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Kultur Die Stadt mit anderen Augen sehen
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00:15 22.06.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Passanten aufgepasst: Bei Rimini Protokoll sind die Zuschauer immer auch Darsteller. Quelle: Mast
Hannover

Julia wurde aus 2500 Stunden Frauenstimme gemacht. Diese synthetische Stimme leitet nun die knapp 50 Zuschauer von „Remote Hannover“, einem Projekt von Rimini Protokoll, durch Hannover – von der Südstadt zum Steintor. Unterwegs macht man ein paar verrückte Sachen, sieht die Stadt mit anderen Augen und erfährt etwas über sich selbst. Aber man muss sich darauf einlassen.

Die Gruppe besichtigt ein Krankenhaus, einen Spielsalon und ein Kaufhaus – und sie macht die Straßen unsicher. In der U-Bahn (eine Kurzstreckenfahrt gehört auch dazu) fordert uns Julia aus dem Kopfhörer auf, den Boden zu untersuchen. Interessant, wie die Mitfahrer reagieren, wenn 20 Kopfhörerträger im Wagen plötzliches Interesse für die Bodenbeschaffenheit entwickeln. Auch an anderen Stellen werden die Mitläufer zu Akteuren. In der Innenstadt gibt Julia die Aufforderung zum Tanz – der die meisten bereitwillig Folge leisten. Zuvor hat das Grüppchen bereits eine Demonstration improvisiert. Jeder hat aus seiner Tasche einen besonderen Gegenstand hervorgekramt und ihn stolz den Passanten präsentiert.

Warum machen Theaterbesucher so etwas? Warum lassen sie so etwas mit sich machen? Weil Rimini Protokoll es einerseits sehr gut versteht, gruppendynamische Prozesse zu inszenieren, und weil es anderseits eine Lebensfrage ist. Denn Computer-Julia erzählt uns eine Geschichte vom Leben und vom Sterben. Der Stadtrundgang beginnt auf einem Friedhof, und Julia bittet jeden, sich vorzustellen, wie es wäre, im Grab zu liegen. Beim Rundgang dann werden die Jahre rückwärts gezählt. Am Ende erreichen wir den Geburtstermin – da sind wir in der Babyabteilung eines Kaufhauses gelandet. Und irgendwann hat der rückwärts gezählte Lebensweg unseren eigenen Lebensweg gekreuzt. Spätestens da stellt man sich die Frage nach dem eigenen Leben. Auch bei der Aufforderung zum Tanz fragt man nach dem, was man im Leben versäumt, was man aus Angst alles nicht getan hat. Die Computerstimme, die sich den Menschen mitleidsvoll und manchmal auch mit Befremden zuwendet, schafft es, uns bewegende Fragen zu stellen. Diesem Theater gelingt es, die Zuschauer zu berühren– erstaunlicherweise bei völliger Abwesenheit von Schauspielern. Dass manches ein bisschen kitschig ist – geschenkt. Dass Rimini Protokoll so etwas Ähnliches bei einer früheren Ausgabe der Theaterformen schon einmal gemacht hat – geschenkt. Dieses transhumane Theater ist faszinierend und in mehrfacher Hinsicht bewegend.
Die Vorstellungen von „Remote Hannover“ sind alle ausverkauft. Mit Glück gibt es noch Restkarten an der Abendkasse.

Geschichte(n) im Museum

Das Museum ist eine ganz besondere Theaterform. Hier werden Artefakte in Szene gesetzt. Wie im Theater zahlen die Zuschauer, um etwas Außergewöhnliches zu sehen. Und wie im Theater sind sie zur Ruhe angehalten. Allerdings ist Applaus hier eher nicht erwünscht. Für eine besondere Produktion hat das gestern Abend eröffnete Festival Theaterformen nun das Landesmuseum geentert. In der Ethnologischen Sammlung im Erdgeschoss präsentieren Andreas Kebelmann und Anja Mayer (die sich „Agentur Kriwomasow“ nennen) ihre Installation „Congo Connection“.

Es handelt sich dabei um eine Art Übermalung des Museumsbestandes. Über die Schaukästen, in denen die üblichen Masken, Holzfiguren, Schnitzereien aus dem Kongo, aus Indonesien („Land der Vielfalt und Gegensätze“) oder Madagaskar („Zwischen den Kontinenten“) gezeigt werden, haben die Kriwomasow-Leute halb transparente Folien geklebt, auf denen Interessantes zu Geschichte und Gegenwart des Kongos erzählt wird.

Dazu kommt der obligatorische Einsatz des Audioguides des Museums. Über Kopfhörer gibt es spannende Hörstücke zum Kongo und zur Situation von Menschen, die im Kongo gelebt haben und nun in Hannover wohnen. Viele spannende Beziehungen zwischen Hannover und dem Kongo, aber auch zwischen den verdeckten Ausstellungsteilen und dem Kongo werden hergestellt.

Das Kongo-Hörstück der Agentur Kriwomasow ist natürlich auch eine Kritik am Landesmuseum. Wer Vitrinen überklebt, sagt damit, dass das Museum bisher die falschen Geschichten erzählt hat. Landesmuseumschefin Katja Lembke kann dem sogar zustimmen, weist aber darauf hin, dass sich bald schon etwas an der Präsentation ändern wird: „Wir sind absolut im Wandel begriffen.“

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