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18:59 06.01.2014
Von Martina Sulner
Starautorin: Zadie Smith. Quelle: dpa
Hannover

Typisch Leah! Das sagen ihr Mann, ihre Freundin und auch deren Mann nach dem Vorfall. Typisch Leah! Da hat eine unbekannte Frau an Leahs Wohnungstür geklingelt und eine herzzerreißende Geschichte von einer kranken Mutter, einem weit entfernten Krankenhaus und einer teuren Taxifahrt erzählt - und die Mittdreißigerin hat ihr tatsächlich 30 Pfund zugesteckt. Nur wenig später begegnet Leah der Frau auf der Straße wieder und begreift: Es ist eine Crack-Süchtige, die sich ihren Lebensunterhalt mit allerlei Tricks und Betrügereien zusammenklaut.

Eigentlich hätte Leah das wissen können. Sie ist im Stadtteil Kilburn im „NW“, dem Nordwesten Londons, aufgewachsen, wohnt noch immer dort - und sollte die Gesetze des Stadtteils mit seinen vielen farbigen Bewohnern, seinen Gangs, Dealern und Junkies eigentlich kennen. Doch manchmal ist Leah, die ihr Geld als Sozialarbeiterin verdient, ein bisschen neben der Spur.

Leah ist eine der vier Hauptfiguren aus Zadie Smiths neuem Roman „London NW“, der am Donnerstag auf den Markt kommt. Seit ihrem Romandebüt „Zähne zeigen“ aus dem Jahr 2000 gilt die mittlerweile 38-Jährige als eine der Starautorinnen der englischsprachigen Welt, als die Erfolgreichste aus der „brit-and-brown“-Generation. In „Zähne zeigen“ schilderte Smith, als Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers im Nordwesten Londons aufgewachsen, das Schicksal dreier Familien; die eine hat ihre Wurzeln in Jamaika, die andere in Bangladesch, die dritte in der britischen Hauptstadt. Die Geschichte der Familien, ihre Berührungspunkte und auch das, was sie trennt, band Zadie Smith zu einem komplexen Roman über das Leben in Großbritannien Jahrzehnte nach dem Ende des British Empire zusammen.

Ein kritischer Blick auf die britische Gegenwart

Auch „London NW“ hat wieder diese typische Smith-Qualität: Die Autorin erzählt von Individuen, beschreibt deren Wünsche und Leidenschaften, deren Lebenslügen und Geheimnisse - und doch geht es nicht nur um Individuen, sondern stets ist deutlich, wie stark die Figuren von ihrer sozialen Herkunft und ihrer Hautfarbe geprägt sind. Smiths Bücher sind immer auch Gesellschaftromane, die den Zustand der britischen Gegenwart in den Blick nehmen.

Die Situation in Kilburn - das neue Buch spielt um die Jahre 2008/2009 - ist nicht gerade einfach. Da ist zum Beispiel Felix, eine der vier Hauptfiguren des Buches. Der Mann ist Anfang 30, seine beiden Kinder leben bei der Ex-Frau; manchmal träumt Felix, der bis vor ein paar Monaten drogenabhängig war, noch von einer Karriere als Filmemacher; meist aber ist er damit beschäftigt, einfach den Alltag zu überstehen und seinen jamaikanischen Vater auszuhalten, der dauerbekifft in einer Sozialwohnung hockt. Da ist Nathan, ehemals begabter Fußballer und Schwarm aller Mädchen, mittlerweile Dealer und Zuhälter. Und da ist Natalie, die eigentlich Keisha heißt, Tochter nigerianischer Einwanderer.

Natalie ist die Aufsteigerin des Quartetts, das sich aus der Schulzeit kennt. Natalie ist Juristin und hat die Welt der Sozialbauten weit hinter sich gelassen. Sie hat Geld, sie hat einen Banker als Gatten, zwei hübsche Kinder und eine stilvolle Wohnung. Wie verwirrt und unsicher sie als Jugendliche war, erfährt der Leser in einem langen Kapitel über Natalies Kindheit und Jugend.

Smith zeigt ihre Stärke für den Dialog

Jeder ihrer Hauptfiguren widmet Zadie Smith ein langes Kapitel, und für jedes hat die Autorin einen anderen Stil gewählt. Der Natalie-Part etwa besteht aus 185 kurzen Abschnitten, in denen der Leser die Wandlung von Keisha zu Natalie erfährt. Während Keisha paukt, um aus dem Sozialbau herauszukommen, treibt ihre Schulfreundin Leah, die einzige Weiße des Quartetts, sich auf Partys herum. Sie experimentiert mit Drogen, mit Männern und Frauen. Jetzt ist Leah zwar erwachsen, mit einem Franzosen algerischer Herkunft verheiratet, doch fragt sie sich noch ähnlich verzweifelt wie als Teenager, wie andere Leute es bloß schaffen, ein halbwegs geordnetes Leben zu führen. „Was ist das Geheimnis eures Glücks?“, will sie von Natalies Ehemann wissen, als sie gemeinsam mit den Freunden Karneval feiert.

Die Sehnsucht nach einem geglückten Leben, einer leidenschaftlichen Liebe, danach, die ungeschriebenen Codes zu begreifen - darum ging es auch in Smiths früheren Romanen. In denen hat sie - überraschend für eine Autorin des Jahrgangs 1975 - klassisch erzählt. „Von der Schönheit“ zum Beispiel, 2006 in Deutschland erschienen, ist eine moderne Variante von E. M. Forsters Klassiker „Wiedersehen in Howards End“; im eher gemächlichen Tempo entwickelten sich darin die Figuren und die Handlungsstränge. Bei „London NW“ probiert die Britin, die derzeit in New York lebt, mehr aus. Geblieben ist Smiths Stärke für Dialoge - ein Beispiel: „Aber Schätzchen, ich bin doch clean. Seit zwei Jahren schon.“ „Abgesehen vom Koks, vom Dope, von Alk, von den Pillen ...“ „Ich sagte, ich bin clean, keine Mormonin!“

Die Figuren mit all ihren Schwächen und Widersprüchlichkeiten wachsen dem Leser an Herz. Vor allem aber wird man eingenommen von der Atmosphäre des Stadtteils, den Smith so genau beschreibt, dass man ihn vor Augen hat und meint, riechen zu können: „Süßlicher Wasserpfeifengestank, Couscous, Kebab, die Abgase bewegungsloser Busse ... Werbeflyer, weltweit billiger telefonieren, Englischunterricht, Augenbrauen-Waxing, Falun-Gong. Steht Jesus auf Deiner persönlichen To-do-Liste? Alle lieben Chicken-Nuggets ...“ So geht das über eineinhalb atemberaubende Seiten - mitreißend wie der ganze Roman.

Zadie Smith: „London NW“. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch. 428 Seiten, 19,99 Euro.

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