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Kultur „Nichts ist ausschließlich gut“
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00:15 01.07.2013
Von Kristian Teetz
„Stasi 2.0“: Menschen demonstrieren in Berlin gegen amerikanische Internetüberwachung. Quelle: dpa
Hannover

Herr Gerhardt, Sie haben 2012 eine große Theorie der Öffentlichkeit verfasst. Hat sich mit dem Internet die Idee der Öffentlichkeit zum Guten gewandelt?

Ja, das steht für mich außer Zweifel. Wenn Öffentlichkeit eine Verständigung möglichst aller über möglichst alles ist, bietet das Netz die Chance, wirklich der Gleichheit und Allgemeinheit nahezukommen, die im Gedanken der Öffentlichkeit schon immer angelegt war.

Trotz aller negativen Nebengeräusche wie öffentliche Pöbeleien, Shitstorm und Cybermobbing?

Es gibt nichts auf der Welt, das ausschließlich gut ist. Und nur das wirklich Gute lässt sich auch missbrauchen. Vor dem Missbrauch haben wir uns immer wieder neu zu schützen.

Ohne Privatheit, sagen Sie, könne es keine Öffentlichkeit geben. Ist in Zeiten sozialer Netzwerke, in denen Millionen Menschen täglich ihr Innerstes nach außen kehren, eine Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Sphäre noch sinnvoll?

Sinnvoll ist sie, und sie ist nötig. Ich zeige in meinem Buch, dass wir den Sinn von Öffentlichkeit nur wirklich schätzen können, wenn wir die Sphäre des Privaten, des Subjektiven, auch des Intimen als hohes Gut ansehen. Dass dies immer wieder vergessen wird, wenn Menschen in die Öffentlichkeit drängen, ist nicht die Schuld der digitalen Medien. Auch wenn sie den Schritt in die Öffentlichkeit erleichtern. Sie geben uns allerdings auch zusätzliche Gründe, den Rückzug und die Distanz zu suchen. Ich halte es daher für eine höchst bedenkliche Entwicklung, dass man die sozialen Netzwerke so verwendet, als sei man im intimsten Freundeskreis. Aber das ist kein Einwand gegen das Netz, sondern eine Kritik an seinen Usern.

Wann datieren Sie den Beginn des Öffentlichen?

In meinem Vortrag am Montag werde ich auf eine Rede eingehen, die der große Dichter John Milton 1644 zu Beginn der bürgerlichen Revolution in England gehalten hat. Er möchte das Parlament daran hindern, die kurz zuvor abgeschaffte Zensur wieder einzuführen. Milton legt dar, dass schon die antike Demokratie ohne Öffentlichkeit gar nicht möglich gewesen wäre. Nach Milton verdanken wir aber nicht nur Politik, sondern auch Wissenschaft und Kunst allein der Chance, dass sich die Menschen öffentlich äußern können. Die bürgerlichen Revolutionäre wussten noch, dass sie an ein antikes Erbe anschließen.

Wir diskutieren zurzeit über die Überwachung elektronischer Medien durch Programme wie Prism und Tempora. Hat die Öffentlichkeit überhaupt eine Chance, sich gegen mächtige Apparate wie Geheimdienste zu wehren?

Das hoffe ich doch, denn es ist ja eine Frage des politischen Willens. Außerdem haben wir, so enttäuschend das in Einzelfällen auch immer sein mag, jahrzehntelange Erfahrungen mit der parlamentarischen Kontrolle von Geheimdiensten. Das ist gewiss keine leichte Aufgabe, die mit der Entwicklung der Technik Schritt halten muss.

Können wir es noch Öffentlichkeit nennen, wenn Institutionen im Geheimen arbeiten?

Das ist die entscheidende Frage, die ich positiv beantworte. Öffentliche Einrichtungen müssen sich auf verdecktem Wege schützen können, wenn sie auf verdeckte Weise gefährdet werden. Das scheinen manche für illegitim zu halten. Aber sie täuschen sich. Um das zu zeigen, lege ich Wert auf die Parallele von Person und Institution. So wie es möglich sein muss, die Privatsphäre von Personen zu schützen, müssen auch die internen Arbeitsabläufe von Institutionen gesichert werden können. Anders können sie nicht nach besten Gründen beraten und entscheiden. Das gilt auch für die parlamentarische Demokratie. Deshalb besteht kein prinzipieller Widerspruch zwischen öffentlicher Einrichtung und der Notwendigkeit, sie polizeilich oder geheimdienstlich zu schützen. Das wird, so scheint mir, von Julian Assange und Edward Snowden nicht akzeptiert.

Auf welcher Seite hätte Leibniz dabei gestanden?

Mit Blick auf mein Buch kann ich zunächst auf eine beachtliche Reihe von Platon bis hin zu Kant, Popper, Hannah Arendt und John Rawls verweisen, die genauso dachten. In meinem Vortrag werde ich von Leibniz berichten, der in heiklen Verhandlungen über die Vereinigung protestantischer Kirchen in Brandenburg den Kurfürsten gebeten hat, die Öffentlichkeit auszuschließen, wenn die Bemühungen nicht schon im Vorfeld scheitern sollen. Andererseits werde ich zu zeigen versuchen, dass Leibniz nicht nur ein Vorreiter der öffentlichen Organisation von Wissenschaft ist, sondern dass er das Prinzip der Öffentlichkeit bis in seine Metaphysik hineinträgt. Insofern gehört er zu den großen Pionieren der Öffentlichkeit des Bewusstseins.

Wenn Leibniz so sehr von der aufklärenden Leistung der Öffentlichkeit überzeugt war, was hat ihn dann dazu veranlasst, um die Geheimhaltung der Verhandlungen zu bitten?

Es gibt bestimmte Dinge, die müssen erst einmal in Ruhe in Institutionen bedacht werden. In der Politik wie auch im privaten Leben geht es darum, klug mit der Öffentlichkeit umzugehen. Man muss wissen, dass sie nicht schon in jeder Phase von Erleben, Erfahren und Urteilsbildung hilfreich ist.

Sind Whistleblower wie Edward Snowden nicht doch so etwas wie die Speerspitze der öffentlichen Kontrolle?

Nein, das sind sie gewiss nicht. Aber auch hier gilt: Alles Üble kann auch seine guten Seiten haben.

Wo sehen sie die in diesem Fall?

Wir wissen nun, wie umfassend die Informationsabschöpfung sein kann. Und das müssen die Kontrolleure beachten. Es sollte vor allem aber auch die User vorsichtig machen. Das Netz ist nicht das Himmelszelt, unter dem alles verhallt. Es ist ein Netz, in dem man sich auch verfangen kann. Dass darin für die Öffentlichkeit ein Glück liegen kann, haben wir bei der raschen Aufklärung des Anschlags auf den Boston-Marathon gesehen.

Sie sprechen von „Weltöffentlichkeit“. Gibt es die denn schon?

Wir haben immer schon Öffentlichkeiten gehabt, angefangen bei den Sumerern, den Ägyptern und den von Homer geschilderten Griechen. Die haben zumindest in ihren Mythen eine Weltöffentlichkeit unterstellt. Dass wir heute Weltöffentlichkeit in aktueller Wirksamkeit haben, nutzen und längst benötigen, ist etwas Neues. Politik, Wissenschaft, internationaler Handel und Verkehr, auch der Katastrophenschutz, sind längst auf Weltöffentlichkeit angewiesen.

Mit welchen Folgen?

Nun, ohne sie könnten wir uns in kein Flugzeug setzen, kein Telefonat führen und keiner Nachricht mehr trauen. Das sind die keineswegs unerheblichen technischen Folgen, die zugleich Voraussetzungen für unendlich viel Anderes sind. Dazu rechne ich, um gleich auf das Wichtigste zu gehen, die Lernfähigkeit und Handlungsbereitschaft der Menschheit. Die Weltöffentlichkeit ermöglicht es uns, zu einer Weltgesellschaft zu werden, die in den auf uns alle zukommenden Konflikten und Krisen einheitlich handelt.

Interview: Kristian Teetz

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