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Kultur Mareike Schneider: „Leidenschaft für die Beschwerde“
Mehr Welt Kultur Mareike Schneider: „Leidenschaft für die Beschwerde“
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18:03 04.06.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Mareike Schneider wird am 7. Juni in Hildesheim aus Beschwerdebriefen lesen. Quelle: HAZ
Hannover

Sie planen eine Lesung aus Beschwerdebriefen. Wie viele Beschwerden haben Sie denn schon zusammen?

Wenn ich mir so die Stapel hier anschaue, würde ich sagen: so etwa fünfzig.

Und worüber beschweren sich die Leute so?

Über unzureichende Dienstleistungen, über Politiker und natürlich über fehlerhafte Produkte. Es gibt viele Beschwerden an die Bahn, an Vermieter oder auch an die Telekom. Meistens sind es Marktführer, die aufgrund ihrer Präsenz viel Angriffsfläche bieten.

Sammeln Sie noch weitere Briefe oder haben Sie genug?

Wir arbeiten bereits mit dem Material, das wir haben, aber wenn ich noch weitere interessante Beschwerdeschreiben finde, baue ich sie gerne ein.

Wie tragen Sie die Beschwerden eigentlich vor?

Wir stehen zu zweit auf der Bühne und lesen die Texte. Es wird eine szenische Lesung sein, aufgelockert durch Bilder und Videos. Wir werden Beschwerdeverläufe vorstellen und dann aus ihnen vorlesen. Etwa die des Künstlers Reinhard Krehl ...

Aber die Beschwerde eines Künstlers ist doch keine echte Beschwerde.

Doch, natürlich. Auch Künstler tragen Beschwerden vor.

Ja, aber dann handelt es sich doch um die Beschwerde als Kunstform.

Nein, nicht zwangsläufig. Wir wollen verschiedene Formen der Beschwerde vortragen, und da spielt auch der künstlerische Protest eine Rolle. Bei Reinhard Krehl war es allerdings so, dass Mitglieder seines Kleingartenvereins ein ernstes Problem mit seiner Gartenästhetik hatten. Das ist ein ganz ehrlicher und aufrichtiger Konflikt, der da ausgetragen wurde.

Eine Lesung aus solchen Briefen scheint ja spannend zu sein, weil man es immer mit einem Konflikt zu tun hat.

Ja.

Gibt es auch literarisch hochwertige Beschwerden?

Ja. Das sind genau die, nach denen ich hauptsächlich gesucht habe. Einige sind so gut formuliert, dass ich beim Lesen sehr angetan war. Man will ja mit einer Beschwerde etwas erreichen. Und dann muss man sich genau überlegen, was man tun muss, damit das Anliegen vom Adressaten auch ernst genommen wird. Wenn man zum Beispiel einen Brief schreibt, der rhetorisch herausragend ist, hofft man beim Leser immer auf eine besondere Aufmerksamkeit. Umso enttäuschender ist es, wenn man auf solch eine eloquente Beschwerde nur ein floskelhaftes Antwortschreiben erhält. Dann hat man sich vergebens so viel Mühe gegeben.

Gibt es auch eloquente oder originelle Antwortschreiben?

Von den Antworten bin ich meist sehr ernüchtert. Aber man kann das nicht pauschalisieren. Die Firma Nestlé etwa, die viele Beschwerdebriefe bekommt, antwortet meist auch sehr eloquent.

Haben Sie auch viel mit Querulanten zu tun?

Ich habe vermutet, dass ich Einsendungen von Querulanten erhalten würde. Das ist aber nicht geschehen.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Mein Mitvorleser Marius Baumann und ich haben festgestellt, dass wir eine gemeinsame Leidenschaft für die gut formulierte Beschwerde hegen. Aus der Idee ist die Recherche entstanden und der Gedanke, dass man mit vorgelesenen Beschwerdebriefen vielleicht sogar eine Debatte anstoßen kann. Man kann auch sagen: Die Idee folgt der Suche nach dem guten Menschen.

Das müssen Sie mir erklären.

Das habe ich mir gedacht. Grundsätzlich geht es mir bei allem, was ich mache, um ein hochwertiges und nachhaltiges Miteinander. Gerade bei Beschwerden stellt sich ja die Frage, wie trage ich mein Anliegen vor, ohne den anderen zu verletzen, aber dabei trotzdem ernst genommen zu werden? Das macht das Formulieren von Beschwerden zu einem sehr interessanten Thema, gerade auch, wenn man darüber nachdenkt, wie eigentlich ein sozial kompetenter Umgang miteinander aussehen soll.

Den Verdacht, es ginge Ihnen nur darum, sich über Querulanten lustig zu machen, haben Sie jetzt entkräftet.

Schön. So etwas gibt es ja auch schon. Ich will es tatsächlich genau andersherum machen. Ich bin auch der Meinung, dass dem Querulanten an sich ein bisschen Unrecht getan wird. Der Querulant hat immerhin den Mut, seine Unzufriedenheit mit der Situation zu äußern. Und das ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Ich will die Zuhörer zu Mündigkeit und zu Verantwortungsbewusstsein anregen. Es gibt viele verschiedene kreative Arten von Kritik, die man ausüben kann. Und das sollte man auch tun. Es geht aber auch darum, sich bei aller Kritik nicht in Verbissenheit zu verlieren.

Wie ist Ihr Eindruck von der Wirksamkeit von Beschwerden? Sind Beschwerdeschreiben meist sinnlos? Oder hat man mit einem wohlformulierten Beschwerdebrief auch immer die Chance, Gehör zu finden?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Natürlich ist die Form wichtig, in der man eine Beschwerde vorbringt. Oft hilft es auch, die Beschwerde öffentlich zu machen. Aus diesem Grund gibt es auch eine Menge Beschwerdeportale wie „Reclabox“ oder das Portal „Meckerziege“ im Internet. Vom Meckern spricht man wohl immer dann, wenn Beschwerden mehrfach vorgetragen werden. Das aber geschieht genau dann, wenn sich aufgrund einer Beschwerde nichts ändert. Diese Seiten sind so beliebt, weil die Menschen unzufrieden sind und weil sie hoffen, dass die Öffentlichkeit ihrer Beschwerde Nachdruck verleiht. Häufig haben sie damit Erfolg.

Sie lesen am 7. Juni in Hildesheim aus den Beschwerdebriefen. Rechnen Sie damit, dass Sie am Ende auch selbst Beschwerdebriefe erhalten?

Ich hoffe, dass wir keinen Anlass zur Beschwerde bieten. Andererseits fände ich das aber auch sehr unterhaltsam.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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