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Kultur Multikulturelle Hommage an die Rue Edel
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10:15 23.02.2015
Muslimischer Wirt, jüdischer Gast: Barbara Honigmann vor der Bierstub L’Observatoire an der Straßburger Rue Edel. Quelle: Nina May

Drei Soldaten mit Maschinenpistolen stehen vor einem unscheinbaren Neubau in der Rue Edel am Stadtrand von Straßburg, fünf Minuten von der deutschen Grenze entfernt. Bis vor Kurzem wussten nicht einmal alle Anwohner, dass sich hier ein jüdischer Kindergarten befindet. Auch die muslimischen Einrichtungen des Viertels werden seit den Attentaten islamistischer Terroristen in Paris aus Angst vor Racheakten bewacht. „Die Soldaten zeigen unsere religiösen Orte an“, sagt die Autorin Barbara Honigmann. In ihrer Stimme mischen sich Bitterkeit und Trotz.

Die seit 1984 in Straßburg lebende deutsch-jüdische Schriftstellerin hat der Rue Edel in ihrem jetzt erscheinenden Buch „Chronik meiner Straße“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Sie schreibt davon, wie hier orthodoxe Juden einen Kinderwagen schieben, ein schwarzer Priester mit einem goldenen Kreuz über den Bürgersteig schreitet. Türken und Kurden leben hier neben Albanern und Bosniern. In einer Zeit, in der Terroranschläge und Flüchtlingswellen die Angst vor dem Fremden nähren, lohnt sich eine nähere Betrachtung dieses Mikrokosmos: Wie funktioniert städtisches und gesellschaftliches Miteinander trotz kultureller und religiöser Klüfte?
Als Nachbarn ihr nach dem Anschlag auf einen koscheren Pariser Supermarkt im Treppenhaus ihre Solidarität aussprachen, war Honigmann peinlich berührt. „Die meisten jüdischen Bürger dieses Landes fühlen sich als Franzosen. Und dann bekommt man hin und wieder diese kleine traurige Nachricht, dass das nicht alle so sehen.“ Der Terrorakt von Kopenhagen und die jüngste Schändung von mehr als 300 Gräbern des jüdischen Friedhofes in Sarre-Union, nur eine Stunde von Straßburg entfernt, schüren Verunsicherung und Misstrauen weiter.

An der Rue Edel jedoch spürt man einen Hauch der edlen Toleranzidee. Resolut betritt die Künstlerin mit den markanten Augenbrauen, ergrauenden Haaren und den rotgeschminkten Lippen die „Bierstub L’Observatoire“, ihre Stammkneipe. Der Inhaber ist ein irakischer Kurde namens Murat, seine Mutter backt für die Gäste Apfelkuchen nach elsässischem Rezept. Mittags preist Murat Couscous mit Hühnchen an. Wie sich an diesem Ort die Kochkünste verbinden, so treffen sich hier auch die „vielen Völker“, die ein fester Begriff aus Honigmanns Chronik sind. Hinten im Raum spielen grauhaarige Araber Karten, Künstler schlürfen heiße Schokolade. Ein heiler Ort der Verständigung? „Hier begegnen sich die vielen Völker und auch wieder nicht. Man kommt nicht unbedingt miteinander ins Gespräch. Aber jeder darf hier seine Religion und seinen Stil leben. Und das reicht ja auch“, sagt Honigmann. In ihrem Buch schreibt sie von „dem kleinen Weltraum unserer Straße, die nach überallhin offen und doch ein bisschen geschlossen ist“. Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq legte mit „Unterwerfung“ jüngst den Schlüsselroman über die Angst vor einer muslimischen Machtergreifung in Frankreich vor, Honigmann schrieb eine Parabel über eine Art respektvoller Gleichgültigkeit im Umgang mit dem Fremden. Dem Leser erscheint die Rue Edel als Überbleibsel der Utopie vom multikulturellen Miteinander.

„Chronik meiner Straße“

Barbara Honigmann: „Chronik meiner Straße“. Carl Hanser Verlag. 160 Seiten, 16,90 Euro.

Honigmann wurde 1949 in Ost-Berlin geboren, sie arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin an so renommierten Theatern wie der Volksbühne und dem Deutschen Theater Berlin. Die 66-Jährige spricht noch immer mit Berliner Einschlag, das „Jut“ vermischt sich mit dem „Voilà“ ihrer neuen Heimat. Die Kleistpreisträgerin zog 1984 nach Straßburg, um sich „jüdisch upzudaten“, wie sie sagt. Der Floskel von den „jüdischen Wurzeln“ kann sie nichts abgewinnen: „Die Wurzeln waren ja da, nur die Pflanze fehlte.“ Zehn Synagogen und eine Infrastruktur aus koscheren Supermärkten und Krankenhäusern gibt es in der vergleichsweise kleinen Stadt Straßburg. Die 18 000 Juden machen einen Bevölkerungsanteil von drei Prozent aus. Mit ihrem Mann, dem Leiter des Heidelberger Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, betreibt Honigmann in ihrem Hinterhof zum alljährlichen „Surrot“-Fest die einzige private Laubhütte der Stadt. Auch literarisch setzt sich Honigmann immer wieder mit jüdischer Identität auseinander, etwa in dem autobiografischen „Roman von einem Kinde“ (1986) oder zuletzt in dem Libretto für die Oper „Charlotte Salomon“, das Honigmann 2014 für die Salzburger Festspiele schrieb.

Seit den Massakern von Paris überlegt Honigmanns erwachsener Sohn, nach Israel auszuwandern. Als praktizierender Jude in Frankreich zu leben werde ohnehin immer schwieriger, sagt sie. „Wenn ein Student an einer wichtigen Prüfung nicht teilnehmen kann, weil sie auf einen jüdischen Feiertag fällt, ist das eben sein Pech.“ Nicht nur jüdische Gläubige fühlten sich von der laizistischen Staatsdoktrin eingeschränkt, die 2004 in ein Kopftuchverbot an Schulen und Universitäten mündete. „Integrationsdiskurse tangieren die unsichtbaren sozialen Schranken nicht einmal.“

An der Rue Edel lösen sich diese Grenzen auf, sie markiert die Schwelle zwischen Bourgeoisie und Banlieue, zwischen bürgerlicher Lebensart und den Konflikten des Stadtrands. Zwar brennen hier keine Autos, doch die Rue Edel ist so edel nicht. Das berühmte Münster von Straßburg, das Goethe laut „Dichtung und Wahrheit“ zu Tränen gerührt hat, scheint hier Welten entfernt zu sein, wie auch das schicke Europaparlament. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurden hier die ersten Straßburger Sozialbauten hochgezogen. Neben der Kinderkrippe stehen abends die Drogendealer. Viele Straßenbewohner gehören zu dem, was Honigmann in ihrem Buch „das andere Frankreich“ nennt. Sie laufen in Jogginghosen und mit Plastiktüten umher, „ohne jede façon“. Angesichts der aktuellen Legitimationskrise kann man dieses andere Frankreich auch als Metapher für ein anderes Europa verstehen. „Straßburg inszeniert sich als Hauptstadt von Europa, aber in meiner Straße herrscht ein Misstrauen gegenüber diesem Eliteprojekt“, sagt Honigmann.

Auf dem Markt am Ende der Rue Edel kaufen sowohl Rabbiner als auch Burka-Trägerinnen ein. Wann immer sich der israelisch-palästinensische Konflikt verschärft, liefern die muslimischen Händler den jüdischen Kunden nicht wie üblich nach Hause. Einen Stand gibt es, den Juden und Araber gemeinsam boykottieren, erzählt Honigmann. Der Besitzer ist ein Wähler der rechtsextremen Partei Front National.

Von Nina May

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