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22:10 18.09.2014
Von Jutta Rinas
Ein Leben, zwei Frauen: Musikhochschulchefin Susanne Rode-Breymann schrieb eine Biografie über Alma Mahler-Werfel. Quelle: Dillenberg
Hannover

Was für Bilder sind von dieser Frau schon entworfen worden! Als Femme fatale kennt man Alma Mahler-Werfel, als Muse eines ganzen Reigens berühmter Künstler - darunter die Komponisten Alexander Zemlinsky, Gustav Mahler und Hans Pfitzner, der Architekt Walter Gropius, die Maler Gustav Klimt und Oskar Kokoschka und der Schriftsteller Franz Werfel -, als egozentrische Selbstdarstellerin, die nicht einmal zur Beerdigung ihres einzigen Sohnes ging.

„Sie war eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake“ lautet ein berühmtes Zitat über „Almschi“. Es stammt von Marietta Torberg, der Frau des mit dem „schönsten Mädchen von ganz Wien“ befreundeten Schriftstellers Friedrich Torberg. Es zeigt, in welch extremen Tonlagen Alma Mahler-Werfel bislang wahrgenommen wurde.

Susanne Rode-Breymann, Musikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt „Musik und Gender“ und Präsidentin der hannoverschen Musikhochschule, hat diesen Bildern in ihrer Biografie „Alma Mahler-Werfel. Muse Gattin Witwe“ nun ein Neues hinzugefügt: eines, das wohltuend undramatisch daherkommt, das die Spuren eines normalen Frauenlebens im Besonderen sucht. Man gewinne mit „Skandalisierungen“ keine realistische Perspektive auf „Almschi“, schreibt Rode-Breymann. Unter Zuhilfenahme neuer Quellen, des Briefwechsels zwischen Alma Mahler-Werfel und Alban und Helene Berg sowie des Briefwechsels zwischen Alma und Arnold Schönberg, vermittelt die Mitherausgeberin von Mahler-Werfels „Tagebuch-Suiten 1898-1902“ eine neue Perspektive auf eine Frau, die - trotz großer Begabung - nicht den Mut (oder möglicherweise auch keine Lust) hatte, ihre eigene Kreativität in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Rode-Breymann räumt schon in den ersten Kapiteln mit dem Vorurteil auf, Alma, die nie eine Schule besuchte, sei nicht gebildet genug gewesen, um ihren berühmten Partnern intellektuell zu begegnen, ihnen nicht nur Muse, sondern gleichberechtigte Gesprächspartnerin zu sein. Sie beschreibt ausführlich den Klavierunterricht, den die Tochter des Landschaftsmalers Emil Jakob Schindler und der Sängerin Anne Sofie Bergen genoss (und der das Vom-Blatt-Spielen komplizierter Wagner-Partituren einschloss), ihre Kontrapunktstudien, ihren Kompositionsunterricht: eine fundierte Ausbildung, die Alma wohl eine Karriere als Musikerin ermöglicht hätte, wenn auch nicht als komponierender oder Klavier spielender Superstar. Rode-Breymann extrahiert aus den Tagebüchern Almas sogar Listen der Autoren, mit denen die Jugendliche sich auseinandersetzte - darunter Aischylos, Dante, Hebbel, Goethe, Grillparzer, Hebbel, Tolstoi, Zola und Karl Kraus - und zieht Parallelen zu dem ebenso lesewütigen Alban Berg.

Alma Mahler-Werfel war erst 22 Jahre alt, als sie den 19 Jahre älteren Gustav Mahler heiratete. Künstlerisch unbedarft - das kann man nach der Lektüre von Rode-Breymanns Biografie zweifelsfrei sagen - war sie nicht. Susanne Rode-Breymann räumt aber auch endgültig mit einer der bekanntesten Legenden um Alma auf, der nämlich, dass sie von ihrem herrschsüchtigen Ehemann gezwungen worden sei, mit dem Komponieren aufzuhören. Rode-Breymann zeigt, dass Alma durchaus Entscheidungsspielräume hatte - und sie nicht nutzte. Der „feministische Vorwurf“, Mahler sei allein schuld am Verzicht Almas auf eigene Werke, sei „die Fortsetzung männlicher Geniegläubigkeit“, unter der die Frau nicht einmal als (Mit-)Entscheidende in Erwägung gezogen werde. Manchmal legt die hannoversche Hochschulpräsidentin einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag. Die „Tagebuch-Suiten“, in denen es von Verzweiflungsausbrüchen Almas wegen ihrer Stimmungsschwankungen nur so wimmelt, unterlegt sie mit einem Menstruationskalender. Der Abgleich zeigt, dass Alma wohl unter einem prämenstruellen Syndrom litt.

Es sind immer wieder Würdigungen von bisher nicht ausreichend berücksichtigtem Material, die einen angenehm geerdeten, menschlichen Blick auf Alma Mahler-Werfel ermöglichen. Manchmal sind sie eher unterhaltsam, wie die eingestreute Tatsache, dass Gustav Mahler seiner in den Wehen liegenden Frau aus lauter Verzweiflung zur Ablenkung Kant vorlas. Manchmal zeigen sie - so im Fall der Bewertung des Lebens von Alma Mahler-Werfel im amerikanischen Exil - deutlich, mit wie vielen Vorurteilen der Blick auf diese Frau immer noch behaftet ist. Susanne Rode-Breymann verweist in ihrem klugen Vorwort auch darauf, dass man ein gelebtes Leben immer auch anders erzählen kann, weil man „so unendlich viel aussparen muss“. Es ist zu vermuten, dass das Leben Alma Mahler-Werfels Stoff für weitere Biografien birgt. Diese hier ist aber sehr lesenswert.

Susanne Rode-Breymann: „Alma Mahler-Werfel“. C. H. Beck. 335 Seiten, 22,95 Euro.

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