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18:01 02.08.2014
Ohne Ross und Reiter – wie in dieser Montage soll das Denkmal von Christiane Möbus für die Göttinger Sieben vor dem Bahnhof der Universitätsstadt stehen. Quelle: oh

Nach drei Jahrzehnten scheiden Sie aus dem Hochschulbetrieb aus. Die neue Lebensphase beginnt mit einer guten Nachricht: Ihr umstrittenes „Göttinger Sieben“-Denkmal wird errichtet.
Ja, um Haaresbreite hat sich der Göttinger Stadtrat für meine Arbeit entschieden. Voraussichtlich bis Winter 2014 oder Frühjahr 2015 wird das Standbild auf dem Bahnhofsplatz der Universitätsstadt errichtet. Es handelt sich um eine 1:1-Nachbildung des Sockels des Ernst-August-Reiterstandbildes auf dem Bahnhofsplatz in Hannover, allerdings ohne Ross und Reiter. Auf dem Sockel wird es eine Plinthe aus Bronze geben mit den Fußspuren des Pferdes. In Hannover steht „Dem Landesvater sein treues Volk“ auf dem Granit, in Göttingen wird zu lesen sein: „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben“.

Der Schriftsteller Günter Grass ist Ihnen allerdings mit seinem Denkmal für die Göttinger Sieben auf dem Universitätsgelände zuvorgekommen, einem rostigen G7.
Das stimmt. In den 175 Jahren davor aber wurde es verabsäumt, die sieben Professoren, darunter die Brüder Grimm, für ihre Zivilcourage mit einem Denkmal zu ehren.

Die Professoren protestierten 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover und wurden entlassen. Ihr Denkmalentwurf wäre beinahe daran gescheitert, dass Sie Ihren Namen kühn den sieben mutigen Professoren beigesellen.
Es gibt eine Gruppe von Göttingern, die das anmaßend von mir finden. Wenn ich nur bei den Göttinger Sieben bliebe, wäre das Denkmal aber vollkommen witzlos. Die Hinzufügung meines Namens holt die ganze Geschichte in die Gegenwart. Erstens ist es ein weiblicher Name, dann aber steht er stellvertretend für alle, die mutig handeln und sich nicht unterkriegen lassen. Außerdem gibt er dem Denkmal etwas Ironisches.

Schon Anfang der siebziger Jahre spielten Sie mit Tiersymbolik. Damals verwandelten Sie sich in einen Vogel. Nun zeigen sie ein abwesendes Pferd.
Ja, kurz nach meinem DAAD-Stipendium in New York habe ich mir aus Federn, Wachs und Jute Flügel gebaut. Ein Jahr lang habe ich auf die Federn von elf Flugenten und zwei Fasanen warten müssen. Auf dem Nußberg in Braunschweig machte ich die Performance als unangekündigte Aktion für die Spaziergänger im Park. Sie markierte den Beginn der Selbstständigkeit und hatte für mich, wie man damals sagte, emanzipatorische Bedeutung.

Hat sich Ihr Verständnis von Kunst seither gewandelt?
Im Grunde nicht. Kunst ist ein Ausdruck von Leben. Meine Art, Kunst zu machen, zeigt eine Nähe zur Arbeit von Forschern, die ebenfalls bestimmten Dingen auf die Spur kommen wollen. Das Leben besteht aus Freude und Ernst, Geburt und Tod, Gutem und Schlechtem. In Kunstobjekten können Betrachtern Zwischentöne entgegentreten.

Haben Sie genau das den Studenten zu vermitteln versucht?
Ich habe immer versucht, ihre Vorhaben möglichst tief zu ergründen. Ich finde künstlerische Arbeit interessant, wenn man durch verschiedene Etagen durchwandern kann, wenn sie eine Tiefe haben. In den zurückliegenden Jahren habe ich allerdings festgestellt, dass es Studenten zunehmend schwerer fällt, in sich zu gehen. Es herrscht eine große Unruhe, Existenzsorgen dominieren, man denkt an Markt und Strategien.

In den Klassen sitzen heute überwiegend Frauen. Wie viele machen ihren Weg?
Es gibt in der Galerien- und Museumsszene immer noch spezielle Männercliquen, aber junge Künstlerinnen um die 30 sind heute sehr gut aufgestellt.

Sie sind in Celle geboren. Ist Ihnen Kunst in die Wiege gelegt worden?
Meine Eltern waren Flüchtlinge aus dem Osten. Sie waren in einer schwierigen Situation und konnten sich nach der Flucht Kunst und Kultur kaum noch widmen, aber sie haben viel davon geredet.

Werden Hannover und Berlin Ihre Domizile bleiben?
Ja, ich finde es schön, in beiden Orten, oder vielmehr im Dazwischen, zu leben. Ich habe auch in beiden Orten verschiedene Lagerräume angemietet. Die präparierte Giraffe, die bei Ausstellungen in Nürnberg und Magdeburg zu sehen war, lagert beispielsweise bei einer Spedition in Berlin.

Präparierte Tiere - Eisbären, Krokodile, Gänse - machen einen kleinen, aber wesentlichen Teil Ihres Werks aus. Was lässt sich an Tierkörpern ablesen?
In den Tieren steckt die ganze Lebenswelt drin, nicht nur die Biografie der jeweiligen Tiere, sondern auch die Lebensbedingungen. Es sind Kreaturen, die das Leben sichtbar erlitten haben. Ich respektiere sie, indem ich sie genau so zeige, wie sie waren.

Zur Person

Christiane Möbus, 1947 in Celle geboren, schafft Objekte und Bildhauerei von subtiler Ironie. Nach drei Jahrzehnten als Hochschullehrerin verlässt die Künstlerin die Universität und widmet sich ganz der Kunst. Zuletzt war sie Professorin an der Universität der Künste Berlin, zuvor lehrte sie an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. In Göttingen entsteht in den kommenden Monaten ihr Denkmal für die Göttingen Sieben.

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