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Kultur Interview mit Margot Käßmann und Wladimir Kaminer
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15:59 17.07.2010
Zwei Bestsellerautoren, zwei Glaubende: Der Schriftsteller Wladimir Kaminer und Margot Käßmann, ehemals Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende. Quelle: Michael Thomas

Herr Kaminer, Sie haben gerade ein Kinderbuch über das Paradies geschrieben und die Geschichte von Adam und Eva neu erzählt. Warum?

Wladimir Kaminer: Der „chrismon“-Verlag hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, in einer für junge Menschen verständlichen Sprache eine Bibelgeschichte zu erzählen. Es waren schon viele Geschichten besetzt. Die, die frei war, war die von Adam und Eva im Paradies. Eine Familiengeschichte, wo es eben um ganz Junge und sehr Alte geht – und das ist mein Thema an sich.

Margot Käßmann liest gerne Kaminer – warum?

Margot Käßmann: Das ist doch ein wunderbares Buch geworden, sage ich als Herausgeberin von „chrismon“! Ich finde am schönsten den Teil mit der Schlange – und die Aussage, dass die Schlange eigentlich nur eifersüchtig ist, weil Adam sich jetzt viel stärker Eva widmet. Die Quintessenz der Geschichte, dass Adam aber innerlich durchaus aus dem Paradies heraus wollte, weil er Kreativität gespürt hat in sich selbst und nur Paradies doch nicht so spannend fand, halte ich theologisch für einen ganz interessanten Gedanken.

Wie stellen Sie sich beide ganz konkret das Paradies vor?

Käßmann: Das Paradies? Darüber mache ich mir derzeit nicht so viele Gedanken, mich beschäftigen die Herausforderungen der Gegenwart viel mehr.

Kaminer: Ich kann mir vorstellen, dass für einen gläubigen Menschen das Paradies ein Umstand sein könnte, in dem er seine Unschuld bewahrt. Wenn er in seinen Lebenshandlungen so rein bleibt – wie heißt das? –, den Versuchungen widersteht und so rein bleibt, wie er auf die Welt gekommen ist, dann hat er sein Paradies erreicht.

Käßmann: Aber da gibt es offenbar gar keine Versuchungen im Paradies, da gibt es allein nur den Baum der Erkenntnis und das Verlangen, von seinen Früchten zu essen.

Also haben Sie beide, obwohl Sie auf unterschiedliche Weise über das Paradies schreiben, kein genaues Bild von diesem Ort?

Kaminer: Ja sicher, das Paradies ist ja nur ein Zustand. Das ist kein anderer Ort, sondern nur ein anderer Zustand.

Käßmann: Nein, ich denke bei Paradies an den Bibelspruch Offenbarung 21. Da heißt es: Gott wird abwischen alle Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein, und Leid, Not, Geschrei haben ein Ende. Das finde ich am paradiesischsten.

Herr Kaminer, Sie sind noch in der Sowjetuniun groß geworden. Sind Sie Materialist?

Kaminer: Ich weiß nicht, was Materialist bedeutet, ich bin Pragmatiker, auf jeden Fall.

Ein Materialist ist jemand, der nur an Sachen glaubt, die er entweder sieht, fühlt oder anfassen kann.

Kaminer: Nein, ich bin eigentlich ein sehr gläubiger, ein leichtgläubiger Mensch.

Ein Leichtgläubiger?

Kaminer: Ja, ja, ja.

Das glauben wir nicht – Sie ein Leichtgläubiger?

Kaminer: Doch. Weil ich glaube, dass das Glauben sich lohnt in jeder Hinsicht. Zwischen Glauben und Nichtglauben würde ich immer zu Glauben tendieren, weil das ein Motor ist, eine Kraft, während dieses Nichtglauben, das Misstrauen und alles Anzweifeln eher eine Bremse ist.

Käßmann: Der Glaube setzt etwas gegen die gängigen Botschaften des Materialismus. Etwa, dass du einen ganz eigenen Wert hast, auch wenn du nicht schön und gesund bist. Der zu materiell denkende Mensch sieht keinen Lebenssinn mehr, wenn er seinen Erfolg nicht mehr hat, wenn er alles verliert, worauf er gebaut hat. Der gläubige Mensch kann eigentlich nie alles verlieren.

Frau Käßmann, Sie haben in diesem Jahr vielfältige Erfahrungen gemacht. Haben Sie auch einmal mit Gott gehadert?

Käßmann: Also, wenn Gott uns wie Marionetten halten würde und mal ein bisschen Leid hier und mal ein bisschen Krankheit da verteilen würde, könnte man diese Frage beantworten. Das wäre für mich aber ein absurdes Gottesbild. Der Mensch ist schon verantwortlich für sich selbst.

Sie beide sind Erfolgsautoren und haben immer wieder Auftritte vor großem Publikum. Was ist schwieriger: mit den Leuten zu kommunizieren oder vor einem Blatt Papier oder dem Computer zu sitzen und ein Buch zu schreiben?

Käßmann: Fangen Sie an.

Kaminer: Ich sehe mich in erster Linie als Erzähler. Das Schreiben ist dabei gar nicht so schwer, das ist eher technisch, eine Frage der Fingerfertigkeit. Wichtiger ist das Erlebnis, dass man etwas mitzuteilen hat. Natürlich ist diese schriftstellerische Fähigkeit wichtig, aber sie ist ohne das eigene Erleben und das eigene Verstehen von dem, was man zu sagen hat, völlig bedeutungslos. Mitunter ist es schwer, die Lebensbotschaft zu erraten, die Botschaft ist dunkel, das ist die Tragödie des Lebens. Ich nenne das die Tragödie, und ich schreibe darüber lustige Geschichten, weil das eben der kürzeste Weg ist, diese Tragödie zu überwinden oder zumindest – überwinden kann man sie ja nicht –, aber man kann sie ... wie sagt man auf Deutsch?

... erträglich machen.

Kaminer: Ja!

Käßmann: Biblische Geschichten sind doch letzten Endes auch so, dass Menschen in Schwierigkeiten geraten, sie nicht wissen, wie es weitergehen soll, aber es gibt einen Weg nach vorne.

Die Bibelgeschichten sind aber nicht so komisch wie die kleinen Geschichten Wladimir Kaminers.

Käßmann: Einspruch: In der Bibel gibt es auch viel Humorvolles, auch die Schöpfungsgeschichte hat ihre komische Seite. Oder nehmen wir nur mal Moses, der in seinem Körbchen ins Wasser geworfen wird, das bei der Pharaotochter landet – das ist eine fröhliche Geschichte.

Frau Käßmann, Ihr Buch „In der Mitte des Lebens“ hält sich ganz vorne auf den Bestsellerlisten. Kaminer hat gesagt, man muss viel erlebt haben, um schreiben zu können. Wie schreibt man einen Best­seller?

Käßmann: Meistens entstehen meine Bücher aus Texten, die ich vortrage. Ich habe mich nie hingesetzt und habe gesagt, ich schreibe jetzt mal ein Buch, das wird ein Bestseller. Aber ich bin unwahrscheinlich froh, wenn ich mal richtig Zeit habe: zum Lesen, Denken und Schreiben. Für die Texte beim Ökumenischen Kirchentag im Mai in München hatte ich, aufgrund meiner derzeitigen Lebens­situation, richtig Zeit, in Ruhe am Schreibtisch zu sitzen und mit Lust zu schreiben. Ich habe dann aber doch immer ein bisschen Magenflauen, wenn ich dann in so eine Kirchentagshalle komme und das vortrage. Weil das etwas anderes ist, ob ich es schreibe oder ob ich es spreche. Und wenn so ein Buch dann gedruckt da ist, dann lesen es andere – aber mit ihren Augen. Sie lesen bestimmte Passagen dann mit ihrem Blick, mit ihrem Kontext, mit ihrem Leben.

Ihr Erfolg als Predigerin und Autorin ist sicher auch damit verknüpft, dass viele Leserinnen und Hörer ihr eigenes Schicksal mit dem Ihren verknüpfen – manche Sie sogar als eine protestan­tische Heilige verehren. Was halten Sie von Heiligen?

Käßmann: Ich bin keine Heilige und gebe mich auch nicht so. Das weiß auch jeder, das ist glasklar, niemand von meinen Zuhörern sieht mich auf diese Weise, auch wenn sich viele identifizieren. Bei Luther sind allerdings Heilige die, die wissen, dass sie sich in ihrem Leben nur ganz und gar Gott anvertrauen können.

Glauben Sie an Heilige, Herr Kaminer?

Kaminer: In russischen Religionen waren die Heiligen selbstverständlich immer die Alten, die Weisen, die in die Welt oder weit weg gegangen sind, Leute die vorher etwas erlebt haben und auch gesündigt haben, die wussten, wie schwer das Leben mit Menschen ist, und die sich für ein Leben ohne Menschen entschieden haben. Für mich ist das nichts, aber man will schon alles richtig machen.

Käßmann: Ja, das sollen Sie auch.

Was heißt heute alles richtig zu machen?

Kaminer: Diese Öllöcher, die BP in unsere Erde macht, sind ein gutes Beispiel. Hier handeln Menschen, als wären sie von irgendwelchen bösen Geistern getrieben. Nur wenn sie eine Wahl haben zwischen etwas Kleinem und etwas sehr Großem, entscheiden sie sich für das Kleine und denken nicht an das Große. Wenn man jeden konkreten Verantwortlichen, wie das so schön auf Deutsch heißt, fragen würde, willst du tatsächlich deinen Kindern diese schlimme, ölverseuchte Zukunft überlassen, und wenn man ihm sagt, dass er die Zukunft gefährdet, nur um ein paar Dollar mehr in der Tasche zu haben, würde er ablehnen, so nach Öl zu bohren. Er macht es trotzdem.

Käßmann: Da sind wir wieder bei der Paradiesgeschichte: Gott wollte den idealen Menschen schaffen, so erzählt es die ­Bibel. Aber Gott sieht dann bald: Der Mensch ist verführbar. Wir sehen es bei Adam und Eva. Der Mensch neigt zur Gewalt: Kain und Abel. Der Mensch ist größenwahnsinnig: Turmbau zu Babel. Und so weiter.

Kaminer: Ich glaube, aus der Sicht Gottes war der Mensch ein ideales Wesen. Er hat diesen Menschen als ideales Wesen geschaffen, ihn aber als weniger reines Wesen zurückbekommen. So ist die Welt, die Weltgeschichte, das sind sehr reine Seelen, die kommen als reine Seelen auf die Erde und gehen zurück als, na wie, wie, wie heißen im Auto diese Filter?

Rußpartikelfilter? Katalysator?

Kaminer: Katalysator, genau, Katalysator! Die müssen dann auch immer wieder ausgetauscht werden.

Herr Kaminer: Wir haben über das Paradies und das Bücherschreiben gesprochen. Sie arbeiten nebenher als DJ. Brauchen Sie beim Schreiben Musik?

Kaminer: Auf keinen Fall!

Und im Paradies?

Kaminer: Auf keinen Fall.

Warum?

Kaminer: Hören Sie doch nur, wie die Fledermäuse in der Welt kommunizieren.

Mit Ultraschall.

Kaminer: Wenn sie schreien, kommen die Wellen als Echo zurück. Etwas anderes als Echo kennen sie nicht. Also sie müssen ständig schreien, einfach um zu wissen, wo sie sind und was Sache ist. Das ist die Musik, ja.

Käßmann: Also mich würde Musik im Paradies nicht stören.

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