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Kultur Im Kopf des Neandertalers
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20:31 11.06.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Mutig, stark, schmerzfrei, fürsorglich und extrem konservativ: der Neandertaler. Quelle: dpa
Hannover

Wie fühlte es sich an, ein Neandertaler zu sein? Und was - wenn man denn davon eine Ahnung hätte, wie sich das anfühlen würde - sagt einem das? Über uns? Über die Geschichte? Das Leben? Ein Anthropologe (Thomas Wynn) und ein Psychologe (Frederick L. Coolidge) haben sich zusammengetan, um solche Fragen zu beantworten. Ihnen ist ein atemberaubendes Buch geglückt, das viel über die Neandertaler erzählt, aber auch einiges über uns.

Das angenehm locker geschriebene Buch steht in der Tradition angelsächsischer akademischer Literatur: keine Schwurbelschachtelsätze, nichts Hochgestochenes, Klarheit, soweit sie möglich ist. Und: viele gute Fragen. Woran würden wir einen Neandertaler erkennen, wenn er, gekleidet wie einer von heute, neben uns an der Bushaltestelle stehen würde? (An seinem muskulösen, gedrungenen Körper, seinem Kinn und seiner Stirn. Wir müssten aber genau hinsehen.) In welchem Beruf würde ein Neandertaler arbeiten, wenn es ihn in unsere Gegenwart verschlüge? (Er wäre ein guter Kapitän eines Fischkutters, denn in kleinen, überschaubaren Gruppen fühlt er sich wohl. Auch als Mechaniker oder - man staune - als Arzt wäre ein Neandertaler heute wohl erfolgreich.). Bei Routinearbeiten, die große Konzentration, Umsicht und Kraft erfordern, wäre er gut. Nicht so gut dagegen wäre er in Berufen, bei denen Kreativität unverzichtbar ist. Das ist verwunderlich, denn immerhin hatte der Neandertaler ziemlich viel im Kopf: Sein durchschnittliche Gehirn ist um etwa zehn Prozent größer als unser Gehirn.

Was wir von den Neandertalern wissen, wissen wir von ihren Knochen und ihren Werkzeugen. Nicht von Bildern - denn anders als unsere direkten Vorfahren, die vor 17000 Jahren Auerochsen, Pferde und Wildkatzen an die Wände der Höhle von Lascaux gemalt haben, haben die Neandertaler auf das Bemalen von Höhlenwänden verzichtet. Warum eigentlich? Was sagt das Fehlen von Bildern über die Neandertaler aus? Viel, meinen die Autoren.

Denn diejenigen, zu denen auch die Höhlenmaler von Lascaux gehören, haben die Neandertaler verdrängt. Vor etwa 200000 Jahren trat der Neandertaler in die Welt. Vor 30000 Jahren wohnten die letzten von ihnen auf der Iberischen Halbinsel. Dann starben sie aus. Der moderne Mensch trat an ihre Stelle. Und vielleicht hat ihre Unlust, Bilder an Wände zu malen, auch etwas damit zu tun, dass andere in der Evolution weiterkamen.

Die Neandertaler lebten in kleineren Gruppen zusammen. Sie kümmerten sich um Kranke und Verletzte. Sie begruben ihre Toten, allerdings eher nachlässig und nicht sehr tief. Sie waren mutige Jäger. Sie redeten miteinander, und sie arbeiteten bei der Jagd geschickt in größeren Gruppen zusammen. Sie benutzten Waffen. Sie hatten Speere, mit denen sie im Nahkampf Tiere töteten, die größer und kräftiger waren als sie. Bei solchen Kämpfen wurden sie oft schwer verletzt. An erstaunlich vielen Knochen haben Archäologen Verletzungen gefunden. Verletzungen, heißt das, waren im Leben der Neandertaler nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Die Neandertaler hinterließen auch viele Werkzeuge. Ihre Spezialität: Sie bauten Speere mit Steinspitzen. Speere schnitzte auch schon der Homo heidelbergensis, der vor den Neandertalern lebte. Etwa 300000 Jahre alt sind die Holzspeere, die zwischen 1994 und 1998 in Schöningen beim Kohletagebau gefunden wurden. Es sind die bisher ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit. Man wird ihnen nun ein eigenes Museum widmen. Am Montag, 24. Juni, wird in Schöningen das Paläon eröffnet, in dem die Speere ausgestellt werden. Die Archäologen, die die Speere untersuchten, waren bass erstaunt, wie gut sie austariert waren - ihr Schwerpunkt lag im hinteren Drittel, was auch bei modernen Wurfspeeren der Fall ist.

Der Neandertaler war der Erste, der seine Speere mit Steinspitzen versah. Das war nicht ganz einfach, schließlich ist eine derartige Waffe erheblichen Belastungen ausgesetzt: Unter anderem soll sie die Haut von Mammuts, Bisons und Bären durchdringen.

Solche Innovationen wie das Zusammenbringen von angespitztem Stein und Holzspeer waren nicht gerade typisch für den Neandertaler. „Es war eine neue Lösung für ein altes Problem - wie macht man Speere tödlicher und zuverlässiger? -, aber solche Innovationen waren in der Neandertaler-Technologie eher selten. Tatsächlich sorgten die Neandertaler im Laufe der rund 200.000 Jahre, die sie in Europa und Westasien lebten, für nur wenige technische Innovationen“, schreiben die Autoren.

Und das genau ist der Punkt, auf den alles hinausläuft. Wynn und Coolidge porträtieren die Neandertaler als mutig, stark, schmerzfrei, fürsorglich - und extrem konservativ. Neue Gedanken waren ihnen zuwider, vor allem Fremden hatten sie Angst. Und was geschieht mit denen, die dem Neuen gegenüber nicht aufgeschlossen sind? Genau: Die bestraft die Geschichte.

Das ist die Moral des Buches: Die Neandertaler gingen unter, weil der moderne Mensch, der sich vor 200.000 Jahren in Afrika entwickelte, sie verdrängte. Der hatte gegenüber dem Neandertaler ein paar entscheidende Vorteile im Überlebenskampf: Er war erfindungsreicher, wendiger, pfiffiger, dem Fremden gegenüber aufgeschlossener und offener für Neues. Und, da sind sich die Autoren sicher: Er konnte auch besser lügen und betrügen als der Neandertaler.

Thomas Wynn und Frederick L. Coolidge: „Denken wie ein Neandertaler“. Verlag Philipp von Zabern, 288 Seiten, 29,99 Euro.

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