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Kultur Mehriban Alijeva fährt zum Peeling
Mehr Welt Kultur Mehriban Alijeva fährt zum Peeling
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06:15 25.05.2012
Von Imre Grimm
Imre Grimm schreibt für HAZ.de das Eurovisions-Tagebuch „MerciBAKU“.
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Baku

Der komplette Verkehr einer Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole zwängte sich durch eine ächzende Seitenstraße zwischen einem "Gözallik Salonu" (Schönheitssalon) und einer "Aptek" (raten Sie mal, was das heißt).  

Nichts ging mehr. Ich saß bei 30 Grad Celsius in einem winzigen Lada und hörte eine Stunde lang aserbaidschanischen Discopop. Danach fand ich den weißrussischen Eurovisionsbeitrag vergleichsweise großartig. Was war los? Niemand wusste Bescheid, niemand fragte. Ungefähr 1000 Polizisten fuchtelten wild mit rot leuchtenden Star-Wars-Schwertern. Was kann das gewesen sein? Eine Alienattacke? Eine Übung? Mein Verdacht: Präsidentengattin Mehriban Alijeva holte ihren Zwergpudel per Polizeikolonne von der Hundemaniküre ab. Wahrscheinlich kannten die Bakuer das Theater schon ("Fahr mittwochs bloß nicht durchs Zentrum, die Alijeva fährt zum Peeling").

Wir haben das Auto dann irgendwann stehengelassen. Ein Polizist kam gleich angelaufen, aber als er meine Eurovisionsakkreditierung sah, wurde er ganz zahm. Es muss da so eine Art Anweisung gegeben haben, den Eurovisionsgästen gegenüber Milde walten zu lassen.  

Derweil suchen sie im Hotel mein Geld. Es ist ein gutes Hotel. Es lässt mich hier wohnen, obwohl meine Visakartenüberweisung irgendwo zwischen Buchungsagentur, Eurovisionszentrale und Hotelkonto verloren gegangen ist. Sie reichen mir alle paar Stunden einen Telefonhörer, und ich soll irgendjemandem irgendwas erklären. Dabei sind meine Papiere - für deutsche Verhältnisse - in Ordnung. Für aserbaidschanische nicht. Ich habe heimlich den Verdacht, dass von meinem  Geld gerade irgendwo eine neue  Shoppingmall für Mehriban Alijeva gebaut wird. Oder ein kleiner Ölbohrturm im Kaspischen Meer. Aber ich wüsste ja schon gerne, auf welchem Konto es gelandet ist. Stay tuned. Ich bleibe dran.  

"Zeigen Sie mir das echte Baku", habe ich dann einen Fahrer gebeten. Er sieht mich kurz an, nickt wissend, und fährt los. Er reicht wortlos ein paar Himbeerbonbons nach hinten, fast, als wäre er dankbar für die Bitte, und dann landen wir in einem Viertel ohne Akkreditierungsbändsel, ohne Touristen, ohne beleuchtete Häuser, ohne Mehriban Alijeva. Eine alte Frau verkauft Fladenbrot und Piroggen aus einem Fenster einer Garage heraus. Ein altes Brot ist zwischen Mauer und Scheibe gezwängt, um das Fenster aufzuhalten. Mit roter Schrift hat die Frau die Preise direkt auf die Mauer gepinselt. Enge Gassen, uralte Türen, bröckelnde Fassaden. Ein Musikladen mit Balalaikas. Ein kleiner Junge barfuß im Hauseingang. Ein winziger Lada, meterhoch bepackt mit irgendwelchen Schachteln. In einem Park spielen zwei alte Männer Backgammon, und acht Männer gucken schweigend dabei zu. Ein Polizist wie aus einem "Der kleine Nick"-Buch passt auf, dass die 30 Besucher im Park keine Eichhörnchen jagen oder Eiskugeln fallen lassen.  

Keine Eurovisionslogos. Keine Glitzerfassaden. Keine Leuchtreklame. Keine tropfenden Tankwagen, die Wasser zu den dürstenden Rollrasenflächen schaffen. Der Taxifahrer spricht kein Wort Englisch, ich spreche kein Aseri. Stumm fährt er mich durch die Stadt. Es ist erstaunlich, aber hier, wohin Präsident Alijev wahrscheinlich am liebsten schon morgen die Abrissbagger schicken würde; hier, wo der Eurovisionszirkus wurscht ist und ein platter Autoreifen oder ein Riss in der Hose viel wichtiger; hier, wo schon in zwei Jahren ein neuer Glasturm, eine neue Neonpyramide, ein neuer Prachtboulevard oder ein neuer Maniküresalon für Alijevas Zwergpudel stehen könnten - hier ist Baku tatsächlich eine ganz normale Stadt.  

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