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„Freiheit“ – Eine Frau bricht aus

Kino „Freiheit“ – Eine Frau bricht aus

Nach dem emotionalen Kältetod: In „Freiheit“ (Kinostart: 8. Februar) verschwindet eine Mutter aus ihrem alten Leben und begibt sich auf die lange Reise zu sich selbst. Die Schauspielerin Johanna Wokalek besitzt in diesem Drama von Regisseur Jan Speckenbach eine beinahe unheimliche Präsenz.

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Beginnt neu: Nora (Johanna Wokalek) will ihr Leben sortieren, Freiheit erlangen – auch wenn sie zunächst nicht weiß, was das wirklich bedeutet.

Quelle: Foto: Verleih

Hannover. Ein beliebtes Klischee: Männer gehen Zigarettenkaufen und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Dass auch eine Frau ohne weitere Erklärung vor die Tür geht und die Familie ohne ein Wort zurücklässt, hört man seltener. Nora (Johanna Wokalek) macht es einfach, sie will nicht mehr nur funktionieren.

Noras Ausbruch geschieht aus heiterem Himmel

Der Grund ihres überraschenden Verhaltens bleibt erst einmal offen. Sie steigt in den Bus und fährt bis zur Endhaltestelle. Dabei scheint ihr Leben so perfekt geregelt. Sie kennt ihren Mann seit 14 Jahren, beide arbeiten als erfolgreiche Anwälte in Berlin. Seine Affäre mit einer Kollegin ist kein Big Deal, man hat sich arrangiert in der Ehe, im Beruf, mit Freunden.

Aber Nora will Freiheit, auch wenn sie nicht genau weiß, was das wirklich bedeutet. Sie verbringt eine unverbindliche Liebesnacht mit einem jungen Typen in Wien, reist nach Bratislava, schließt Freundschaft mit einer Slowakin, die als „Sexperformerin“ in einer Bar arbeitet und deren Mann ihr einen Job im Hotel besorgt.

Nicht nur für die 40Jährige geht das Leben weiter, sondern auch für ihren Gatten Philip (Hans-Jochen Wagner), der auf ihre Rückkehr hofft. Er lässt sie sogar in einer Sendung suchen und kümmert sich um die zwei Kinder, die sich nicht mit der Geliebten als Ersatzmutter abfinden wollen.

Regisseur Speckenbach baut zu viel in seinen Film ein

Ein Paar, das sich auseinander gelebt hat und die Konsequenzen zieht: Regisseur Jan Speckenbach stellt das tradierte Familienmodell mit seinem Drama in Frage. Er baut die Handlung in drei Kapiteln, aber nicht chronologisch auf, sondern springt manchmal irritierend vor und zurück, schneidet von der neuen Welt der Frau auf die etablierte des Mannes.

Doch baut er zu viel in seinen Film ein: Ihm reicht nicht die Konzentration auf zwei Menschen und ihren emotionalen Kältetod, es müssen auch noch politisch korrekt Flüchtlinge auftauchen, humane Fragen des Asyls abgearbeitet werden und der Anwalt sich mit rassistischen Straftaten beschäftigen.

Das mag honorig sein. Durch die Nebenschauplätze verliert der Film jedoch den notwendigen Fokus. Die psychologisch spannende Geschichte um den Abschied von einer Lebenslüge und die tiefe Verunsicherung gerät aus dem Lot, obgleich sie sich ganz modern an Henrik Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“ anlehnt und ihre Kraft aus der fast unheimlichen Präsenz von Johanna Wokalek („Die Päpstin“) zieht.

Eine Frau zwischen Freiheitsdrang und Verantwortungsbewusstsein

In einer superben Leistung wechselt sie zwischen Fragilität, Fehlbarkeit und Stärke, ist ganz nah und doch wie durch eine gläserne Wand von anderen getrennt. Eine Frau zwischen Freiheitsdrang und Verantwortungsbewusstsein, die das Gefühl für Liebe schon lange verloren hat. In der Schlussszene, die eigentlich den Beginn markiert, sieht man das trügerische Glück im trauten Heim. Nur wenige Minuten später ist der für die Ewigkeit geplante Lebensentwurf zerbrochen, die Heldin auf dem schwierigen Weg zu sich selbst.

Von Margret Köhler / RND

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