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Kultur Abschied eines Tänzers
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00:15 01.03.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Ein Tänzer: Fritz J. Raddatz. Quelle: dpa (Archiv)
Hamburg

Was für eine schöne, was für eine richtige Frage und was für eine schöne, was für eine richtige Antwort: „Leben, um zu leben? Wie unsinnig.“ Das schrieb Fritz J. Raddatz, der früher Chef des Rowohlt-Verlags, der frühere Chef des „Zeit“-Feuilletons, der frühere führende intellektuelle Kopf des Landes in seinen vor einem Jahr erschienen Tagebüchern der Jahre 2001-2012. Davor stand der Satz: „Asche und Schatten und Schmerzen - das ist mein Leben geworden.“

Fritz J. Raddatz ging es nicht gut. Seinen letzten Tagebüchern war das anzumerken. Sie waren Zeugnisse eines langsamen Verschwindens, eines Herausgleitens aus dem kulturellen Geschäft, aus dem allgemeinen Tanz um Relevanz. Und auch aus dem Leben. Er schriebt noch, das ja. Er reiste noch, das auch. Er genoss noch. Und, ja, er liebte auch noch. Aber alles wurde weniger. Alles, was ihm wichtig war, schwand dahin. Jetzt ist Fritz J. Raddatz gestorben. Er wurde 83 Jahre alt.

Er war - wie Marcel Reich-Ranicki - eine der großen Figuren des deutschen Feuilletons. Zu seinem 80. Geburtstag schieb ihm sein Kollege Reich-Ranicki einige Zeilen. Es war kein großer Geburtstagsartikel, sondern ein kleiner, für Reich-Ranickis Verhältnisse sehr liebevoller Gruß. Darin stand: „Wann immer ich über Raddatz sprach und Raddatz über mich, da wussten wir: Gelangweilt haben wir uns nie.“

So ging es wohl auch dem Publikum. Raddatz war nicht langweilig. Er lag wohl mal daneben. Er regte sich schon mal zu Unrecht auf, aber er langweilte seine Leser nicht. Einmal lag er so daneben, dass es ihn den Job kostete: In einem Artikel zur Frankfurter Buchmesse, der 1985 auf der Titelseite der „Zeit“ erschien, legte er Goethe einen Satz über Frankfurt in den Mund, in dem das Wort „Bahnhof“ vorkam. Ein Fehler: Zu Goethes Zeiten fuhr die Eisenbahn noch nicht durch Deutschland. Die Nation feixte und Raddatz musste die Leitung des „Zeit“-Feuilletons aufgeben.

Der schnelle Schreiber

Man hätte auch Milde walten lassen können, Fehler passieren schließlich. Aber „Zeit“-Herausgeber Gerd Bucerius war richtig sauer. „Ich kann den bis zur Gewissenlosigkeit leichtfertigen Mann nicht mehr ertragen“, hatte er schon zuvor in einem Brief an Marion Gräfin Dönhoff geschrieben.

An dem Satz ist viel Wahres. Leichtfertig war Raddatz in der Tat. Aber in einer angenehmen Weise, das Leichte war ihm wichtig, der Tanz, die Pirouette. Er schrieb schnell. Und er hatte vielleicht auch das Gefühl, dass man beim Schreiben nicht bürokratisch, nicht kleinkrämerisch sein darf. Dann passiert so etwas wie Sache mit dem Bahnhof.

Und gewissenlos war er auch. Jedenfalls als Autor. Raddatz schonte niemanden. Auch sich selbst nicht. Offen schrieb er über seine Bisexualität. Er schrieb darüber, wie er als Kind misshandelt und missbraucht wurde, er beschrieb, wie ein Pfarrer, der sein Vormund war, eine sexuelle Beziehung mit ihm einging. Es gibt schockierende Stellen in seinen Tagebüchern.

Ein Mann, der polarisierte

Immer, wenn neue Raddatz-Tagebücher erschienen, stieg die Spannung im Land. Stehe ich auch drin?, fragten sich die Intellektuellen. Und schäumten oft, wenn sie sich fanden. Und auch, wenn sie sich nicht fanden. Raddatz war eitel. Aber er konnte es sich leisten, eitel zu sein.

Literatur darf nicht brav sein, das wusste Raddatz. Er war streitbar und er verletzte auch. Aber er war auch ein großer Literaturentdecker. Hubert Fichte, Elfriede Jelinek und Walter Kempowski hat er besonders gefördert. Raddatz studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Amerikanistik, seine Habilitation legte er 1971 bei Hans Mayer an der Universität Hannover ab. Mehr als 30 Bücher hat er geschrieben, er war Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung, und er wurde von François Mitterrand mit dem Orden Officier des Arts et des Lettres ausgezeichnet.

Raddatz' Beziehung zu Hannover

Zu Hannover hatte Raddatz eine besondere Beziehung: Anfang der siebziger Jahre sollte Raddatz nach dem Willen von Hans Mayer, Fakultät und Senat, zum Professor für Neuere und Neueste Literatur an die Leibniz Universität Hannover berufen werden, wo Raddatz sich 1971 habilitiert hatte. Doch Kultusminister Peter von Oertzen entschied sich für eine andere Wahl. Mayer emeritierte aus Protest. Raddatz hielt später noch Vorlesungen in Hannover.

„Ich habe mich überlebt“

Kritik ist eine Haltung. Und sie verleiht auch eine. Vor knapp einem halben Jahr hat Fritz J. Raddatz sie aufgegeben. In einem Beitrag in der „Welt“ erklärte er seine journalistische Tätigkeit nach mehr als 60 Jahren für beendet. „Ich habe mich überlebt“, schrieb er. „Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt.“ Er schloss mit den Worten: „Time to say goodbye. Goodbye.“

Das Duo Milky Chance gab im hannoverschen Capitol ein Benefizkonzert für das Rehabilitationszentrum Ederhof, das Kinder nach einer Organtransplantation betreut. 200 Freikarten hatte die Band für ehemalige Patienten zur Verfügung gestellt, außerdem gab es vor dem ausverkauften Konzert ein „Meet and Greet“.

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