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Kultur So gut ist die Geschichte von Hacker Karl Koch
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00:16 26.02.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
Szene mit Philippe Goos Quelle: Bernd Karwacz
Hannover

Schon am 22. Februar sah die Internetseite des hannoverschen Schauspiels so aus, als sei sie von Zeitreisenden aus der Vergangenheit gehackt worden: Grün leuchtend liefen die Schriftzeichen über eine schwarze Fläche. Die Älteren erinnern sich: Das waren die Computerbildschirme der achtziger Jahre. Das war auch die Zeit von Karl Koch, dem berühmten Computerhacker aus Hannover. Er arbeitete mit einem Commodore VC64 und nutzte einen Akustikkoppler, um sich mit anderen Rechnern zu verbinden. Das Internet hieß Datex-P und war eigentlich noch gar nicht erfunden.

Schon Wochen vorher war auf den Seiten des Schauspiels Merkwürdiges zu beobachten. Wenn man die Seiten betrat, war stets der Mauszeiger verschwunden, stattdessen huschte eine kompakte „23“ über das Bild. Als hätte sich ein genialer Paranoiker ins System gehackt.

Die 23 hatte es Karl Koch angetan. Alles Mögliche ließ sich auf die Zahl zurückführen.Vor allem Unheilvolles. In Verschwörungstheorien spielt sie wahrscheinlich immer noch eine besondere Rolle.

„23 - Nichts ist wie es scheint“ ist der Titel eines sehr guten Films von Hans-Christian Schmid über den hannoverschen Hacker Karl Koch. Schmid erzählt, wie Koch es schaffte, sich in fremde Computernetzwerke zu hacken. Er erzählt von der Einsamkeit, der Drogensucht und der Paranoia des jungen Mannes, der nach dem Tod seines Vaters eine Menge Geld erbt, sich in Linden eine Wohnung mietet wo er nächtelang - bei Laune gehalten von Multivitaminsaft und Zigaretten - in fremde Rechner eindringt. Er erzählt von Kochs Ängsten und seinem Größenwahn, von seinen Kontakten zum russischen Geheimdienst, dem er brisantes Material anbietet, von seinem Versuch, das Sicherheitssystem eines Kernkraftwerks zu überwinden, und er erzählt von seinem Verbrennungstod in einem Auto auf einem Waldweg bei Gifhorn.

Schmids Film ist die Textgrundlage des Theaterstücks „23 – Nicht ist so wie es scheint“, das jetzt inszeniert von Christopher Rüping im Ballhof uraufgeführt wurde. Der Premierentermin war gut gewählt: Es war der 23. Februar.

Das Theaterstück ist nicht die Wiedergabe des Films mit anderen, womöglich beschränkten Mitteln. Es ist etwas sehr Eigenes, und auch etwas recht Eigenartiges. Die Bühne (von Ramona Rauchbach) ist vollgestellt mit antiken Computermonitoren, hinten steht erhöht eine Bretterbude: die Wohnung von Karl Koch. Dieser weitgehend abgeschlossene Raum kann nur mithilfe der Videokamera erkundet werden. Die kommt hier sehr intensiv zum Einsatz. Neu sind solche Perspektiven im Theater nicht, aber das müssen sie hier auch nicht sein, schließlich geht es in der Vorlage ja auch um alte Technik.

Regisseur Rüping erzählt die Geschichte der KGB-Verbindung und des vermeintlichen Atomkraftwerk-Hacks aus dem Film nach. Am Ende allerdings – Koch kooperiert mit dem Verfassungsschutz – weicht die Dramatisierung von der Filmvorlage ab. Nach dem gefühlten Ende der Geschichte wird hier noch eine Liebesgeschichte und eine Episode aus der „Illuminatus“-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson eingefügt. Das ist vielleicht ein bisschen viel. Aber warum eigentlich nicht: Überforderung ist ja durchaus auch ein Thema der Vorlage. Zwei (pausenlose) Stunden dauert die Aufführung, was auch ein bisschen viel ist, andererseits aber durchaus in Ordnung geht, denn der hervorragende Schauspieler Philippe Goos steht als Computerhacker Karl Koch auf der Bühne. Und Goos kann man ja immer lange mit großem Vergnügen zuschauen. Er tritt nicht nur als Computerhacker, sondern auch als eine Art Conferencier auf. Und er versteht es, kalt zu brennen. Aus ihm strömt so eine ganz besondere dunkel funkelnde Begeisterung, eine aus dem Leiden wachsende Leidenschaft, die er mit einer guten Portion Coolness und reichlich jugendlicher Wurschitgkeit mischt. Schon schön! Mathias Max Herrmann steht ihm in mehreren Rollen zur Seite. Unter anderem ist er der verschwitzte Fernsehreporter, der einen Filmbericht über das Eindringen der Hacker in ein Atomkraftwerk drehen will. Da klingt er so schön falsch, wie er in dieser Rolle klingen muss.

Lisa Natalie Arnold nölt delphinisch, was in Ordnung ist, weil sie einen Deplphin spielt, und Inga Sund gibt ganz bezaubernd eine verliebter Zuschauerin.

Am Ende ist Einiges vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, und die Illuminiti-Nummer leidet ganz allgemein unter viel zu viel Fackel- und Feuerfirlefanz auf offener Bühne, aber irgendwie ist das auch nicht so schlimm, denn bei dieser großen Geschichte darf eben vieles möglich sein. Apropos möglich sein: Der Koch-Stoff ist so stark, dass sich nach Film und Schauspiel als nächstes eigentlich die Oper dieser Geschichte annehmen müsste. Mit 23 Arien. Mindestens.

 
Weitere Vorstellungen am 28 und 29. Februar, sowie am 5., 13. und 20. März. Karten: (0511) 99991111. Am Donnerstag, 3. März ist Hans-Christian Schmids Film „23“ um 20.15 Uhr im Kommunalen Kino im Künstlerhaus in der Sophienstraße zu sehen. Zu Gast: Schauspieler Philippe Goos.

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