Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Verrohung steht auf Richard Geres Speisekarte
Mehr Welt Kultur Verrohung steht auf Richard Geres Speisekarte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 08.06.2017
Im Nobelrestaurant geht es gepflegt um Leben und Tod: Stan (Richard Gere) und Katelyn Lohman (Rebecca Hall) stehen für ein erbarmungsloses Amerika. Quelle: Tobis
Hannover

Ein nettes Essen wird das für die beiden Paare nicht - trotz Haute Cuisine auf dem Teller und Heerscharen von diensteifrigen Kellnern im Hintergrund. Doch mit einem entspannten Abend hatten die vier aber wohl auch gar nicht gerechnet. Erstens verlaufen Abende wohl nie so richtig locker, wenn man mit dem Kongressabgeordneten und Gouverneurskandidaten Stan diniert und dessen Assistentin ein paar Tische weiter dauernd wegen wichtiger Absprachen mit dem Handy wedelt, zweitens fühlt sich Stans Bruder, der arbeitslose Geschichtslehrer Paul, im Hintertreffen gegenüber dem erfolgreichen Politiker, und drittens rumort an diesem Abend im gedämpften Kerzenlicht eine schreckliche Geschichte im Hintergrund.

Mord an einer Obdachlosen

Deretwegen sind Paul (Steve Coogan) und Claire (Laura Linney), Stan (Richard Gere) und seine dekorative Gattin Katelyn (Rebecca Hall) eigentlich zusammengekommen: Ihre Teenager-Söhne haben gemeinsam ein monströses Verbrechen begangen, eines von jenen, von denen man ab und an in der Zeitung liest und die einen fassungslos den Kopf schütteln lassen. Die beiden haben eine Obdachlose in einem Bankautomaten-Häuschen angezündet, ohne Grund, nur so aus Spaß. Ein Streichholz nach dem anderen haben sie auf den Schlafsack ihres Opfers geworfen, bis dieser in Flammen aufging. Sie haben die Frau verbrennen lassen, das Ganze johlend mit dem Handy gefilmt, und dann hat ein anderer Jugendlicher die Bilder auch noch ins Netz gestellt.

Auf dem Video sind die Täter nicht zu erkennen, noch sind sie unentdeckt. Aber wird das auch so bleiben? Sollen die Eltern versuchen, die Sache mit Geld und ihren guten Beziehungen unter den Tisch zu kehren? Oder sollen sich die Jugendlichen stellen, weil weder sie noch ihre Eltern mit der Schuld weiterleben könnten?

Es gibt also einiges zwischen Karottensüppchen und Perlhuhnbrust zu debattieren im Kammerspiel „The Dinner“ von Regisseur Oren Moverman. Eltern sind schon mal zum Äußersten bereit, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht. Der Film ist in fünf Akte vom „Amuse-Gueule“ bis zum „Digestif“ gegliedert. Dazwischen entfaltet der israelische Regisseur in Rückblenden, was in jener unseligen Nacht geschah.

Feines Dinner – bis die Fetzen fliegen

So bleibt viel Zeit, um sich gegenseitig Verantwortung zuzuschieben und aufgestaute Aggressionen rauszulassen. Das feine Dinner wird zur derben Schlachteplatte. In seinem Regiedebüt „The Messenger - Die letzte Nachricht“ (2009) verhandelte Moverman schon einmal das Thema Verdrängung am Beispiel eines aus dem Irak-Krieg zurückgekehrten Soldaten, der in den letzten Monaten seiner Dienstzeit die Aufgabe erhält, Angehörigen von getöteten Soldaten die traurige Nachricht zu überbringen.

Die Ausgangslage hier mag an Roman Polanskis Verfilmung von Yasmina Rezas Komödie „Der Gott des Gemetzels“ erinnern. Auch bei Polanski flogen zwischen zwei Mittelstandspaaren in wechselnden Konstellationen die Fetzen, aber das war vor allem komisch. Hier driftet die Handlung ins Erbarmungslose ab. Bald geht es auch nicht mehr nur um diese Familie, sondern um Amerika als Ganzes, um Werteverfall und Lüge. Ein wenig aufdringlich mag Moverman dies illustrieren, wenn er die beiden Brüder bei einem früheren (gescheiterten) Versöhnungsausflug zeigt - ausgerechnet in Gettysburg, also am Schauplatz einer der blutigsten Schlachten im Amerikanischen Bürgerkrieg.

Der Film gründet auf einem Theaterstück

Verblüffend aber, wie Moverman die Figuren ganz unerwartete Entwicklungen nehmen lässt: Die eben noch so fürsorgliche Claire entpuppt sich als wahres Muttermonster, der liberale Paul als psychisch beschädigter Zyniker. Es ist ausgerechnet der Politiker Stan, der voller Pein über Schuld und Sühne sinniert und zumindest zwischenzeitlich zu schmerzhaften Entscheidungen bereit scheint, die seine eigene Karriere beträfen. Politiker haben also vielleicht doch Moral.

Das Kammerspiel „The Dinner“ beruht auf dem 2009 veröffentlichten Roman „Angerichtet“ des niederländischen Autors Herman Koch. Und doch scheint er wie für die aktuellen gesellschaftspolitischen Verhältnisse in den USA geschrieben. Als der Film im Februar im Wettbewerb der Berlinale lief, wunderte man sich, wie der Regisseur so punktgenau ins dunkle Herz Amerikas zielen konnte. Die Dehnbarkeit von Moral und Wahrheit ist enorm: Heuchelei, Selbstgerechtigkeit und Hass auf Außenseiter - alles kommt in diesem Edelrestaurant auf den Tisch. Ein Wunder, dass die vier überhaupt einen Bissen runterbekommen.

Von Stefan Stosch / RND

Kultur Kino: „Whitney. Can I Be Me?“ - Das lange Sterben der Whitney Houston

Eine tieftraurige Pop-Doku widmet sich einer großartigen Popprinzessin, die keinen Prinzen fand, der ihr aus den Lebenskrisen hätte helfen können: „Whitney. Can I Be Me?“ (Kinostart: 8. Juni) lässt nicht nur den Fan erschrocken zurück.

08.06.2017
Kultur Kino: „Born to be Blue“ - Ein hörenswerter Film über Jazz

Chet Baker war der „James Dean des Jazz“: „Born to Be Blue“ (Kinostart: Donnerstag, 8. Juni) erzählt, wie der Musiker ohne Vorderzähne das Trompetenspiel neu lernen musste. Der Film ist kein klassisches Biopic sondern gestaltet frei aus den Mythen, die den legendären Musiker zugewoben haben. Auch die süße Jane an seiner Seite hats nicht gegeben.

08.06.2017

Fern vom Land der Pharaonen entdeckt Tom Cruise ein altägyptisches Grab. Darin wurde vor 5000 Jahren eine verfluchte Pharaonentochter bestattet, die von den Toten aufersteht und ihre Herrschaftspläne durchziehen will. Leider begräbt Regisseur Alex Kurtzman in seiner Neuverfilmung von „Die Mumie“ (Kinostart: 8. Juni) alles Gruseln unter Action.

08.06.2017