig für mich, aber nicht alles. Ich habe mich auch für das Krankenhaus, diesen merkwürdigen Ort, wo man so viel Zeit hat, so viel nachdenkt, so lange einfach nur herumliegt, interessiert. Dazu kam das Gefühl, dass es auch eine Verpflichtung gibt, zu erzählen, dass man selbst, also ich, das Glück hatte zu überleben. Viele Leute haben dieses Glück nicht. Irgendwann wusste ich, dass aus all dem ein Buch wird. Es hat fünf Jahre gedauert.

In „Leben“ schreiben Sie, „all die Erinnerungstrümmer, die Verzweiflung, die Peinlichkeiten, die kleinen Klinikfreuden“, könnten - aufgeschrieben - auch eine Art Dankesbrief an den unbekannten Spender sein.

Tja, er ist ja nun leider tot. Mein Buch kann sich also nur noch symbolisch an ihn richten. Wenn man so ein zweites Leben geschenkt bekommt, gibt es aber den Wunsch, sich zu bedanken, auch sich dafür zu rechtfertigen, dass man noch oder wieder lebt. Ich denke, so lange ich etwas über meinen Spender erzähle, solange ist sie oder er auch irgendwie noch da. Das gilt für uns alle. Solange über uns erzählt sind, sind wir noch nicht ganz aus dem Leben verschwunden.

Wie autobiografisch ist Ihr Buch tatsächlich? Manche Episoden kann man kaum glauben - zum Beispiel, dass der Protagonist, der seit seiner Kindheit an einer Autoimmunhepatitis leidet, seine erste Transplantation ablehnt....

Tja, das war fast auch in Wirklichkeit so. Es ist in dem Buch vielleicht ein bisschen dramatisiert und zeitlich gestaucht. Aber es gab diese Entscheidung gegen eine Transplantation wirklich. So ein Eingriff ist ja in gewisser Weise auch mit einem Abschied vom bisherigen Leben verbunden. Man hat Angst. Man weiß nicht genau, was die fremde Biochemie mit einem macht, ob man danach wirklich noch derselbe ist. Man hat keine Garantie, dass es einem nach dem Eingriff wirklich gut geht. Mir ging es damals, als ich Nein sagte, noch nicht ganz so schlecht. Da kann die Angst auch einmal größer als der Mut zum Risiko sein.

Sie schreiben zwar in der Ichform, aber Sie suchen gleichzeitig Distanz, nennen sich beispielsweise nicht David Wagner, sondern Herr W. Warum?

Das „Ich“ ist in meinem Roman eine Kunstfigur. Dass ich sie verwendet habe, hat auch etwas damit zu tun, dass ich die Ichform als Erzählform prinzipiell lieber mag. Setzen Sie an die Stelle der „Ichs“ in dem Roman mal das „Er“. Das klingt überhaupt nicht. Das „Ich“ ist aber auch eine Maske. Es war ja eine sehr intime Geschichte, die ich erzählen wollte, da musste ich mich distanzieren, um keine reine Autobiografie daraus zu machen.

Sie erzählen Ihre Geschichte in Form von 277 Fragmenten. Was bietet diese Erzählweise, was der traditionelle autobiografische Roman nicht hat?

Ich habe lange versucht, den Inhalt in meinem Buch zu ordnen, zu komponieren. Irgendwann wusste ich, dass ich es so machen will. Der Stoff ist ja ein bisschen schwer. Da wollte ich ihn ein bisschen leichter machen.

Wenn Menschen durch eine Krankheit vom Tod bedroht sind, lesen sie oft Bücher über das Sterben. Das kommt bei Ihnen so gut wie gar nicht vor.

In meinem Buch führt die Linie ja zum Leben, nicht zum Tod wie bei vielen Krebserkrankungen, wo es wirklich ans Sterben geht. Im Fall einer Transplantation überwiegt der Lebenswille. Das Ignorieren des Todes, das Sich-nicht-drum-Kümmern hat auch etwas damit zu tun, dass das Leben unbedingt weitergehen soll.

Zu den berührendsten Konstruktionen in Ihrem Buch gehört das Zwiegespräch des erfolgreich Transplantierten mit einem imaginierten Du, dem unbekannten toten Spender. Haben Sie sich selbst nach der Operation auch als „Zweiheit“ gesehen? Oder ist das ein Kunstgriff, um sich zum Beispiel mit der Frage zu beschäftigen, was die Identität eines Menschen ausmacht?

Es ist auf jeden Fall auch ein Kunstgriff. Der Erzähler spielt ja mit dem Gedanken, dass es eine weibliche Spenderin ist. Da habe ich literarisch die Möglichkeit, mit den Elementen einer romantischen Liebe zu arbeiten. Prinzipiell muss man sich nach einer Transplantation zu dem Thema natürlich irgendwie verhalten. Es gab Situationen, wo es zu solchen Zweisamkeiten kam: Sie kamen und verschwanden. Ich habe das poetisch ausgenutzt.

Was sagen Sie heute zu der Frage, ob der Mensch die Summe seiner Organe ist?

Ich weiß es nicht, die Frage bleibt. Vielleicht ist es für unser Selbstbild letztlich nicht so entscheidend, ob das eine Organ oder das andere nicht unser ursprüngliches ist. Ich habe versucht, mich der Frage zu stellen, in dem ich sie in meinem Buch aufwerfe. Eine endgültige Antwort habe ich nicht.

Und: Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es sehr gut. Heute beispielsweise war ich zweieinhalb Stunden spazieren. Das war sehr schön.

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