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Kultur Ton Koopmann leitet drittes Sinfonieorchester
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09:11 01.12.2015
Von Stefan Arndt
„Wir haben gespielt wie die Zeugen Jehovas“: Ton Koopman. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
Hannover

Nicht nur wegen seiner epochalen Gesamteinspielung der Bach-Kantaten ist Koopman längst ein Platz in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts sicher. Aber aufhören? Daran hat der agile Holländer bis jetzt noch nicht einmal gedacht. „Fragen Sie mich das, wenn ich 85 bin“, sagt er im Gespräch. Schließlich mache sein Beruf ja eigentlich gar keine Arbeit: „Wenn ich ein Konzert dirigiere, dauert das gerade mal zwei Stunden – und dazu gehört sogar noch eine Pause.“

Im hannoverschen Opernhaus, wo Koopman nun das dritte Sinfoniekonzert des Staatsorchesters geleitet hat, war der Arbeitstag zumindest am Sonntag aber doch ein bisschen länger. Nach dem letzten Ton gab es fast eine Viertelstunde lang Applaus im ausverkauften Saal, und der Dirigent musste sich wieder und wieder verbeugen.

Dabei erwies sich der Holländer, der von der Orgel und vom Cembalo kommt und zugleich ein versierter Musikwissenschaftler ist, durchaus nicht als ein routinierter Orchesterleiter. Mit eigenwilliger Energie bewegt er den rechten Arm, bis man um sein Schultergelenk zu fürchten beginnt, während links nur gelegentlich der Zeigefinger zum Einsatz kommt. „Es gibt sicher Dirigenten, die klarer in der Zeichengebung sind“, sagt er selbst. „Aber ich weiß genau, was ich will.“

In Hannover war nun zu erleben, dass er dieses Ziel auch erreicht, wenn die Musiker nicht wie bei Koopman sonst üblich auf historischen Instrumenten spielen. Das Staatsorchester hatte immerhin Kesselpauken ohne Pedale und hölzerne Querflöten parat, doch auch mit ansonsten moderner Ausstattung gelangen echte Koopman-Momente. Wenn etwa Fagottist Thomas Held in einem langen Basslauf von Bachs C-Dur-Orchestersuite richtig in Schwung gerät, hat das genauso viel Temperament wie ein Pedalsolo mit Koopman an der Orgel.
Dass der Holländer vor lauter musikalischem Tatendrang einmal eine Orgel kaputt gespielt hat, wie hartnäckig überliefert wird, weist er selbst in den Bereich der Legende zurück. „Allerdings nützt es nichts, immer nur brav dazusitzen und langweilig zu spielen. Man muss schon ein bisschen Schwung reinbringen“, sagt er.

In der Staatsoper gelang ihm das besonders gut in Haydns vorletzter Sinfonie „mit dem Paukenwirbel“. Das Stück stand am Ziel einer kleinen Reise durch die Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts, die von Bach über den frühen Mozart und dessen 20. D-Dur-Sinfonie zum späten Haydn führt.

Früher, erzählt Koopman, sei seine Art zu musizieren sehr viel strenger gewesen. „Als die historische Aufführungspraxis noch nicht so verbreitet gewesen ist, haben wir gespielt wie die Zeugen Jehovas: Wir wollten zeigen, wie man die Musik richtig spielt. Heute bin ich viel pragmatischer: Persönlichkeit gehört unbedingt dazu“, sagt er. Und so vermag er nun mit dem unberechenbaren Haydn zu überraschen: mit einem aufschreckenden Paukensolo, das viel mehr als der titelgebende Wirbel ist, und mit beiläufig ins Dunkel abtauchenden Holzbläserphrasen, die so völlig anders klingen als jeder andere Beginn einer Sinfonie. Koopman zelebriert gerade die Exzentrik dieser Musik – und ist am Ende doch entspannt genug, ihrem übersprudelnden Temperament freien Lauf zu lassen.

Aber eigentlich ist es da schon gar nicht mehr der Dirigent, der das bewirkt. Er lässt es die Musiker machen, die einmal angestiftet mit erkennbarer Begeisterung bei der Sache sind. Koopman bedankt sich am Ende noch einmal bei jedem einzelnen mit Handschlag – dann kann er seinen Arbeitstag beenden. Mag sein, dass er insgesamt tatsächlich ziemlich kurz war. Bei den Zuhörern wird er aber noch lange nachhallen. Zum Glück dauert es noch 14 Jahre, bis Koopman 85 ist.     

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