Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Kosky lässt die Festspiele wieder leuchten
Mehr Welt Kultur Kosky lässt die Festspiele wieder leuchten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 26.07.2017
Für Barrie Koskys Inszenierung von Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ gab es schon zwischen den Akten außergewöhnlich viel Applaus. Quelle: Bayreuther Festspiele
Bayreuth

Kaum lässt man mal jemand anderen ran, geht es ans Eingemachte. Barrie Kosky ist der erste Regisseur der Nachkriegszeit, der Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth inszeniert und kein direkter Nachfahre des Komponisten ist. Zur Eröffnung der diesjährigen Festspiele erzählt er diese Sonderbarste aller Wagner-Opern als eine Familiengeschichte, die weit über alle Privatangelegenheiten hinausgeht.

Dabei beginnt alles gemütlich im Wohnzimmer. Zu den Klängen der Ouvertüre, denen Dirigent Philippe Jordan eine Schlankheitskur und viel Bewegung verordnet hat, blickt man in den Salon von Wagners Bayreuther Residenz „Wahnfried“. Während der Hausherr noch die Hunde ausführt und die Gattin mit Migräne darniederliegt, treffen Gäste ein: Schwiegervater Franz Liszt und Dirigent Hermann Levi. Bald sind alle zusammen, und man beginnt zu musizieren. Wagner macht seinem Schwiegervater den Platz am Flügel streitig, bis beide vierhändig auf die Tasten dreschen. Auf dem Höhepunkt der Ouvertüre, wenn in der Tiefe des überdachten Orchestergrabens sogar einmal die Tuba die Melodie spielen darf, öffnet sich wie von Zauberhand der Deckel des Flügels, und heraus tritt das übrige Personal des Abends: Wagner, Wagner und Wagner.

Kosky macht ernst mit dem Gedanken, dass der Komponist sich selbst und die Menschen seiner nächsten Umgebung mit den meisten seiner Figuren identifiziert hat.Und so sieht nicht nur Hans Sachs, der selbstlos einer geliebten Frau entsagt, aus wie sein Erfinder, sondern auch Walther von Stolzing, der diese Frau erobert, und sogar der Lehrjunge David, dem die Welt noch offen steht. Die Eva aus dem Stück wird zu Wagners Frau Cosima, ihr Vater Veit Pogner folgerichtig zu Liszt.

Hermann Levi kehrt als Beckmesser zurück

Nur einer gehört nicht zur Familie: Hermann Levi, der erste „Parsifal“-Dirigent, wurde von den Wagners wegen seiner jüdischen Herkunft in „Wahnfried“ immer wieder gedemütigt. Wenn Kosky zeigt, wie die Familie den Gast im Choral der Eröffnungsszene zum Beten auf die Knie zwingt, ist das wohl nah an den historischen Begebenheiten. 120 Jahren nach Levis qualvollem Abgang von den Festspielen bringt der Regisseur ihn nun als Beckmesser nach Bayreuth zurück: Der Jude als Witzfigur in Wagners finsterer Komödie.

Besonders neu ist dieser Gedanke nicht, aber Kosky, der selbst der erste jüdische Regisseur auf dem Grünen Hügel ist, führt ihn konkurrenzlos leichthändig und konsequent aus. Aus der exaltierten, nur manchmal ins Böse kippenden Stimmung im Wohnzimmer, wo sich bald auch die Meister als Lebkuchen mampfende Dürer-Karikaturen (Kostüme: Klaus Bruns) tummeln, zoomt Kosky am Ende des ersten Aktes urplötzlich in den Verhandlungssaal der Nürnberger Prozesse (Bühne: Rebecca Ringst). Der Regisseur erspart den Zuschauern so den Anblick von SS-Männern in der Oper. Er kommt vom Vorspiel in „Wahnfried“ direkt zum Nachspiel von Nürnberg. Der Gerichtssaal bleibt Schauplatz für den Rest der Aufführung. Im zweiten Akt scheint zunächst Gras über die Sache gewachsen zu sein, bevor sich in der Prügelfuge der riesige aufblasbare Kopf einer Judenkarikatur erhebt. Die oft gestellte Frage, was Wagners Antisemitismus mit dem späteren Holocaust zu tun hat, ist damit klar beantwortet.

Kein klares Gut und Böse

Trotzdem bleibt Koskys Inszenierung weit entfernt von starrer Anklage. Sie ist immer auch so verspielt und vieldeutig wie Wagners Musik. Ein klares Gut und Böse sucht man aber vergebens. Natürlich verlegt Kosky auch die Festwiese in den Gerichtssaal – zum Tribunal wird die Szene aber nicht. Statt Richter und Angeklagter gibt es nur eine (stets virtuos geführte und wunderbar singende) Volksmasse, die sogar ganz verschwindet, wenn Sachs am Ende seine berüchtigte Meister-Rede hält.

Michael Volle bekommt für die letzten Minuten dieser längsten aller langen Wagner-Partien die Bühne ganz für sich allein. Konnte der Bariton auch schon in den vier Stunden zuvor mit farbenreichen, oft liedhaft geführten Stimme begeistern – hier verdichtet sich sein differenziertes Rollenporträt zum Höhepunkt. Dass Volle seine stimmlichen Möglichkeiten so weit entfalten kann, liegt auch an Dirigent Jordan, der die Partitur mit dem fabelhaften Festspielorchester auf fast selbstlose Weise leicht und durchhörbar hält. Wo andere auf Pathos setzten, öffnet Jordan Raum für die musikalische Psychologie des Werkes. Wunderbar, wie er den Sängern an vielen Stellen Zeit lässt, in die Tiefe ihrer Figuren vorzudringen.

Jubel zwischen den Akten

Neben Volle können das Johannes Martin Kränzle als Beckmesser und Daniel Behle als David eindrucksvoll für sich nutzen. Klaus Florian Vogt fremdelt manchmal mit den Tempi, ist aber noch ein schön jugendlicher Stolzing. Überzeugend sind zudem Anna Schwanewils und Wiebke Lehmkuhl, auch wenn sie als Eva und Magdalene keine große Rolle in diesem Männerstück spielen. So ist diese auch schon zwischen den Akten außergewöhnlich heftig bejubelte „Meistersinger“-Version die Erfolgsproduktion, auf die man in Bayreuth nach einigen mageren Jahren sehnsüchtig gewartet hat. Es musste wohl erst jemand kommen, der so gar nicht zur Familie gehört.

Von Stefan Arndt

Im Auftrag Ihrer Majestät wird der wohl berühmteste Geheimagent bald wieder auf der Leinwand zu sehen sein: Der nächste James-Bond-Film soll im November 2019 in die Kinos kommen. Über die Besetzung gibt es viele Spekulationen.

26.07.2017

Edgar Wright lässt „Baby Driver“ (Kinostart am 27. Juli) durchs Kino schlittern. Ein musikalischer Fluchtwagenfahrer mit dem Herz am rechten Fleck verliebt sich und muss zum berüchtigten „letzten Coup“ antreten. Es geht auf Leben und Tod.

26.07.2017

Mit Spannung wartet die Kunstwelt auf die Exhumierung des legendären Surrealismus-Künstlers Salvador Dalí. Abgeschottet von der Öffentlichkeit soll am Abend das Grab geöffnet werden, um DNA für einen Vaterschaftstest zu entnehmen.

20.07.2017