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00:17 26.02.2015
Von Stefan Stosch
Bewegten am Abend der Oscar-Verleihung: Common und John Legend (Bester Song). Quelle: Paul Buck

Nur um gleichzeitig doch immer wieder darauf gestoßen zu werden, dass es ein Leben jenseits von Karriereknick, Schönheits-OP und Boxoffice geben muss. Ob Rassismus, Diskriminierung von Frauen, Umgang mit Kranken und Depressiven oder staatliche Verfolgung von mutigen Whistleblowern: All diese Themen spielten eine Rolle bei der 87. Oscar-Verleihung, weil sie auch eine Rolle in den Filmen selbst spielten. Es war, als würde die Wirklichkeit mit jeder weiteren Auszeichnung mehr ins Dolby Theatre hineinsickern und die versammelten Stars aus dem Dämmermodus holen, in den sie bei einer allzu routinierten Show zu sinken drohten.

Beispielhaft dafür war Lady Gaga, die in weißer Schlabberrobe „The Sound of Music“ trällerte. Spätestens da war klar: Die Politik, und nicht der Glamour, bestimmte diesen Abend. Der vielleicht bewegendste Moment: der Auftritt der Musiker Common and John Legend mit ihrem Lied „Glory“ aus dem Bürgerrechtsdrama „Selma“. Der halbe Saal vergoss Tränen im Stehen, allen voran Produzentin Oprah Winfrey und Hauptdarsteller David Oyelowo, der in dem Film Martin Luther King spielt. Legend erinnerte daran, dass das Ziel noch lange nicht erreicht sei: „,Selma‘ ist ein aktueller Film, weil der Kampf um Gerechtigkeit aktuell ist. Wir leben in dem Land, in dem so viele Menschen inhaftiert sind wie nirgendwo sonst. Derzeit gibt es mehr schwarze Männer unter der Kontrolle der Justiz als Sklaven im Jahr 1850.“ Und dann rief er: „Leute, die zu unserem Lied marschieren, sollen wissen, wir sind bei euch. Marschiert weiter!“

Da war es also wieder, das Thema Rassismus, mit dem sich Hollywood so schwertut. Im Vorfeld hatte es eine heftige Debatte darüber gegeben, wieso weder Oyelowo noch seine Regisseurin Ava DuVernay nominiert worden waren. Der einzige Oscar für „Selma“ war denn auch der für Legend und Common. Eingangs schien es noch, als würde der frisch angeheuerte Oscar-Gastgeber Neil Patrick Harris dieses Versäumnis mit entwaffnender Direktheit auffangen wollen. Mit einem lockeren Spruch hatte der „How I Met your Mother“-Star sogleich die Benachteiligung Andersfarbiger angetippt („Tonight we honor Hollywood’s best and whitest – sorry, brightest.”), aber mehr hatten ihm seine Gagschreiber offenbar nicht vorformuliert. Später schaffte es Harris tatsächlich, einen Witz auf Kosten des Kleides von Produzentin Dana Heinz Perry zu machen, die Sekunden zuvor über den Selbstmord ihres Sohnes geredet hatte. Am bezeichnendsten für die insgesamt unsensible Moderation war deshalb die „Birdman“-Persiflage, in der Harris in weißer Unterhose auf der Bühne auftauchte: Ein Mann lässt die Hosen runter und führt des Kaisers neue Kleider vor.

So steuerte die gut dreieinhalbstündige Oscar-Show mehr oder weniger erwartungsgemäß ihrem Finale entgegen. Wes Andersons sympathische Komödie „Grand Budapest Hotel“ siegte locker in gleich vier Nebenkategorien und ließ die deutschen Koproduzenten im Studio Potsdam-Babelsberg jubeln. Wim Wenders („Das Salz der Erde“) dagegen musste sich Laura Poitras und ­ihrer Edward-Snowden-Doku „Citizenfour“ beugen – immerhin auch eine deutsche Kopruduktion. Der aus Deutschland stammende Filmkomponist Hans Zimmer blieb mit „Interstellar“ ohne Oscar. Julianne Moore holte sich den Goldjungen mit dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ (Kinostart: 5. März), Eddie Redmayne gewann in der Rolle des ALS-kranken Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“.

Der Auslands-Oscar ging an das Schwarz-Weiß-Drama „Ida“ über die tiefen Narben des Holocaust in der polnischen Gesellschaft. Die größte Überraschung vielleicht: die drei Oscars für das Musikerdrama „Whiplash“ (darunter den für Nebendarsteller J. K. Simmons), den erst zweiten Spielfilm von Regisseur Damien Chazelle. Das Drama „Boyhood“ übers schwierige Erwachsenwerden, von Richard Linklater über zwölf Jahre gedreht und vorab als Favorit gehandelt, war der Verlierer des Abends. Allein Patricia Arquette wurde als beste Nebendarstellerin gekürt. Umso fulminanter fiel ihre Rede aus, in der sie alle Mütter dieser Welt würdigte und dann forderte: „Nun ist endlich unser Moment gekommen – für gleiche Löhne und gleiche Rechte für Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika.“

Da sprang sogar Meryl Streep begeistert von ihrem Sitz auf. Und dann schlug die große Stunde von Iñárritu: Die Preise für die beste Regie und den besten Film gingen ganz allein auf sein persönliches Konto (zwei weitere gab’s für die Kamera und das Originaldrehbuch). Und was tat der Mexikaner bei seinem wichtigsten Auftritt auf der Bühne – und nachdem ihn Laudator Sean Penn mit falschem Zungenschlag als „Hurensohn mit Green Card“ bezeichnet hatte? Er erinnerte an das oft bittere Los der Einwanderer: „Ich bete dafür, dass sie mit derselben Würde und demselben Respekt behandelt werden wie diejenigen, die vor ihnen kamen und diese unglaubliche Einwanderer-Nation aufgebaut haben.“ Bei dieser 87. Oscar-Verleihung wurde möglicherweise viel mehr auf offener Bühne gesagt, als Hollywood wirklich hören mochte.

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