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00:00 26.09.2014
Die Schönheit der Kunst trifft auf die Brutalität der Macht in Puccinis „Tosca“. Quelle: Thomas M. Jauk
Hannover

Die Oper „Tosca“ spielt ursprünglich an einem historisch genau festgelegten Tag und Ort, genau gesagt zwischen dem 17. und 18. Juni 1800 in Rom, zur Zeit der Napoleonischen Kriege. Welche Rolle spielt dieser historische Hintergrund für Ihre Inszenierung?

Alexandra Szemerédy: Der historische Hintergrund ist der Generator eines gewissen Realismus, durch den die Personen des Stücks sehr glaubwürdig erscheinen. Wichtiger als eine historische Fixierung war für uns aber die Geisteshaltung, die sich durch die Personen ausdrückt und die geprägt ist durch das Leben in einem totalitären und zentralisierten Macht-system. Solche Situationen sind nicht an das Jahr 1800 gebunden und existieren bis heute.

Magdolna Parditka: Eine zu genaue historische Festlegung und Distanzierung könnte die Brisanz des Stoffes sogar entschärfen. Es gibt in unserer Inszenierung natürlich historische Assoziationen, die aber nie ganz konkret werden. Die bedrückende Nachkriegsstimmung, in der sich das Geschehen abspielt, könnte irgendwo in Europa und irgendwann in den 50er- oder 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts herrschen, aber es könnte auch heute sein.

Was verkörpert für Sie die Titelfigur der Oper, eine Sängerin, die von der unpolitischen Künstlerin unversehens zur Widerstandskämpferin wird?

Parditka: Das war tatsächlich die zentrale Frage für uns. Tosca steht für einen Menschen, der mit seinem ausgeprägten Ego, seinem Leben für die Kunst plötzlich von den politischen Geschehnissen eingeholt wird und mit dieser Überrumpelung zunächst nichts anfangen kann. Denn man muss sich ja klar machen, dass Tosca eine korrumpierte Künstlerin ist; sie dient der zentralen Macht als Staatssängerin. Und ihre berühmte Arie „Vissi d‘arte“ im 2. Akt ist wahrscheinlich eine auch für sie überraschend neue Erkenntnis, bei der sie sich fragt, ob ihr Leben für die Kunst als vermeintlich geschützter Raum jenseits der politischen Realität wirklich alles ist, was für sie wichtig sein könnte. Hier wird die Grundfrage nach der politischen Verantwortung des Künstlers gestellt, die uns in der Oper in zwei Varianten und als sehr gegensätzliches Liebespaar begegnet: Der unpolitischen Operndiva Tosca steht der Maler Cavaradossi gegenüber, der von Anfang an die Widerstandsbewegung unterstützt.

So wie die Liebesbeziehung der beiden immer spannungsgeladen ist, so scheinen auch generell die menschlichen Gefühle in dieser Oper von den Machtverhältnissen wie in einem Schraubstock eingezwängt.

Szemerédy: Ja, es herrscht ein ständiges Misstrauen auch zwischen einander vertrauten Menschen. Wenn die Macht das Private beherrscht, dann bedeutet das einen umfassenden Vertrauensverlust. Man belügt und bespitzelt sich gegenseitig. Aber das hat ja Methode in totalitären Systemen und verfolgt einen ganz klaren Zweck: Wenn man das Vertrauen in den nächsten Menschen verliert, dann kann es keine Zellen des Widerstands mehr geben, dann stirbt der Widerstand insgesamt, und jeder versucht sein Leben so zu leben, dass es nicht allzu sehr auffällt.

Das Geschehen kristallisiert sich um die zentrale Beziehung zwischen Tosca und dem Baron Scarpia, die ja von vornherein unter dem Vorzeichen eines Machtspiels steht. Worin besteht die Anziehungskraft Toscas auf diesen brutalen Machthaber?

Szemerédy: Das ist nicht nur eine einseitige Sache. Ich glaube, beide suchen im anderen eine Art Spiegel. Beide sind bedeutende Persönlichkeiten der Gesellschaft, die es gewohnt sind, dass alle nach ihrer Pfeife tanzen und dass sich die anderen ihnen unterordnen. Auch Tosca ist ja absolut dominant, das sehen wir schon im ersten Duett mit Cavaradossi, dem sie quasi Befehle erteilt: Ich singe heute Abend, du wartest am Eingang auf mich; außerdem beschwere dich nicht, es ist nur eine kurze Vorstellung. Scarpia hat natürlich andere Mittel, um über das Leben anderer zu bestimmen, mit Folter, einer Kugel oder dem Strick. Jedenfalls erfahren diese beiden Menschen bei ihrem Zusammenprall, was es heißt, wenn der andere nicht so reagiert, wie man es erwartet. Es gibt plötzlich ein Gegenüber, das unberechenbar ist. Darin liegt auch eine erotische Spannung.

Parditka: Ich glaube, dass Scarpia unbewusst sein ganzes Leben darauf gewartet hat, von jemandem wie Tosca an seine Grenzen gestoßen zu werden. Er ist eine Art Tötungsmaschine, die nur durch einen Tötungsakt gestoppt werden kann. Die Begegnung mit Tosca ist wie ein Sturz in die unbewusst herbeigesehnte Vernichtung. In seiner Ermordung erlebt Scarpia vielleicht die ultimative Ekstase seines Lebens.

Lässt die Musik Puccinis in ihrer Drastik und szenischen Plastizität der Regie eigentlich genug Freiheiten?

Parditka: Man muss die szenische Konkretion der Musik zwar sehr ernst nehmen und genau untersuchen. Aber dabei darf man nicht stehen bleiben. Man darf über den Einzelheiten auch die Gesamtdramaturgie der Musik nicht aus den Augen verlieren und vor allem keine Angst haben, alteingefahrene Inszenierungstraditionen zu hinterfragen. Dann stößt man auf Momente, wo man den vermeintlichen „Realismus“ der Musik aufheben kann, wo aus Realität Irrealität wird.

Szemerédy: Für mich stehen ohnehin die psychologischen Vorgänge zwischen den Figuren jenseits von irgendeinem äußerlichen Realismus im Zentrum. Man muss nicht jede musikalische Geste szenisch verdoppeln, das wäre langweilig. Dann ist die Musik gar nicht so einengend und lässt vielfältige szenische Deutungsweisen zu.

Sie arbeiten als Regieduo, das auch für Bühne und Kostüme gleichberechtigt verantwortlich ist. Wie funktioniert eine solche Zusammenarbeit? Szemerédy: Durch ständigen Austausch und ständige Beobachtung in allen Bereichen. Wir diskutieren viel, und das sind fruchtbare Diskussionen. In ihnen wird die Geschichte, die wir erzählen wollen, immer kompakter und schlüssiger. Parditka: Ja, das ist wie ein lebender Organismus. Dazu gehören übrigens auch die Sänger, die natürlich ihre Persönlichkeit in die Inszenierung einbringen und wissen müssen, was und warum sie etwas tun. Szemerédy: Da muss man auch nicht gleich immer einer Meinung sein. Jede Auseinandersetzung bereichert den Prozess.

Zur Oper

Musikalische Leitung: Mark Rohde, Inszenierung, Bühne und Kostüme: Alexandra Szemerédy, Magdolna Parditka, Licht: Susanne Reinhardt, Chor: Dan Ratiu, Dramaturgie: Klaus Angermann Floria Tosca: Kelly God/Brigitte Hahn, Mario Cavaradossi: Rafael Rojas/Andrea Shin, Scarpia: Stefan Adam/Brian Davis, Spoletta: Gevorg Hakobjan/Ivan Turšic, Angelotti: Shavleg Armasi/Michael Dries, Mesner/Sciarrone: Per Bach Nissen/Daniel Eggert, Schließer: Faris Schulz, Marchesa Attavanti: Eunhye Choi/Stella Motina Chor, Extrachor und Kinderchor der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Tosca Oper von Giacomo Puccini Einführungsmatinee Sonntag, 28. September, 11 Uhr, Laves-Foyer Premiere Donnerstag, 2. Oktober, 19.30 Uhr, Opernhaus

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