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Kultur Robert Pfaller fordert, Dinge beim Namen zu nennen
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17:47 24.01.2018
Räume der Gleichheit? Manchmal wirkt es, als überlagere der Kampf um korrekte Bezeichnung die Kämpfe, die eigentlich geführt werden müssen. Quelle: dpa
Leipzig

In dieser Woche wurde wieder ein Stück Souveränität abgegeben. Die Alice Salomon Hochschule in Berlin hat beschlossen, ein aus ihrer Sicht sexistisches Gedicht an der Fassade zu übermalen. Es stammt vom Schweizer Lyriker Eugen Gomringer (93), und es geht um die letzte Zeile: „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“. Damit würden Frauen zum Objekt männlicher Bewunderung degradiert. Diese Entscheidung ist ein Beispiel für das, was Robert Pfaller in seinem Buch „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ so formuliert: „Die postmodernen Identitäts- und Sprachpolitiken sind nicht der Anfang oder die Fortsetzung, sondern vielmehr das Ende und der Ersatz für eine Politik der Gleichheit.“

Worte ersetzen Wirklichkeit – und machen darum nichts besser, sondern dienen der Verschleierung wie auch der Bevormundung. Pfaller belegt das mit Beispielen vor allem aus Politik und Hochschulalltag. „Wenn sozialdemokratische Politik in der öffentlichen Wahrnehmung für nichts anderes mehr steht als für Binnen-Is, Rauchverbote und Ratschläge für den Umgang mit Zwischengeschlechtlichkeit, dann braucht man sich allerdings nicht zu wundern, wenn Leute, die ernsthaft Sorgen haben (...) zornig werden und anders wählen.“ Anders heißt rechts. Darum solle man aufhören, den Umstand, dass man von der Rechten angegriffen wird, „als Beweis dafür auszugeben, dass man selbst linke Politik mache“.

Entsagung, Vorsicht, Reinigung

Der Wiener Philosoph, Jahrgang 1962, hat in den zurückliegenden Jahren über „Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur“ geschrieben, über die „Ästhetik der Interpassivität“ und „Wofür es sich zu leben lohnt“. Da rechnet er ab mit Genussfeindlichkeit, dem Trend zur Entsagung, einer Vorsicht gegenüber dem Leben.

An diesem Thema bleibt der Spezialist fürs Verschwinden dran, wenn es diesmal um Entsagung in der Sprache geht – nicht im Sinne des Entschlackens (was ihr hier und da bekäme), sondern einer Ideologie des „gesäuberten Sprechens“, einer Reinigung von Begriffen, die im Namen der politischen Korrektheit auf dem Index stehen. Und natürlich steht dafür eine „ganze Kaste von Beauftragten“ bereit, „die im Namen von Benachteiligten sprechen und agieren und an deren Stelle Vergünstigungen beziehen“, was nichts anderes sei als eine „effiziente Maßnahme zur Stabilisierung bestehender Benachteiligung und zur Sicherung wachsender Ungleichheit“. Anstatt sich zusammenzuschließen, wollten „die empfindlich Gemachten nur noch ihre eigene Besorgnisse bevorzugt behandelt oder wertgeschätzt sehen“. Ideologie, schreibt Pfaller, existiere mehr noch als in Ideen und Schriften in Vereinen, Ernährungsgewohnheiten und Moralprinzipien.

Begriffs-Kontrolle

Wer nicht mehr verstehen und sich nicht mehr verständlich machen kann aufgrund der „Selbstbehinderungen durch Regeln des Sprechens“, provoziert aber gleichzeitig jenes „Das wird man wohl noch sagen dürfen“, das beklatscht wird à la „Endlich sagt’s mal einer!“. Pfaller zeigt, wie Sprache an Verhalten gekoppelt ist. Seine Beispiele findet er großenteils in den USA, wo „schon Faschingskostüme als Angriff auf verfolgte Minderheiten bekämpft“ werden.

Wehret den Anfängen, ließe sich vorbringen. Oder: Sprache kann Realitäten schaffen. Doch wenn, statt Ursachen zu benennen, die Benennung von Ursachen kontrolliert wird, ist Auseinandersetzung nur vorgetäuscht. So wie 2015, als Diskussionen über die Begriffe Flüchtlinge versus Geflüchtete anhoben, statt über Maß und Möglichkeiten einer gelingenden Integration zu sprechen.

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Fischer Taschenbuch; 256 Seiten, 12,99 Euro Quelle: S. Fischer Verlag

Das ist gewiss noch nicht Entmündigung, aber im Duktus der Belehrung fast immer ein Schritt auf dem Weg zur Infantilisierung. Pseudopolitik habe durch Ermunterung zur Empfindlichkeit Menschen infantilisiert. „Dadurch aber hat sie sie auch entsolidarisiert.“ Nur erwachsenes Sprechen ermögliche solidarisches Sprechen und Verhalten – „in einer Gesellschaft, für die Gleichheit kein Ding der Unmöglichkeit darstellt“.

Oft scheint es nämlich, als fühle sich der korrekt formulierende Mensch schon dadurch vom Denken und Handeln entbunden. Zudem findet das Bemühen um Korrektheit nie ein zufriedenstellendes Ende, weil „das kostbare Gut des angemessenen Benennens“ immer weiter verknappt werden muss, „damit man weitere Konkurrenten deklassieren kann“.

Weiteres Beispiel ist die „Inklusion“, ein Begriff, den Pfaller „irreführend und gefährlich“ nennt. Inklusion, wörtlich Einschließung, sei das genaue Gegenteil des Prinzips einer offenen Gesellschaft. Vielmehr könne Inklusion überall dort erreicht werden, „wo das Prinzip der Gleichheit außer Kraft gesetzt ist“. Ihm geht es darum, Räume der Gleichheit zu verteidigen, in denen „Verhandlung und Herstellung einer egalitären, demokratischen Gesellschaft sich betreiben lässt“ – denn gerade in Räumen der Gleichheit habe die Rechte keine Chance.

Gegen jede Parodie immun

In weiteren Kapiteln widmet sich der Philosoph der „Gespaltenheit im erwachsenen Sprechen“, dem „Sprachspiel des männlichen Erzählens“ oder US-Präsident Donald Trump. Sein Beitrag, der 2016 in der Wiener Stadtzeitschrift „Falter“ erschienen ist, reagiert auf die unmittelbar nach den Präsidentschaftswahlen „innerhalb des linksliberalen Milieus vorherrschende Tendenz, die Wähler Trumps für dumm und rückständig zu erklären.“ Und sei es aus Hilflosigkeit. Satiriker kennen das, wenn Realsatire gegen jede Parodie immun ist.

„Es ist eben wenig zielführend, jemanden als dumm entlarven zu wollen, der keinerlei Anstrengungen unternimmt, um gescheit zu wirken“, erklärt er die „Ohnmacht der satirischen Kunst gegenüber den typischen Exponenten offener, brutaler neoliberaler Macht “.

Robert Pfaller geht Lügen und Wahrheiten nach, der Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gemeintem, gibt gewissermaßen einen Aufbaukurs in genauem Hören und Sehen und liefert den theoretischen Hintergrund, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen sowie Entwicklungen einzuordnen. Als Haltung schlägt er vor: Erwachsenheit. Leider ist nun auch im Berliner Fassadenstreit wie in der #metoo-Debatte das Kind schon in den Brunnen gefallen.

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Fischer Taschenbuch; 256 Seiten, 12,99 Euro

Von Janina Fleischer

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