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00:15 18.02.2014
Von Stefan Stosch
Regisseur Diao Yinan. Quelle: dpa
Berlin

Eine Jury tut nie gern, was alle erwarten – schon gar nicht, wenn sie mit solchen Individualisten besetzt ist wie der Berlinale. Man kann sich vorstellen, wie die acht Damen und Herren sich die Köpfe über eine salomonische Lösung zerbrochen haben. Richard Linklater und sein außergewöhnliches Langzeit-Projekt „Boyhood“ war ohne Frage das Maß der Dinge dieses Berlinale-Wettbewerbs. Das kann auch der Bond-Produzentin Barbara Broccoli, dem französischen Regisseur Michel Gondry, dem chinesischen Schauspieler Tony Leung, seinem österreichischen Kollegen Christoph Waltz und den übrigen Juroren kaum entgangen sein.

Aber dieser Geschichte vom Erwachsenwerden, gefilmt sozusagen in Echtzeit mit nur einem Darsteller über zwölf Jahre, den Goldenen Bären geben? Das wäre zu einfach gewesen, zumal der Film bereits beim Festival in Sundance seine Weltpremiere hatte, nicht in Berlin. Und so musste sich der US-Filmemacher am Ende mit der Auszeichnung für die beste Regie begnügen. Tatsächlich hätte man Linklater aber auch beinahe jede andere Statuette in die Hand drücken können, die am Sonnabend im Berlinale-Palast zu vergeben war.

So ging der Hauptpreis der 64. Berlinale nach Fernost: Der chinesische Detektivfilm „Black Coal, Thin Ice“ von Regisseur Diao Yinan erhielt den Goldenen Bären. Obendrein wurde Liao Fan als bester Darsteller geehrt. Er spielt einen heruntergekommenen Ex-Polizisten, der bei der Aufklärung mehrerer rätselhafter Morde in eine blutige Geschichte um Liebe und Rache verstrickt wird.

Der Film ist klassischer Noir-Stoff, wie man ihn aus Amerika oder Frankreich kennt. Allerdings von einigermaßen originellem Zuschnitt: Wo sonst wird schon mit Schlittschuhen gemordet? Und wann laufen die Fäden eines Kriminalfalls in einem Reinigungssalon zusammen, hinter dessen Tresen eine geheimnisvolle Frau steht?

Gern schließen westliche Zuschauer in so einem Fall aus der moralfreien Gier der Protagonisten zurück auf gesellschaftliche Zustände im heutigen Reich der Mtte – was übrigens ebenso bei den beiden anderen chinesischen Wettbewerbsfilmen möglich war. Den chinesischen Bären-Triumpf komplettierte Kameramann Zeng Jian, der in dem Drama „Blind Massage“ die Perspektive von Sehbehinderten einzunehmen versucht. Er wurde für seine herausragende künstlerische Leistung geehrt.

So hat diese Berlinale wie schon einmal in den achtziger Jahren den Fokus auf aktuelle chinesische Filmkunst gelegt. Damals begannen Zhang Yimou und Co. ihren Siegeszug im Westen. Zuletzt war der Goldene Bär 2007 mit „Tuyas Hochzeit“ nach China gegangen. Nun ist eine neue Generation am Zug, die mit Genre-Mitteln die Zensur zu überlisten trachtet.

Den deutschen Filmemachern, im Vorfeld hoch gehandelt, blieb lediglich ein Trostpreis: Die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann, beide Mitte dreißig, erhielten für „Kreuzweg“ den Silbernen Bären fürs beste Drehbuch. Sie erzählen in nur 14 Einstellungen von einem jungen Mädchen, das in die Fänge fundamentalistischer Katholiken gerät. Die Formstrenge bildet einen trefflichen Rahmen für die Unausweichlichkeit, mit der dieser Film auf den Opfertod zusteuert.

Man hätte den Deutschen bei einem so breit gefächerten Aufgebot eine größere Ausbeute gewünscht – auch wenn ein Filmfestival nicht mit einer Fußball-Weltmeisterschaft verwechselt werden sollte, bei der nationale Teams um den Titel spielen. Wer will, darf sich aber noch über einen weiteren Preis mit deutscher Beteiligung freuen: Wes Andersons skurriler Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“, geehrt mit dem großen Jury-Preis, wurde in Görlitz und im Studio Babelsberg gedreht.

Den Eigensinn der Jury unterstreicht auch der Sieger des Alfred-Bauer-Preises. Gewürdigt werden sollen damit Filmemacher, die neue Perspektiven der Filmkunst eröffnen. Ausgerechnet der 91-jährige Franzose Alain Resnais erhielt diese Auszeichnung. In seiner Komödie „Aimer, Boire et Chanter“ spielt der Altmeister recht amüsant mit Theaterkulissen in britischer Countryside-Idylle. Aber ob diese Idee nun wirklich in die Zukunft der Filmkunst führt?

So ist diese Berlinale mit einigen diskussionswürdigen Jury-Entscheidungen zu Ende gegangen. Die angereisten Filmleute aus aller Welt aber haben sich offenbar wohlgefühlt: Mehrfach erklärten sie auf offener Bühne ihre Zuneigung zu Berlin und dem Festival.

Diese Liebesbekundungen sind nicht zuletzt dem Charme von Festivalchef Dieter Kosslick zu verdanken. Mit seiner Filmauswahl war der 65-Jährige nicht immer glücklich, aber als Gastgeber hat er Großes geleistet: In seinen bislang 13 Berlinale-Jahren trug er die Popularität des Festivals in alle Welt. Neuerdings wird Kosslick für das überraschend frei gewordene Amt des Berliner Kulturstaatssekretärs gehandelt.

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