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Kultur Sinnliche Utopie bei den Herrenhäuser Kunstfestspielen
Mehr Welt Kultur Sinnliche Utopie bei den Herrenhäuser Kunstfestspielen
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08:21 03.06.2013
Von Jutta Rinas
Die Zukunft im Hier und Jetzt: Ein Wandelkonzert in der Herrenhäuser Galerie wagt mit Avantgardemusik und fremdartigen Objekten einen Blick auf neue Welten. Quelle: dpa
Hannover

Nicht mit großen Namen wie denen von Bianca Jagger, Christoph Schlingensief oder Vivienne Westwood, die auch außerhalb der Kunstwelt für Glanz und Glamour sorgen, wollten die Kunstfestspiele diesmal prunken. Diesmal war die Kunst allein der Star. Ihr war es vorbehalten, inmitten der Gartenanlagen Herrenhausens künstlerisch nach den Sternen zu greifen. Das war auch mit Risiken verbunden. Gegner der Kunstfestspiele, die vor der Vertragsverlängerung von Intendantin Elisabeth Schweeger vor einigen Monaten lautstark ihr Missfallen bekundeten, werfen dem Festival vor, sich zu wenig einem Publikum jenseits der Hochkultur zu öffnen. Aber diesmal gelang der Spagat zwischen Hochkultur und Hochgenuss auch ohne Prominenzfaktor: mit einer Musik, die Freiräume für neue Erfahrungen schuf, in dem sie das Bekannte, Bewährte aus neuen Blickwinkeln betrachtete.

Komponist Sánchez-Verdú und die kongeniale Regisseurin Sabrina Hölzer, die im Anschluss an das Konzert mit dem mit 20.000 Euro dotierten Belmont-Preis geehrt wurde, schufen eine Musik, deren utopischer Gehalt darin besteht, in „bleierner Zeit“ einen Weg „ins Offene“ (Friedrich Hölderlin) zu suchen. Das gelang den beiden in vielen Momenten eindrucksvoll.

Festredner Wolf D. Prix, Mitbegründer des international renommierten Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, hatte schon in seiner Eröffnungsrede ein flammendes Plädoyer dafür gehalten, neuen, nie gedachten Ideen Raum zu geben. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ zitierte er den früheren österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky (dasselbe Zitat wird hierzulande Altbundeskanzler Helmut Schmidt zugeschrieben), um das herrschende Klima „programmatischer Innovationsverhinderung“ zu beschreiben, das es zu bekämpfen gelte. Intendantin Elisabeth Schweeger beschwor die Kunstfestspiele Herrenhausen als einen Ort solcher Freiräume. „Sie werden Sachen hören, die Sie nicht sehen können, und Sachen sehen, die Sie nicht hören können“, gab sie einen

Vorgeschmack auf das von den Neuen Vocalsolisten und dem Solistenensemble Kaleidoskop aufgeführte Eröffnungswerk.
Sie hatte nicht zu viel versprochen. Das merkte man schon, als das Stück begann. Im Dämmerlicht hatten sich die meisten Zuhörer vor drei großen, in blaues Licht getauchten Tam-Tams versammelt. Plötzlich hörte man lang angehaltene Töne, die sich langsam in Intervallen übereinander schichteten. Linien aus Tönen bewegten sich aufeinander zu und wieder von einander weg. Woher die Musik kam, war nicht genau auszumachen. Teilweise kam sie von einem der in der Galerie verteilten und mit Erde, Steinen oder Mulch bestreuten Podeste, auf denen Musiker saßen und spielten. Teilweise aber auch von einem hinter oder über der Galerie liegenden Raum, aus dem Musik in die Galerie Herrenhausen herüberschallte. Einen auf den ersten Blick fast surreal wirkenden Kontrapunkt dazu bildete der Komponist, der – auch auf einem Podest stehend – dirigierte, ohne ein Orchester vor sich zu haben. Musik, die man nicht hörte? So dachte man, bis man den Monitor entdeckte, über den Sánchez Verdú die Musiker in den Räumen außerhalb der Galerie dirigierte.

Dass die Erforschung von (Klang-)räumen das zentrale Thema der Komposition sein würde, machte am Faszinierendsten ein etwa zur Halbzeit plötzlich in Regenbogenfarben angestrahltes Glaskabinett deutlich. Schaute man hinein, eröffneten sich nach hinten hin viele weitere, kleiner werdender Räume. Bilder von Besuchern spiegelten sich in dem Glaskasten, genauso wie die Bilder barocker Büsten, die die Längsseiten der Galerie säumen. Vergangenwart und Gegenwart, Nähe und Ferne kreuzten sich, genau wie in der Musik. Klänge einer Theorbe wehten von Ferne herüber, mischten sich mit denen einer Violine ganz aus der Nähe.

Solche faszinierenden Licht- und Klangräume gab es viele. So durchdringend wie rätselhaft tönten die Tam-Tams an einer Stelle, ohne dass sich ein Perkussionist in ihrer Nähe befand. Sie wurden durch ein vom Komponisten entwickeltes Instrument, ein Auraphon, in Schwingungen versetzt. Wunderbar war der Sternenhimmel, der unter der Decke der Galerie entstand, als sich an Luftballons befestigte Lämpchen mit dem Licht der Kronleuchter mischten. Ein weiterer Höhepunkt: Der Saxofonist Andrés Gomis Mora und die Oboistin Pilar Fontalba Jimeno wurden in Wagen durch die Galerie gezogen und entlockten ihren Instrumenten virtuoseste Klänge und Geräusche.

Sánchez-Verdú und Hölzer schufen auch Klanginseln an der Grenze des Hörbaren. Wer das tut, geht immer auch Risiken ein. Dieselbe Pause, die ein Zuhörer nutzte, um zu beobachten, was die Musik mit ihm macht, wurde von einem anderen möglicherweise als Stillstand empfunden. Am Ende gab es jedoch einhelligen Jubel und Applaus – und ein feurig vorgetragenes Lob des amtierenden Rathauschefs Hans Mönninghoff. Er habe den Vertrag von Elisabeth Schweeger gegen alle Anfeindungen von Ignoranten verlängern dürfen, sagte er bei der Verleihung des Belmont-Preises an Sabrina Hölzer. Ein Konzert wie dieses sei ein „wunderbares Geschenk.“

Am Mittwoch gibt es bei den Kunstfestspielen die Mahler-Paraphrase „Kinder Toten Lieder“ um 20.15 Uhr in der Galerie Herrenhausen. Weitere Informationen zu den Kunstfestspielen gibt es unter www.kunstfestspiele.hannover.de

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