Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Günter Grass enthüllt in Göttingen sein Denkmal für die Göttinger Sieben
Mehr Welt Kultur Günter Grass enthüllt in Göttingen sein Denkmal für die Göttinger Sieben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:05 29.04.2011
Von Johanna Di Blasi
Günter Grass vor seinem Kunstwerk für die Göttinger Sieben. Quelle: dpa

Sieht so Genialität aus? Literaturnobelpreisträger Günter Grass, 83 Jahre alt, brauchte nach Angaben seines Göttinger Verlegers Gerhard Steidl nur fünf Minuten, um mit dünnem Filzstift auf einen Zettel ein „G“ und eine „7“ mit einem Sockel darunterzukritzeln. Fertig war der Denkmalentwurf für die Göttinger Sieben – jene 1837 gegen die königliche Obrigkeit in Hannover aufmuckenden und daraufhin entlassenen Göttinger Professoren, zu denen auch die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm zählten. Die krakelige Zeichnung des Autors der „Blechtrommel“ musste nur noch von einer Spezialfirma in Cortenstahl ausgeführt werden. Das ist geschehen. Gestern wurde das 1,7 Meter hohe Ruckzuck-Monument aus geschnittenem Metall auf Sandsteinsockel zwischen dem zentralen Hörsaalgebäude und der Bibliothek der Göttinger Universität enthüllt, jenem seit 1987 nach den Göttinger Sieben benannten Platz im Herzen des Campus.

Universitäts-Präsidentin Ulrike Beisiegel betonte gestern, die Göttinger Sieben stünden für das „freie und kritische Denken“. Göttingens Oberbürgermeister Wolfgang Meyer sagte, das Denkmal erinnere an den „dramatischen Auftakt der Idee des Liberalismus“. Es sei ein „identitätsstiftendes Monument“, das bestimmt „viel fotografiert“ werde. „Es sieht gut aus, finde ich“, sagte kurz angebunden der Verleger Steidl, während Schriftsteller Grass, dessen honigfarbene Kleidung den braunen Farbton der Erosionsschicht seines Monuments aufgriff, seine Redezeit zu einem flammenden Appell an die Studierenden nutzte, sich politisch zu engagieren.

Was der weltbekannte Schriftsteller aus dem Handgelenk gezaubert hat, erscheint unbeschwert vom Zentnergewicht, das in Hannover bei den Stichworten „Göttinger Sieben“ und „Denkmal“ mitschwingt. Die hiesigen Bronze-Professoren, 1998 vom Mailänder Bildhauer Floriano Bodini (1933–2005) als tonnenschweres „Denkmal der Zivilcourage“ vor das Leineschloss gewuchtet, sind keine Revolutionäre, sondern gestelzte Herren in antiken Posen mit gewichtigen Büchern und Schriftrollen, kurzum: in Bronze gegossenes Geschichtspathos.

Demgegenüber steht auf dem Göttinger Campus nun das grasssche Kürzel aus Cortenstahl. Der Schriftsteller hat das legendäre Professorenseptett gewissermaßen auf ein flottes und eingängiges Logo heruntergebrochen. Man könnte die Formel auch auf ein Protestbanner malen. Aber denkt man bei G 7 wirklich an eine mehr als eineinhalb Jahrhunderte vergangene Protestaktion im Königreich Hannover? Die meisten werden bei G 7 wohl eher an den Verband der weltgrößten Industrienationen denken – heute G 8. Aber Grass konnte diese Assoziation bei seinem Denkmal kaum im Sinn gehabt haben, denn Wirtschaftsmachtgipfel sind nicht Ausdruck, sondern Ziel des Protests, beispielsweise von Attac.

G-Reihen begegnen uns außer in der Wirtschaft auch in der Technik. Es existiert eine G-7-Computermaus und eine digitale Kompaktkamera mit dieser Bezeichnung. Außerdem gibt es unter dem Kürzel G 7 eine preußische Dampflokomotive und einen wichtigen Torpedotyp der deutschen Marine im Zweiten Weltkrieg. Grass hatte sich als junger Mann freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und das erst 60 Jahre später gebeichtet – aber darauf wollte der alte Herr mit seinem G-7-Monument bestimmt nicht anspielen. Es verfestigt sich also der Eindruck, dass die Denkmalstiftung durch den Literaturnobelpreisträger und seinen Göttinger Verleger eine eher unausgegorene Sache ist.

Die bereits im Vorjahr vorgestellte Denkmalskizze hatten Leser der Online-Ausgabe des „Göttinger Tageblatts“ wenig freundlich aufgenommen. „Einfach zu platt“, befand ein Kommentator, und ein anderer empörte sich: „Ja, das muss man sich mal genau durch den Kopf gehen lassen ... da malt jemand ein ,G‘ und eine ,7‘ auf einen Zettel. Und daraus wird dann ein Kunstwerk. Wie geil ist das denn!“ Wohlwollender reagierten gestern Studenten auf das Denkmal, an dessen Sockel sich eine Tafel mit dem Auszug aus der Protestschrift der Göttinger Sieben befindet. Ein VWL-Student im schwarzen T-Shirt mit „Shutdown G 8“-Aufschrift schien passend für das Ereignis gekleidet, doch er war nur zufällig vorbeigekommen. Das Denkmal nannte er „cool“. Zwei Jurastudentinnen befanden: „Es ist schlicht, sagt aber alles aus, was es soll.“

Einen gewissen herben Charme kann man dem Denkmal ebenso wenig absprechen wie seinem Schöpfer die künstlerische Befähigung. Grass studierte nach einer Steinmetzlehre in den
vierziger und fünfziger Jahren Malerei und Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie und an der Berliner Hochschule für Bildende Künste. Immer wieder mal hat er neben seinem schriftstellerischen Werk auch Zeichnungen und Skulpturen geschaffen, zumeist realistische. Eine seiner „Butt“-Figuren befindet sich in Göttingen. Als „Skulptur aus Worten“ hat der Mehrfachbegabte seine Schriftstellerei bezeichnet.

Mit seinem jüngsten Buch, „Grimms Wörter“, im Vorjahr im Steidl Verlag erschienen, hat Grass so etwas wie ein Vermächtnis zu Lebzeiten vorgelegt – und sich großzügig in die deutsche Geistesgeschichte eingeschrieben: als geistiger Grimm-Nachfahre, als grimmiger Sprachfreund und unbeugsamer Geist. Und so ist es beinahe ein Akt der Bescheidenheit seitens des Nobelpreisträgers, der einst in Göttingen die Schule geschmissen hatte, dass er kein „G8“-Monument kreierte, in das seine Wenigkeit inbegriffen wäre.

Das Gallery Weekend in Berlin wird am Freitag aller Voraussicht nach ohne den chinesischen Künstler Ai Weiwei eröffnet. Von dem bekannten Regimekritiker fehlt seit seiner Verhaftung auf dem Pekinger Flughafen Anfang April jede Spur.

28.04.2011

Schauspieler André Wilms spricht im HAZ-Interview über gute Regisseure, seine Rolle als Philosoph in dem Heiner-Goebbels-Stuück "Max Black" und warum es schwierig ist, auf der Theaterbühne nichts zu tun.

27.04.2011

Aus Anlass des Mauerbaus vor 50 Jahren zeigt das Historische Museum Hannover eine Sonderausstellung mit beklemmenden Geschichten von der innerdeutschen Grenze. Die Schau beleuchtet 26 Stationen an der niedersächsischen DDR-Grenze vom Eichsfeld im Süden bis an die Elbe.

26.04.2011