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21:22 28.07.2015
Von Stefan Arndt
„Rheingold“ in „Pulp Fiction“-Manier: Wolfgang Koch als Wotan (links) und John Daszak als Loge (Mitte) beim High Noon am Rhein. Quelle: dpa

 Sobald Kirill Petrenko vor den riesigen sandfarbenen Vorhang im Festspielhaus tritt, branden Jubel und Johlen so gewaltig auf, dass man fast fürchten muss, der kleine Mann könne von der Bühne gespült werden. Aber natürlich hat der Dirigent die Situation auch am Ende dieses bemerkenswerten „Rheingold“-Abends fest im Griff: Er verbeugt sich knapp und bescheiden und holt dann auch schon die Sänger vor den Vorhang, um den Applaus mit ihnen zu teilen.

Die begeisterte Publikumsreaktion hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Petrenko gleichsam über Nacht zu einem der weltweit interessantesten Dirigenten geworden: Während der Proben in Bayreuth haben ihn die Berliner Philharmoniker vor vier Wochen überraschend zu ihrem neuen Chefdirigenten gewählt. Und dieser „Vorabend“ der „Ring“-Tetralogie war Petrenkos erster öffentlicher Auftritt als Nachfolger von Furtwängler, Karajan, Abbaddo und Rattle. Doch über den Starrummel hinaus bot auch die Aufführung selbst Anlass zum Jubeln: So detailscharf wie bei Petrenko dürfte das Stück im Festspielhaus selten erklungen sein.

Gerade in scheinbar nebensächlichen Passagen kann man hören, was diesen Dirigenten von manchem seiner berühmten Kollegen unterscheidet: Er gibt sich nicht als Pultmagier, der auf geheimnisvolle Weise eine Art mystischen Orchesterklang heraufzubeschwören sucht. Petrenko hat vielmehr in offenkundig akribischer Probenarbeit dafür gesorgt, dass zu hören ist, was in den Noten steht. Und das ist erstaunlich gut gelungen – selbst für geübte Ohren gibt es bei ihm Neues in der komplexen Partitur zu entdecken. Hier ein Triller in den Klarinetten, dort ein Harfenarpeggio, das man in diesem Stück so deutlich bislang nicht wahrgenommen hat.

Kleine Überraschungen statt große Sensation

Statt für die eine große Sensation sorgt Petrenko für viele kleine Überraschungen. Und doch bleibt er nicht dem Detail verhaftet: Natürlich bremst er die versierten Musiker des Festspielorchesters nicht, wenn es etwa bei der imposanten Regenbogenmusik am Ende darum geht, den vollen wagnerschen Klangrausch zu entfalten.

Darüber hinaus erweist sich Petrenko nicht nur als handwerklich überragender Kapellmeister, sondern auch als echter Theatermann. Wie ein Regisseur setzt er die vielen Dialoge, die gerade dieses konsequente Musikdrama tragen, packend musikalisch in Szene. Seine zügigen, flexiblen Tempi sind bestimmt vom Rhythmus der Sprache und dem Fluss der Handlung. Das gesungene Wort klingt so nicht mehr künstlich, sondern wahrhaftig.

Das nutzt den Sängern, die nach erheblichen Umbesetzungen gegenüber dem Vorjahr zu einem geschlossenen, sehr qualitätsvollen Ensemble gewachsen sind. Auffälligstes Debüt war das von John Daszak als Loge, der dem sinistren Feuergott mit mühelos geführtem, hellem Tenor zu zusätzlicher Leuchtkraft verhalf.

Besonders gefordert sind die Frauen

Gut verkraftet hat Albert Dohmen, in der vorangegangenen Bayreuther „Ring“-Produktion noch Wotan, die Degradierung vom Gott zum Nibelungen: Sein Alberich bewahrt sich auch auf der dunklen Seite der Macht etwas Nobles, was ihn zum gleichberechtigten Partner neben Wolfgang Kochs profundem Wotan macht. Dohmen hat kurzfristig den eigentlich vorgesehenen Oleg Bryjak ersetzt, der im März beim Absturz der German-Wings-Maschine ums Leben gekommen ist – genau wie Maria Radner, die ihren Bayreuth-Einstand als Rheintochter hätte geben sollen.

Besonders gefordert sind die Frauen in dieser Inszenierung: Claudia Mahnke (Fricka), Nadine Weissmann (Erda) und ihre Kolleginnen passen nicht nur stimmlich in die Götterwelt, sondern müssen in der Sicht von Regisseur Frank Castorf auch szenisch die Sexgöttinnen geben. Mit platinblonden Haaren, tiefen Ausschnitten und weitgeschlitzten Glitzerkleidern (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) bringen sie die Männerwelt auf der Bühne gehörig in Wallung.

Castorf und Bühnenbildner Aleksandar Denic haben Göttersitz und Zwergenstollen in ein amerikanisches Motel verlegt, wo sich die Handlung in „Pulp Fiction“-Manier entfaltet. Man kann auch sagen: Der Regisseur, der sich mit seinem Team beim Schlussapplaus nicht sehen ließ, erzählt zur „Rheingold“-Musik eine ganz eigene Geschichte. Dabei helfen Videos, die sämtlichen Sängern in Naheinstellungen auch aus dem Bühnenhintergrund erhebliches schauspielerisches Talent bescheinigen. Es gibt überhitzte Westernhelden, coole Campingstuhl-Strategen und finstere Sadomaso-Schurken. Castorf vermischt all das mit leichter Hand, ohne sich vollständig auf Ironie zurückzuziehen.

Man kann diese Regie selbstverliebt finden. An der Seite eines Wahrheitsfanatikers wie Petrenko ist der einstige „Stückezertrümmerer“ Castorf mit seinen schrägen Einsichten in ein bereits ausgiebig interpretiertes Werk aber bestens aufgehoben. Klug und unterhaltsam ist sein „Rheingold“ allemal.

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