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00:16 11.04.2016
Von Stefan Arndt
Uralte Handwerkskunst: Benjamin Hickmott bearbeitet die Decke einer Bratsche mit dem Hohleisen. Quelle: Jan Philipp Eberstein
Hildesheim

Benjamin Hickmott spannt den Bogen, klemmt das Instrument unter das Kinn und streicht die Saiten an. Zwei Läufe, ein paar Triller. Hickmott strahlt. „Klingt wie eine Bratsche“, sagt er. Eine Überraschung dürfte das für ihn allerdings kaum sein: Der australisch-englische Geigenbaumeister hat die Bratsche in seiner Werkstatt in Dinklar bei Hildesheim ja schließlich selbst gebaut. Nur der Besucher kann sich wundern: Ist eine Bratsche nicht eigentlich deutlich größer als eine Geige? Erst auf den zweiten Blick entdeckt man ein paar Details, die darauf hinweisen, dass dieses Instrument vielleicht doch keine Violine ist: Die Seitenteile - die Zargen - sind etwas höher, die F-Löcher etwas größer und leicht nach unten verschoben, und auch die Taille wirkt etwas enger geschnürt als sonst üblich. „So etwas wie dieses Instrument hier ist sehr selten“, sagt Hickmott und prüft sein Werk noch einmal mit einem liebevollen Blick: „Eine Dreiviertel-Bratsche.“

Der 55-Jährige gehört zu einer Gruppe von mehr als 30 renommierten Geigen- und Bogenbauern aus ganz Europa, die große Pläne mit den kleinen Instrumenten haben. Er ist Mitglied des Vereins Contakt-Junior, der sich zum Ziel gesetzt hat, begabten Kindern gute Instrumente an die Hand zu geben. Denn Kinder lernen Streichinstrumente zunächst an Miniaturausgaben von Geigen, Bratschen oder Celli, weil ihre kleinen Hände sonst keine Chance hätten, die richtigen Töne zu treffen. Das ist ein seit Langem bewährtes Verfahren. Doch Hickmott und seine Kollegen haben einen Haken dabei entdeckt: „Die meisten dieser Instrumente kommen aus der Fabrik und sind nicht besonders gut“, sagt er.

Und die Unterschiede zwischen einem schlechten und einem guten Instrument sind gravierend: Manche Spieltechniken lassen sich auf minderwertigen Geigen erst gar nicht lernen, und die Modulationsfähigkeit des Klanges ist sehr eingeschränkt. „Man kann regelrechte Sprünge in der Entwicklung von Kindern sehen, wenn sie ein richtiges Instrument bekommen“, sagt Hickmott. Wenn das Instrument besser klinge, hätten die jungen Spieler gleich viel mehr Freude daran. „Und es macht großen Spaß zu sehen, wie Kinder Lust am Musizieren bekommen.“

Doch natürlich gibt es einen einfachen Grund, warum nicht jeder auf einem Meisterinstrument lernt: Solche handgefertigten Stücke sind viel zu teuer. Rund 10.000 Euro würde beispielsweise eine kleine Bratsche kosten. „Das lohnt sich nicht, wenn man es nur die kurze Zeit spielt, bis man die nächste Größe bekommt“, so Hickmott. Darum entstand bei einem der jährlichen Geigenbauertreffen, an denen er teilnimmt, die Idee zu Contakt-Junior: Jedes Mitglied baut auf eigene Kosten ein oder zwei Instrumente und stellt sie dem Verein zur Verfügung. Und der leiht die kostbaren Stücke kostenlos begabten Kandidaten.

Die Geigenbauer wollen damit die Entwicklung junger Musiker fördern - und gleichzeitig die Spitzenmusiker von morgen für ihre eigene Arbeit sensibilisieren. „Wir hoffen, dass sie merken, wie gut auch neue Instrumente klingen können“, sagt Hickmott, der sein Handwerk im britischen Wales gelernt hat. Bei seinem ersten Arbeitgeber, einem Geigenbauer in Stuttgart, bekam er viele Instrumente von guten Streichern in die Hände - auch die Geige von Anne-Sophie Mutter hat er damals überholt. Die allermeisten etablierten Musiker setzten auf alte, am liebsten italienische Instrumente. Hickmott hält das nicht immer für berechtigt. „Es gibt heute so viele gute Geigenbauer wie niemals zuvor in der Geschichte“, sagt er - und entsprechend hochwertig seien auch ihre Instrumente.

„Das Interesse ist sehr groß“

Am 1. Oktober wird der Verein erstmals ein Probespiel in Berlin veranstalten. Bis Ende Mai können sich Kinder und Jugendliche dafür bewerben. „Das Interesse ist sehr groß“, sagt Hickmott, der mit der Idee unter anderem beim Institut zur musikalischen Frühförderung an der hannoverschen Musikhochschule begeistert aufgenommen wurde.

Und so arbeitet er in seiner pittoresken Werkstatt an gleich zwei kleinen Bratschen. Eine hängt bereits fertig lackiert von einem Haken an der Decke, die andere wartet auf der alten Werkbank auf die letzten Arbeitsschritte. Die ganze Atmosphäre verrät, dass hier nichts mit Eile geschieht. Jeder Schritt wird wie seit Jahrhunderten überliefert von Hand ausgeführt. Maschinen gibt es kaum. Hickmotts Werkzeuge sind Schraubstock, Stechbeil und Pinsel - Antonio Stradivari wird vor 350 Jahren kaum anders gearbeitet haben.

Manchmal findet man noch eine halbe Geige aus den Händen eines der großen alten Geigenbauer. Kleine Bratschen aber gibt es gar nicht. „Ich bin sehr für dieses Instrument“, sagt Hickmott. „Es hat einen eigenen Ton, einen eigenen Charakter.“ Darum hat der 55-Jährige sich entschieden, gerade diese Instrumente für das Projekt zu bauen. „Viele Bratscher steigen erst spät von der Geige auf die Viola um“, sagt er. Letztlich sind sie oft nicht so gute Spieler wie jemand, der das Instrument schon als Kind lernt. „Darum gibt es die ganzen Witze über Bratscher“, so Hickmott. Seine beiden kleinen Instrumente könnten dazu beitragen, dass sich das eines Tages ändert.

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