Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Bunte Vögel
Mehr Welt Kultur Bunte Vögel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:28 17.02.2014
Von Rainer Wagner
Perfekt: Jens Krause in der Federrobe. Quelle: Hartmann
Hildesheim

Der Käfig ist vergoldet, die Türen stehen offen. Und die manchmal schrägen, immer aber bunten Vögel, die in diesem „Cage aux Folles“ zu Hause sind, sind als Zugvögel längst auch in der deutschen Theaterprovinz unterwegs. Bei der Premiere des Musicals „Ein Käfig voller Narren“ im Hildesheimer Theater für Niedersachsen gab es am Ende jedenfalls lauten Beifall, Klatschmarschbegleitung (immerhin auf dem richtigen Taktteil) und kurze Ovationen im Stehen.

Aber ehe man verbucht, dass die geschlossene Ensembleleistung der Musicalabteilung des TfN das redlich verdient hat, kann man ja mal einen Moment innehalten und sich fragen, ob diese schwule Familienkomödie vor 40 Jahren in der Bischofstadt auch so gut angekommen wäre. Nicht nur weil hier ein Schwuler sagt: „Ich bin als Christ aufgewachsen, Demütigung ist mein Los.“ 1973 kam die französische Komödienvorlage in Paris erstmals auf die Bühne – da wurde in Deutschland der (Schwulen-)Paragraf 175 ein zweites Mal reformiert, aber noch lange nicht abgeschafft.

Fünf Jahre später folgte die Verfilmung, weitere fünf Jahre danach die Musicalfassung in New York (die 1985 auch in Berlin gefeiert wurde). Dennoch waren das Zeiten, in denen man als Homosexueller am besten Künstler oder Modeschöpfer war, aber nicht Regierender Bürgermeister oder offen dem Lebensgefährten auftretender deutscher Außenminister. Alles easy also? Aber wäre „La Cage aux Folles“ beim Kulturprogramm in Sotschi willkommen? Von unzähligen Staaten, in denen Homosexualität unter (manchmal: Todes-)Strafe steht, ganz zu schweigen.

Dabei könnte man die Geschichte ganz ohne Schwulitäten erzählen: Junge Leute wollen heiraten, der Vater der Braut missbilligt die Familienverhältnisse beim Bräutigam, man spielt ihm eine Farce vor. Am Ende fliegt alles auf und wird wahlweise gut (Komödie) oder schlecht („Romeo und Julia“).

In diesem Fall hasst der Brautvater Homosexuelle und will als Politiker alle anrüchigen Etablissements schließen lassen, vor allem Travestielokale wie den „Cage aux Folles“. Der gehört Georges, der auch der leibliche Vater des potenziellen Bräutigams Jean-Michel ist, aber das war nur ein Ausrutscher. Denn liiert ist Georges mit Albin, der als Zaza der Star der Show ist.

Nun soll Albin versteckt werden: Große Kränkung und Anlass für Jens Krause, das Hildesheimer Publikum mit dem nachdenklichen Hit der Show in die Pause zu entlassen: „Ich bin, was ich bin“ (einst in der Fassung von Gloria Gaynor zur Schwulenhymne geworden, was die strenggläubige Sängerin wohl überrascht haben dürfte). „I am what I am“ ist der Ohrwurm des Abends, weshalb ihn Komponist und Songtexter Jerry Hermann schon in der Eröffnungsnummer zitiert. Die anderen Songs gehen zwar auch ins Ohr, bleiben dort aber nicht lange haften. Doch das überspielt das Orchester des TfN unter der zielstrebigen Leitung von Leif Klinkhardt recht geschickt.

Die Handlung spielt vorzugsweise auf der Theaterbühne und hinter den Kulissen, was Ausstatter Dirk Immich meist mit Vorhängen kaschiert: Das alles muss schließlich tourneetauglich sein. Dafür hat er bei den Kostümen seine Phantasie ausgetobt. Jens Krause als Albin/Zaza ist mehr als nur Charleys Tunte – nicht nur das güldene Paillettenkleid steht ihm/ihr perfekt. Die niedersächsische Allzweckwaffe in Sachen Musical ist Dreh- und Angelpunkt des Stücks – und Krause hält das alles geschickt in der Balance: nicht zu viel Huch, nicht zu viel gespreizter Finger, ein bisschen Tragik und abgeklärte Frivolität.

Liebes- und Lebenspartner Georges wird von Oliver Jaksch sehr warm­herzig gezeichnet, man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man die Berufsbezeichnung Sängerdarsteller auf dem zweiten Teil betont. Jens Plewinski als Jean-­Michel belegt durch Blässe, dass auch bei Ziehsöhnen von Schwulenpaaren die Jungen immer anders sein wollen als die Alten. Annika Dickel als Braut Anne ist sympathisch, sehr viel mehr Raum gibt ihr die Rolle kaum. Und auch ihre Eltern bleiben eher Abziehbilder: der homophobe Vater (Wojciech Mastalerz-Eggers), der dann doch noch den Reiz des Fummels entdeckt, und die etwas affektierte Mutter (Agnes Buliga-Contras).

Fürs ganz Schrille ist Alexander Prosek zuständig, der als Butler Jacob die Zofe gibt und auf die Showbühne drängt: In dieser Aufmachung könnte er Olivia Jones als Permanent-Drag-Queen der norddeutschen Talkshows entthronen.
Und dann sind da noch die „Cagelles“, die nicht nur geschlechtlich bunt gemischte Truppe des „Cage aux Folles“. Dieses Sextett hat es der Regisseurin und Choreografin Katja Buhl besonders angetan: Jeder macht, was er am besten kann, alle sind gelenkig (stimmlich allerdings nicht gleichermaßen) und bersten vor Spielfreude (und wer genau hinsieht, erkennt auch Annika Dinkel, die ansonsten die brave Braut gibt).

„Die schönste Zeit ist heut’“, stimmt Jens Krause kurz vor Schluss an und überzeugt damit das Publikum, auch wenn diese Zeitmessung vielleicht ein paar Minuten früher hätte erfolgen können. Viel Jubel, aber ob die Zustimmenden den Weg von der Toleranz zur Akzeptanz auch beschreiten, wenn es nicht nur um Theater geht? In Hildesheim und anderswo …

P.S.: Das Theater für Niedersachsen hat angekündigt, dass es seine Gastspielpräsenz in Hannover wegen der mangelnden Nachfrage und wegen der zu hohen Kosten in der nächsten Spielzeit stark einschränken wird: von 18 Vorstellungen im Abonnement auf drei bis fünf einzelne Auftritte im freien Verkauf. Dann soll außerdem auch die Aufführung am Sonntagnachmittag entfallen.

Aber den „Käfig voller Narren“ können die Hannoveraner noch am Sonnabend (abends) und am Sonntag (um 16 Uhr) erleben: am 8. und 9. März.

Kultur Thomas Quasthoff im NDR-Sendesaal - Abschied und Neuanfang

Starbariton Thomas Quasthoff war zum ersten Mal nach seinem Abschied von seiner Gesangskarriere in einem der großen Konzertsäle Hannovers in seiner neuen Rolle als Rezitator zu erleben.

Jutta Rinas 19.02.2014
Kultur Berlinale-Preise - Aufschwung in Fernost

Umstrittene Entscheidungen der Film-Jury: Gleich drei Berlinale-Bären gehen nach China, den Deutschen bleibt ein Trostpreis.

Stefan Stosch 19.02.2014
Kultur Interview mit den Geschwistern Brüggemann - Von Religion und Missbrauch

Die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann arbeiten bereits seit Jahren zusammen und schufen so mehrere Kinofilme. Ein Doppel-Interview zu ihrem Berlinale-Beitrag „Kreuzweg“, für den sie am Sonnabend den Preis für das beste Drehbuch erhielten.

16.02.2014