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00:15 30.06.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Fahr ab! Oliver Blomeiers Tretplattenspieler „Into the Groove Vol. II“. Quelle: Körner
Hannover

Kunst kann sehr bewegen. Und manches Kunstwerk bewegt noch mehr, wenn es selbst bewegt wird. Zum Beispiel „Into the Groove Vol. II“ von Oliver Blomeier. Dieser Künstler macht den Kunstkonsumenten zum Kunstakteur, den passiven Betrachter zum aktiven Radler, dessen Beinarbeit das Werk in Bewegung und damit erst zu Klang und Entfaltung bringt.

Denn wer bei dieser Installation in die Pedale tritt, bringt eine Nadel auf einer Schallplatte von fast sechs Metern Durchmesser in Bewegung und damit einen anderthalb Meter großen Schalltrichter zum Tönen. Stetiges Treten erzeugt ein 78 Minuten langes Wort-, Geräusch- und Musikpotpourri. Und Blomeier, gebürtiger Karlsruher und Wahlbraunschweiger, erweist dabei sogar Hannover seine Reverenz. Mit Zitaten aus der „Ursonate“ von Kurt Schwitters, mit Maschseebademeister-Durchsagen – und mit der Stimme Emil Berliners, des in Hannover geborenen Schallplattenpioniers.

Zu sehen, zu bewegen und zu hören ist dieses Werk bei der Herbstausstellung im Kunstverein. Dass der dabei ein großes Rad dreht, ist durchaus mehr als ein Kalauer: Arbeiten von 50 Künstlern hat die Jury für die Präsentation ausgewählt. Mehr als 1000 Werke wurden dafür gesichtet, mehr als 100 sind nun an vier Ausstellungsorten zu sehen. „Vom Hier und Jetzt“ lautet der Titel dieser – trotz Pedaltreterei ganz entspannten – Schau. Folgt damit auf das „Made in Germany Zwei“, das den Biennale-Rhythmus der Herbstausstellungen im vergangenen Jahr durchbrochen hatte, jetzt ein „Made in Lower Saxony“? Nicht ganz, denn außer Künstlern mit Wohnsitz in Niedersachsen können sich auch alle bewerben, die einen Bezug zum Land haben. Die vielleicht hier geboren sind, aber schon lange jenseits der Landesgrenzen leben.

„Wir sind die einzige Institution, die damit internationale Trends ebenso wie die niedersächsische Kunstszene zeigt“, sagt Kunstvereinsdirektor René Zechlin. „Und wir bieten regionalen Künstlern so die Chance, wahrgenommen zu werden.“ Reizvoll an der Juryauswahl dieser Herbstausstellung ist, dass hier Künstler mehrerer Generationen zu sehen sind. Ältere wie Peter Tuma oder Birgit Hein, die als Kunstprofessoren teils selbst stilprägend sind. Und jüngere wie die Kunstvereinsstipendiaten Arno Auer, Toulu Hassani oder Ingo Mittelstädt. „Ich finde vor allem spannend, welche Überraschungen man hier erleben kann“, sagt Kuratorin Ute Stuffer. „Denn ausgewählt hat die Jury nicht nur Absolventen von Kunsthochschulen, sondern auch Autodidakten, die man sonst vielleicht nur schwer zu Gesicht bekommen hätte.“

Wie frühere Herbstausstellungen sprengt auch diese den Rahmen des Künstlerhauses. Doch Kuratorin und Direktor des Kunstvereins weisen darauf hin, dass alle Ausstellungsorte nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt liegen:

Künstlerhaus

Die meisten Werke sind in den Räumen des Kunstvereins ausgestellt, auch raumgreifende Objekte wie eben Oliver Blomeiers Schallplatte oder Raimund Kummers Installation „Venusdurchgang“, deren Kombination aus Fahrrad und wandhohem Pizzakartonstapel auch die Horrorvision eines unter Burn-out-Syndrom leidenden Pizzakuriers sein könnte. Raumgreifend ist ebenfalls das unmerklich aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte Sieben-Meter-Foto einer Spielzeugautorennbahn („close up landscape race“, 2010) von Christian Dootz. Spannend sind aber auch kleine Exponate: Ingo Mittelstädt hält auf einem Foto fest, wie ein antikes Schädelfragment noch den Schatten eines intakten Schädels wirft – und illustriert damit Ute Stuffers Beobachtung, dass in der Transformation vorgefundener Objekte oft ein „Zustand des Übergangs“ geschätzt wird. Und Lienhard von Monkiewitsch, langjähriger Kunstprofessor in Braunschweig, variiert schwarze Quadrate, verschiebt ihre Umrisse parallel und öffnet sie so zur dritten Dimension („PQR III“, 2013)

Nord/LB art gallery

Schon durch die Scheiben von außen zu sehen ist „Compound Work PKW“ (2012) von Felipe Cortés Salinas, noch ein Wahlbraunschweiger, jedoch aus Bogotá. Diese Installation hätte kaum den Weg ins Obergeschoss des Künstlerhauses geschafft: In Folie gewickelt präsentiert Salinas drei ineinander verkeilte Autos – ein Sinnbild der Wegwerfgesellschaft, die noch ihren Sondermüll in unverrottbares Plastik hüllt. Wie ein ironischer Kontrapunkt hängt wenige Meter daneben Thomas Behlings „The End“ (2011). Es lässt in einem Felsrahmen aus Plastik das tiefengestaffelte kleine Panorama einer Fels- und Seelandschaft à la Caspar David Friedrich ahnen. Die Vision unberührter Natur überlebt: im Kunststoffrahmen.

Galerie vom Zufall und vom Glück

In den gläsernen Räumen ist Birgit Heins Zehn-Minuten-Video „Kriegsbilder“ (2006) zu sehen, in dem sich die Künstlerin mit der teils abstumpfenden, teils pathetischen Inszenierung von Kriegsberichten auseinandersetzt. Der in Hiroschima geborene und in Hannover lebende Shige Fujishiro fertigt in kunstvoller Glasperlenarbeit Kopien von Markenplastiktüten – und zeigt sie in Arrangements vom Ende der Verwertungskette. Da stehen dann die Chanel- und die Lidl-Tasche, für sich jeweils Inbegriffe von Edel- und Billigkonsum, einträchtig nebeneinander: als Mülltüten.

Städtische Galerie Kubus

Im selben Gebäude drapiert Kirsten Achtermann rosa Plisseestoff über Stahlstreben. Carolin Hake spürt mit ihren Fotos geometrischen Mustern in der Architektur der bundesdeutschen Wiederaufbaujahre nach. Und Katrin Bertram bietet Klangkunst – etwa mit einer Variation von Claude Debussys „Suite bergamasque“.

Wie aber geht ein Künstler damit um, dass in der Herbstausstellung nur Ausschnitte seines Werkes zu sehen sind? Am besten so künstlerisch wie Jochen Isensee. Der hat sich am Computer einfach sein eigenes Museum gebastelt – und lädt mit „Der andere Raum“ (2013) zu einem virtuellen Rundgang durchs Künstlerhaus ein. Da sind dann nur seine Werke zu sehen. Und da hat er gleich noch ein paar Räume dazugebaut, die im realen Haus gar nicht existieren. Wozu auch Grenzen der Wirklichkeit abbilden, die in der Fantasie doch leicht zu überschreiten sind? Spannend ist auch dieser Zustand des Übergangs –  wenngleich er nur im virtuellen Raum stattfindet.

„Vom Hier und Jetzt“: 86. Herbstausstellung niedersächsischer Künstler. Bis zum 25. August. Nord/LB art gallery, Friedrichswall 10 (Eröffnung: Freitag, 18 Uhr), Galerie vom Zufall und vom Glück und Städtische Galerie Kubus, Theodor-Lessing-Platz 2 (Eröffnung: Freitag, 19 Uhr), Kunstverein, Sophienstraße 2 (Eröffnung: Freitag, 20 Uhr); Das Ticket (6 Euro, ermäßigt 4 Euro) gilt für alle vier Ausstellungsorte. Details unter www.kunstverein-hannover.de.

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