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Kultur „Ich dachte, da ist ’ne Scheibe dazwischen“
Mehr Welt Kultur „Ich dachte, da ist ’ne Scheibe dazwischen“
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00:17 04.07.2015
Von Uwe Janssen
Hinter Gittern: Schüler besichtigen die JVA-Sporthalle (oben) - und können auch einen Blick in eine Zelle (unten) werfen. Quelle: Philipp von Ditfurth

Diese hören über Kopfhörer Texte, die von den Häftlingen und Mitarbeitern stammen, aber von den Kindern eingesprochen wurden. Regisseur Sascha Schmidt liebt diese Art von vielschichtigem Theater, er operiert mit Überforderung und Reizüberflutung. Diesmal arbeitet er mit Kindern in der Justizvollzugsanstalt (JVA) an der Schulenburger Landstraße. „Schuld“ ist eine „theatrale Installation über den Alltag hinter Gittern“, ein Stück über Schuld und Unschuld. Freitag ist Premiere. Die Zeit drängt. Es ist wirklich kein normales Theaterstück.

Damit die 15 Schüler zwischen zehn und 14 Jahren einen Eindruck bekommen, wo sie spielen, treffen sie sich zur Vorbesichtigung an Ort und Stelle. Das Regieteam ist dabei, alle müssen hinter der ersten Gittertür ihre Ausweise und Handys abgeben. Taschen werden in Schließfächern verstaut, dann folgt ein Sicherheitscheck wie am Flughafen. Die Kinder machen große Augen. Die Jungs albern herum, die Mädchen stellen jetzt schon Fragen.

Der erste Aufenthaltsraum - hier warten normalerweise Angehörige und Besucher der Häftlinge, bevor sie zu ihnen geführt werden: Süßigkeitenautomat, im Fernsehen an der Wand laufen Nachrichten. Dieser Raum ist ein Spielort. „Was passiert hier?“, fragt Schmidt. „Frieda spielt die Mutter!“, rufen einige Schüler. Die meisten Rollen sind verteilt, auch die Texte sind schon eingesprochen.

Weiter geht’s über den Hof in eine Schleuse. Sven Seiferth, der die Gruppe führt, erklärt: „Das ist die Gefangenenzuführung, und diese Schleuse ist eine Einbahnstraße.“ Die Gruppe muss warten, weil noch ein Gefangener vorbeigeführt wird. Die Schüler sind neugierig. „Dürfen die Häftlinge anziehen, was sie wollen?“ Seiferth nickt. „Anfangs bekommen sie von uns einen roten Jogger, danach können sie anziehen, was sie wollen.“ Dann geht es in eine leere Haftzelle, auch ein Spielort. Dies ist eine Doppelzelle, beim Stück wird in einer Einzelzelle gespielt, die aber an diesem Tag noch belegt ist.

Die nächste Fragenwelle: „Was ist, wenn die sich gegenseitig verprügeln?“, „Sind Kameras in der Zelle?“. Auch nach den grünen Netzen wird gefragt, die in dem offenen Treppenflur zwischen den Etagen hängen. „Was meint ihr?“, fragt Seiferth. „Damit die nicht runterfallen oder sich umbringen“, mutmaßt eine Schülerin. Seiferth nickt. Er kennt all diese Fragen. Führungen sind hier nicht unüblich, neben Berufsgruppen werden auch die Anlieger durch die Anstalt geführt, diese Transparenz treiben JVA-Leiter Matthias Bormann und seine Mitarbeiter gezielt voran. „Die Nachbarn sollen wissen, was hier passiert“, sagt Seiferth.

Weitere Spielorte werden inspiziert. „Wir haben nur eine Generalprobe hier, dann ist Premiere“, sagt Regisseur Schmidt. Sechsmal wird das Stück an den beiden nächsten Wochenenden gespielt. Immer wieder gibt er Anweisungen, immer wieder muss er die Gruppe beruhigen. In der Arbeitstherapie, in der Sporthalle und in der Anstaltskirche sehen die entsprechenden Schüler ihre Auftrittsorte. Sie werden nicht sprechen, sondern nur durch reduziertes Spiel verstärken, was die Zuschauer über die Kopfhörer zugespielt bekommen.

Letzte Station: Besuchsraum. Tische, Stühle. Getränkeautomaten, ein Tresen, hinter dem Personal sitzt. „Ich dachte, da ist immer eine Scheibe dazwischen“, sagt ein Schüler. Seiferth lacht: „Ich glaube, du guckst zu viele schlechte Filme.“ Dann erhalten die Schüler ihre Taschen, Ausweise und, ganz wichtig, Handys zurück. „War cool“, sagt die zwölfjährige Ruta, „viel spannender als ich dachte.“

3., 4., 5., 10., 11., 12. Juli in der JVA Hannover. Kartenreservierungen: schuld-theater@web.de oder (01 72) 518 51 55.

Das etwas andere Papst-Porträt: Weil Öl auf Leinwand einfach zu langweilig ist, versuchte Künstlerin Niki Johnson einfach mal was anderes und verwendete für ein Bildnis von Papst Benedikt XVI. ein ziemlich ungewöhnliches Material – 17.000 Kondome.

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