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Kultur Hannoverscher "Ring" geht mit "Siegfried" weiter
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10:52 19.04.2011
Wagners "Ring" wird in Hannovers Opernhaus mit "Siegfried" fortgesetzt. Quelle: Rainer Dröse (Archiv)

Er hat den Längsten. Aber das nutzt dem Mann nichts (mehr). Zwar dauert es noch eine Weile, bis der Göttervater Wotan sprichwörtlich die Hosen runterlassen muss, aber schon vorher läuft er ohne Beinkleider herum. Und passt so zu seinem Enkel Siegfried und dessen Ziehvater Mime, die beide auch kurze Hosen tragen. Regisseur Barrie Kosky hat in der dritten Station seiner hannoverschen „Ring“-Inszenierung aus Richard Wagners „Siegfried“ ein Bubenstück gemacht. Umso wichtiger, dass ­Generalmusikdirektor Wolfgang Bozic Manns genug ist, das Musikdrama intensiv zu gestalten.

In Hannover ist Wotans Speer sieben Meter lang (und sieht noch länger aus), aber dieser Superlativ hilft nicht wirklich weiter. Weder Wotan noch dem Zuschauer. Für beide erweist sich der Speer als sperrig. Wotan hat Probleme, mit dem langen Stab nicht anzuecken. Der Zuschauer rätselt, ob es sich lohnt, über den Symbolgehalt des Holzschaftes nachzudenken, oder ob es sich hier um einen Einfall der Sorte Hingucker handelt.

Barrie Kosky, der in Hannover mit Brittens „Billy Budd“ und Janáceks „Aus einem Totenhaus“ zwei stimmungsstarke und bildkräftige Inszenierungen herausgebracht hat, scheint beim „Ring“ an Konditionsschwächen zu leiden. Das ist nicht ehrenrührig, denn dieses Mammutwerk zwischen Mythos und Märchen ist und bleibt Herausforderung – und oft auch Überforderung für jeden Nach­erzähler. Aber nach dem kurzweiligen, manchmal überschäumenden „Rheingold“ und einer „Walküre“, der nach dem Wälsungen-Drama streckenweise die Luft ausgeht, bleibt Koskys „Siegfried“ doch merkwürdig unentschlossen.

Mancher Gag verpufft wie Tischfeuerwerk. Es sei denn, man deutet die Tat­sache, dass Siegfried im Superman-Kostüm auf Jagd geht und den Bären offenbar im Zirkus und nicht im Wald fängt, als Beleg dafür, welch ein Kindskopf dieser Knabe noch ist. Aber warum agiert auch Mime kniefrei? Dazu trägt Mime Kippa und Gebetsschal und hämmert den Schmiederhythmus mit seinem Gebetsbuch auf den Tisch. Mit solchen Oberflächenreizen rufen Kosky und sein Kostümbildner Klaus Bruns die Assoziationen an Richard Wagners Antisemitismus ab, aber sie führen das Motiv – gottlob – nicht weiter aus.

„Ring“-Deuter bezeichnen „Siegfried“ gerne als das Scherzo im „Ring“-Reigen, aber spätestens seit den Beethoven-Sinfonien wissen wir, dass ein Scherzo kein Scherz sein muss und auch nicht komisch. Kosky klaut dennoch einen (schwachen) Gag bei Mr. Bean und lässt Mime mit dem gebratenen Schwan über dem Haupt kopflos herumtapsen.

Anderes ist stringenter. Es gibt ein Wiedersehen mit dem Nacktdouble für Urmutter Erda (diesmal von Julie-Marie Sundal stimmstark gedoubelt). Das hat hier sogar eine noch anrührendere Wirkung, weil sich der ratlose Wotan in Löffelchen-Stellung an Erda schmiegt. Es wird, falls Kosky seine „Götterdämmerung“-Konzeption, die er in seinem Beitrag zum Essener „Ring“ vor einem halben Jahr schon gezeigt hat, nicht überarbeitet, auch dort eine nackte Erda geben. Die Karte Judentum wird dann, allerdings von Alberich, noch einmal deutlicher ausgespielt. Einen Helden in kurzen Hosen sehen wir wohl auch wieder, dabei hat sich Siegfried für seinen Ausflug zur „seligen Öde auf sonniger Höh’“ doch eigens lange Hosen angezogen.

Der Brünnhildenfelsen erweist sich als die Tankstelle, in der Wotan im Schlussakt der „Walküre“ seine Tochter zurückgelassen hat. Allerdings steht die Garage jetzt auf dem Kopf. Der Feuerzauber, der Brünnhilde schützen soll, ist psychedelisches Flammenzucken. Lange konnte Brünnhilde dort ausruhen, aber das hilft ihr nicht wirklich, denn Brigitte Hahn muss mit dem hochdramatischen Jubelton doch kämpfen.

Dabei ist die Ausgangslage nicht schlecht. Dreieinhalb Stunden lang hat der Heldentenor schon gekämpft, wenn seine Partnerin ins Spiel kommt. Fair ist das nicht, aber Robert Künzli braucht keine Nachsicht. Er überzeugt in seinem Rollendebüt, auch wenn manche Vokalfärbung fremd tönt. Da hilft ebenso wie bei Béla Perencz als prägnantem Wanderer/Wotan die Übertitelung der Texte.

Wie Künzli da auf der Zielgeraden noch einmal Luft holt und Glanz nachlegt, das ist schon beeindruckend. Die neckischen Hasch-mich-Spielchen zwischen Brünnhilde und Siegfried sind eher entbehrlich, aber wenn die beiden die leuchtende Liebe und den lachenden Tod beschwören, dann machen sie neugierig auf das Ende der Geschichte, die an Pfingsten in der Staatsoper zu erleben sein wird. Dann wird Bühnenbildner Klaus Grünberg wohl die Szene öffnen. Hier verengt er lieber die Räume: Mimes Höhle ist eine enge Kochwerkstatt, in der Johannes Preißinger agil agiert.

Die nächtliche Neidhöhle findet sich nicht in der Natur, sondern eher in ­Gotham City: Wall Street statt Wald. Immerhin verdichten sich hier auch die Bilder, nicht nur, wenn Siegfried Selbsterkenntnis durch einen Spiegel gewinnt. Fafner (gewohnt stimmstark: Albert Pesendorfer) trägt offenbar die Reste seines Bruders, der im „Rheingold“ sein siamesischer Zwilling war, als Verwachsungen mit sich. Frank Schneiders ist ein eloquenter, charakterschillernder Alberich.

Hinako Yoshikawa als Waldvögelein steuert ihr Sopranzwitschern nicht aus der Kulisse bei, sondern hüpft als blondlockiger Kinderstar auch fremden Männern auf den Schoß. Wie hier Kosky mit Enge und Beengtheit spielt, das hat Ernsthaftigkeit, auch wenn er sich um theatralische Herausforderungen wie den Drachenkampf herumdrückt.

So findet das große Drama nicht zuletzt im Orchestergraben statt. Das Niedersächsische Staatsorchester hat (trotz kleiner Konzentrationsschwächen) hörbar an Wagner-Format gewonnen. Und Chefdirigent Wolfgang Bozic ist mittlerweile auch beim Publikum (in dem sich sonst immer ein paar notorische Bozic-Gegner fanden) unangefochten.

Am Ende gab es entschiedenen, wenn auch nicht überlangen Beifall für alle Musikmachenden. Und für das Regieteam eher mehr Ablehnung als Zustimmung. Fühlten sich die Gegner nun unter- oder überfordert? Das Ende mit der „Götterdämmerung“ wird es zeigen. Demnächst in diesem Theater.
Wieder am 20. und am 30. April.

Rainer Wagner

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