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Kultur Friede, wenn John Lennon schlief
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22:00 15.06.2017
Immer noch stark für vier: Paul McCartney, der am Sonntag 75 Jahre alt wird und der Welt seit 1962 schöne Songs schenkt. Quelle: dpa
Berlin/Liverpool/London

Das stärkste Lied von Paul McCartney, das heute nichts an Kraft verloren hat, weil selbst das anhängliche Radio Paradiso diese Melodie in seinen Endlosschleifen nicht begraben hat, gehört zu einer Randsportart in seinem Leben. „Why Don‘t We Do It In The Road?“ zählt zur Sparte „knappe zwei Minuten und ab 18“. Das Lied steckt auf dem Weißen Album, einer Platte, auf der man sich zwar nicht verbergen kann, aber im Windschatten der großen Hits ein Leben als Geheimtipp führt. „Warum machen wir‘s nicht auf der Straße, niemand guckt uns zu“, fragt Paul in diesem Song – das ist eine entschieden untypische Frage für den Mann, der sich sonst gern ins Moll gelegt hat, nicht ins Lotterbett.

„Why don’t we do it ...“ – Kein Gedanke an Nachruhm

Das Stück verlässt sich textlich auf den Punk, McCartney singt, als habe er nicht mal ein Bier getrunken. Er meint es also ernst und probt hier eine Farbe, die seine Lieder sonst nicht haben. Kein „Yesterday“ (bin heute mit dem falschen Fuß aufgestanden) oder „Let It Be“ (wird schon werden, lass dich nicht verrückt machen vom Horoskop). Nicht dieser übergroße Ehrgeiz, kein Gedanke an den Nachruhm. Er wollte niemanden zum Weinen bringen. Er wollte einfach nur… Was für eine lässige, vom Bass beharrlich angefeuerte Direktheit.

Paul konnte ein cooler Hund sein, nicht nur der Posterboy mit Rehaugen. Er hat gezeigt, dass er den Lennonismus beherrscht, diese raue, breitbeinige Pose, für die man eine Lederjacke braucht, die er – im Gegensatz zu Lennon selbst – zuletzt wahrscheinlich im Kaiserkeller von St. Pauli Anfang der 60er Jahre getragen hat.

McCartney braucht den Gegenpol, um sich selbst zu spüren

An diesem Sonntag wird Paul McCartney 75 Jahre alt. Zum Glück seines Lebens zählen „Yesterday“ und „Let It Be“. Zum Schicksal seines Lebens gehört, dass er einen Gegenpol benötigt, um sich selbst zu spüren und daraus die unsterblichen Songs zu bauen. Vielleicht muss das so sein bei einem, der im Sternzeichen des Zwilling geboren ist. Erst hatte er Lennon, der ihn geplagt und provoziert hat, dem er es zeigen wollte, und wirklich war er letztlich der genialere Musiker als John. Dann seine Frau Linda, die ihn zum Tierschutz und Vegetarismus brachte, zu einer Zeit, in der selbst Hippies noch ein Steak auf ihren Grill geworfen haben. Schließlich Heather Mills, die nächste Frau, von der er sich im Rosenkrieg getrennt hat. Sie hatte ihm so zugesetzt, dass er erneut auf Welttournee gegangen ist, um diese Ehe-Katastrophe zu verarbeiten. Alleine, hat man das Gefühl, wäre Paul ein bequemer, zum Schlendrian neigender Filmmusik-Komponist geworden.

In den Jahren nach den Beatles fehlte ihm der Reizpunkt, er war der Star der Wings, niemand hatte ihn gefordert. Stücke, die in den 70ern gefangen sind, entstanden während dieser Zeit. In ihrem Pomp klangen sie aufgedunsen, dennoch schrieb er 1973 den besten aller Bond-Songs: „Live And Let Die“.

Paul vereint den Hang zur Show mit dem Willen zum Genie

Wer ihn in Berlin im letzten Jahr gesehen hat mit seinem kleinen, braunen Höfner-Bass, kaum größer als eine Bratsche, wo er in der Waldbühne spielte, Plätze mit guter Sicht für 230 Euro, der spürte: Wenn Ringo Starr der Kasper war, John Lennon der kühle Intellektuelle und George Harrison mit sanftem Blick der Band so etwas wie den Herzschlag gab, war Paul McCartney der Hochbegabte, dem es auch um Harmonie ging. Er ist der Mann, der den Hang zur Show und den Willen zum Genie in sich vereint. Wenn einer alleine die Beatles verkörpern kann, dann er.

Die Selbstsicherheit war die Bruchstelle der Beatles

Paul McCartneys „I‘ve Got A Feeling“ hat in Berlin erinnert an die glänzenden, letzten Jahre der Beatles, als jedes Stück ein großer Wurf war, beiläufig eingespielt, mit dem Wissen um die eigene Unfehlbarkeit. Diese Selbstsicherheit war letztlich die Bruchstelle der Band. Aus den Jungs wurden Charakterköpfe. Je mehr sie ihre Stärken kennenlernten, desto weniger sind sie bereit gewesen, sich der Gruppe zu beugen.

McCartney aber rutschte nach den Wings in eine Schaffenskrise, aus der ihn erst Elvis Costello holte. Das Album „Press To Play“ von 1986 war ein künstlerischer Tiefpunkt, er brauchte wieder einen kreativen Counterpart: Costello kam und gab ihm auf „Flowers In The Dirt“ (1989) seinen Biss und seinen Bass zurück. Abermals wurde belegt, was nicht mehr belegt werden musste: Nie hat die Welt einen größeren Popmusiker gesehen als Paul McCartney.

Als die anderen Beatles müde waren ...

Sein „Why Don‘t We Do It In The Road?“ hat er am 10. Oktober 1968 im EMI-Studio aufgenommen, es ist sein Ein-Mann-Song, er spielte alleine Gitarre, Klavier, Schlagzeug und Bass. Und natürlich hat er gesungen. Die anderen Beatles waren nach den Aufnahmen zu „Bungalow Bill“ müde nach Hause gegangen. Nachts, wenn Lennon schlief, wurde McCartney ein Mann, der sich frei fühlte.

Von Lars Grote/RND

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