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Kultur „Docteur Knock“: Gesund gilt nicht
Mehr Welt Kultur „Docteur Knock“: Gesund gilt nicht
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16:00 22.02.2018
Privatsprechstunde: Dr. Knock (Omar Sy) und Adèle (Ana Giradot). Quelle: Foto: Wild Bunch
Hannover

Jules Romains „Knock“ gehört zu den beliebtesten Dramen des französischen Theaters und wurde schon mehr als 20 Mal adaptiert. Vordergründig präsentiert sich das Stück über einen geschäftstüchtigen Arzt, der die gesunden Bewohner eines Dorfes in bedürftige Patienten verwandelt, als schwarze Komödie über eingebildete Kranke und Hypochonder. Gleichzeitig gilt das 1923 im Jahr des gescheiterten Hitlerputsches verfasste Stück als frühe Warnung vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus und als Allegorie auf die Verführbarkeit der Massen.

Die Handlung wird in die Fünfzigerjahre verpflanzt

Die französische Regisseurin Lorraine Lévy („Der Sohn der Anderen“) hat in ihrer Neuverfilmung den Stoff gezielt aller Düsternis beraubt. Die Handlung wurde in die französische Provinz der sonnigen Fünfzigerjahre verpflanzt und für die Rolle des manipulativen Mediziners Publikumsliebling Omar Sy unter Vertrag genommen. Auch hier bringt er seine positive Leinwandpräsenz wieder gewinnbringend zum Einsatz.

Zu Beginn des Filmes flüchtet sich der kleinkriminelle Knock in Marseille vor seinen Verfolgern auf ein Kreuzfahrtschiff, wo er als vermeintlicher Schiffsarzt anheuert. Mit Improvisationstalent, Menschenkenntnis und charismatischer Ausstrahlung vollbringt er an Bord überraschende Heilungserfolge und beschließt, seinem Ganovendasein mithilfe eines Medizinstudiums ein Ende zu bereiten. Wenige Jahre später reist er mit der Approbation in der Tasche in die beschauliche Kleinstadt St. Maurice, um dort die frei gewordene Arztpraxis zu übernehmen.

Knock findet überall kleine Zipperlein

Sein Vorgänger hat immer nur Kräutertee und Bettruhe verschrieben. Der örtliche Apotheker hatte kaum etwas zu tun und verbrachte die Tage im Dauermittagsschlaf. Aber Knock sieht in der kerngesunden Gemeinde einen vielversprechenden Markt, den es zu erschließen gilt. Mit Gratis-Sprechstunden lockt er die Einwohner an und findet bei gründlicher Untersuchung kleine Zipperlein, welche er mit suggestivem Geschick zu Krankheiten aufbauscht, die dringender und kostspieliger Behandlung bedürfen.

Das Wartezimmer füllt sich schnell, das örtliche Hotel wird schon bald zur Kurklinik ausgebaut. Die Menschen erliegen dem Charme des Mediziners. Sie fühlen sich mit ihren Sorgen und Nöten ernst genommen und genießen die ärztliche Zuwendung. Allein der Pastor sieht in Knock einen Konkurrenten, weil dessen Wartezimmer besser besucht ist als seine Kirche.

Der finstere Manipulator wird zum Sympathieträger

Lorraine Lévy baut die Figur des finsteren Manipulators zu einem charismatischen Sympathieträger um, dem es nicht nur um Macht und materielle Bereicherung, sondern vor allem um gesellschaftliche Anerkennung geht, welche ihm als Unterprivilegiertem lange vorenthalten wurde.

Interessant ist dabei, dass Omar Sy als einziger Schwarzer in der schneeweißen Gemeinde agiert, ohne dass irgendein Wort darüber verloren wird. Gezielt verzichtet Lévy darauf die Rassismuskarte auszuspielen und implantiert Sy mit offensiver Selbstverständlichkeit in ihre Klassiker-Verfilmung. Das ist ein Statement für das Publikum unserer Gegenwart und gibt dem Film vor dem 50er-Jahre-Kontext gleichzeitig eine leicht surreale Note.

Darüber hinaus verliert das Stück jedoch in dieser allzu sonnigen Inszenierung und durch eine recht übersichtliche romantische Nachrüstung, die dem charismatischen Schurken ein sympathisches Antlitz verschaffen soll, an Kraft.

Eine schärfere Interpretation wäre wünschenswert gewesen

Vor allem die finale Versöhnungsorgie zwischen Manipulator und Manipulierten wirkt etwas befremdlich. Da hätte man sich aus einem Land, in dem eine Rattenfängerin wie Marine Le Pen beinahe zur Präsidentin gewählt worden wäre, eine schärfere und spitzfindigere Interpretation gewünscht, die die metaphorischen Angebote des Stücks in die politische Gegenwart transportiert.

Von Martin Schwickert / RND

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