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Kultur Die neue Lust an der Unterwerfung
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12:26 07.02.2015
Von Thorsten Fuchs
Neben der „Geschichte der O“ aus den angeblich prüden Fünfzigern ist „Fifty Shades“ ziemlich blass. Quelle: dpa
Hannover

Das also sind die ersten Bilder. Bilder, die bald, wenn alles normal läuft, Millionen auch in Deutschland sehen werden. So soll er also aussehen, Christian Grey, diese wohl meistimaginierte Sexfantasie der jüngeren Literaturgeschichte. Durchtrainiert, knopfäugig, vielleicht eine Spur zu nett für den dominanten Perversen, der er sein soll. Und da ist Anastasia Steele, die schüchterne Studentin, deren Blick in den ersten Szenen vor allem eine Richtung kennt: von unten nach oben.

„Romantik liegt mir nicht“, warnt er sie gleich zu Beginn, und: „Halt dich von mir fern!“

Es ist der einzige seiner Befehle, den sie ignoriert. In den nächsten 100 Filmminuten wird er sie fesseln, auspeitschen, schlagen – und sie wird das alles sehr erregend finden.

Es geht in diesem Film vor allem um eines: dieses Paar und seine Sexspiele filmisch real werden zu lassen, die in den vergangenen Jahren zig Millionen anscheinend vor allem weibliche Leser bei der Lektüre allein in ihren Köpfen erschaffen haben. Die Szenen stammen aus „Fifty Shades of Grey“, der Verfilmung jenes erotischen Bestsellers, gegen den selbst die Harry-Potter-Romane nur im Schneckentempo über die Theke gingen. Die Autorin, die 51-jährige Britin Erika Leonard alias E. L. James, machten sie zur zigfachen Millionärin. Was dann doch erstaunlich ist für eine Liebesgeschichte, in der es nicht um Anschmachten bei Kerzenschein und Blümchensex unter der Bettdecke geht. Sondern um Bondage, Disziplin, Sadismus, Masochismus.

Man kann es sich mit dem Phänomen „Fifty Shades of Grey“ ja sehr einfach machen. Man kann zum Beispiel darauf hinweisen, dass da eine ­frühere Hobby-Vampirgeschichtenautorin in quälender literarischer Unbeholfenheit eine vollkommen spannungsfreie Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte der jungen Anastasia Steele, die für eine Studentenzeitung den Millionär Christian Grey interviewt – und ihm erotisch verfällt. Er: hypererfolgreich, dominant, eifersüchtig. Sie: die schüchterne Jungfrau mit Helferinnenkomplex, die ihren Christian von seiner Psychomacke aus schwieriger Kindheit befreien will. „Wow, liegt der tief“, sagt sie über seinen Audi R8 Spyder. Das ist so das Niveau, um das es hier geht.

Nur haben sich diese Bücher eben auch 100 Millionen Mal verkauft. Also werden sie auch etwas über die Gesellschaft erzählen, in der sie so massenhaft gelesen werden, oder? Zumal sie dem öffentlich formulierten Beziehungsideal kräftig widersprechen. Gleichberechtigung und Frauenquote sind in dieser Welt ziemlich fern. Und dass er sich mal für zwei Monate zum Nachwuchs in die Elternzeit verabschiedet, würde man bei SM-Christian auch eher nicht vermuten. Nein, der Dominator schreibt seiner Anastasia qua Vertrag vor, was sie zu essen, wie viel sie zu schlafen und wie oft sie Sport zu treiben hat. Es geht um Macht, um Kontrolle. Dazu sagt er Sätze wie: „Ich mache keine Liebe. Ich“, entschuldigung, „ficke hart.“

War das mit dem Feminismus vielleicht alles nur ein Missverständnis?

Das nun nicht, sagt Eva Illouz, Professorin an der Universität Jerusalem und eine der angesehensten Soziologinnen derzeit. Die Faszination für diese Sadomaso-Werke, das sei im Grunde die Kehrseite des jahrzehntelangen Geschlechterdiskurses, der Verschiebung der Verhältnisse. „Der moderne Mensch weiß viel weniger, wie er zu sein hat“, sagt Illouz. Weil es viel weniger klare Rollen gibt, weniger klare Muster, sondern weil alles Verhandlungssache ist, gerade in der Liebe. Wer geht jetzt wie viel arbeiten? Wer kümmert sich um die Kinder? Sollen wir überhaupt zusammenbleiben? Oder uns lieber trennen?

„Die Gleichheit zwischen den Geschlechtern bringt viele Unsicherheiten in Bezug auf die Rollen von Männern und Frauen mit sich“, sagt Illouz. Die Gleichheit, soweit es sie gibt, ist ein Vorteil, sie ist hart erkämpft. Aber sie macht das Leben auch komplizierter. Sie schafft Entscheidungsmöglichkeiten, wo früher keine waren. Aber sie schafft auch Entscheidungspflichten, wo es zuvor keine gab. „Unter diesen Bedingungen bietet sadomasochistischer Sex einem Möglichkeit zu mehr Sicherheit“, sagt Illouz. „Denn da weiß jeder genau, was er zu tun hat, die Rollen sind festgelegt.“ Sadomasochismus ist für sie die Lösung all der Widersprüche, mit denen wir heute leben. Er macht das Leben einfacher. Daher, sagt Illouz, der Erfolg dieser Bücher, dieser Fantasien.

Aber, kleiner Einwand, muss es deshalb gleich wehtun? Sind Schmerz und Qual wirklich nötig, um das etwas komplizierte Mann-Frau-Ding zu lösen? Vielleicht muss man fairnesshalber sagen, dass Eva Illouz von einer „symbolischen Lösung“ spricht, nicht von einer konkreten. Man muss keine Handschellen zu Hause haben, um Buch und Film zu mögen. Zumal E. L. James ja alles dafür tut um den Sadomasochismus in „Fifty ­Shades“ so stubenrein wie möglich zu zeigen. Da gibt es kein Blut, keinen Schmutz, wie beim Marquis de Sade, im Vergleich zu dessen Werken „Fifty ­Shades of Grey“ ungefähr so verrucht ist wie „Hanni und Nanni“. Und auch mit der „Geschichte der O“ kann „Fifty Shades of Grey“ nicht so recht mithalten.

Am Ende ist dies dann doch eine biedere Liebesgeschichte, deren Autorin nicht zufällig im urkeuschen Vampirromangenre zu Hause ist. In dieser gemäßigten Form ist der Sadomasochismus offenbar auch ganz real eine zunehmend beliebte Variante der sexuellen Möglichkeiten. „SM-Muster werden wieder gesellschaftsfähiger“, beobachtet jedenfalls auch Professor Wolfgang Berner, früher Direktor des Instituts für Sexualforschung an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. „Im Anspruch auf Gleichheit der Geschlechter kommen andere, urtümliche Bedürfnisse zu kurz.“ Das Bedürfnis nach Unterwerfung zum Beispiel. Das übrigens, darauf legt Berner Wert, bei Männern genauso ausgeprägt sei wie bei Frauen. Sadomaso ist laut Berner der perfekte Kompromiss zwischen Gleichberechtigungsanspruch und Unterwerfungsfantasien. Schließlich schließen Anastasia und Christian erst mal einen Vertrag. Ich unterwerfe mich – aber zu den Bedingungen, die beide festgelegt haben.

Ist Unterwerfung also die Lösung für eine immer kompliziertere Welt? Führen deshalb auch andere Romane gerade so ausführlich gesellschaftliche Unterwerfungsszenarien vor, Dave Eggers ­„Circle“ zum Beispiel oder Michel Houellebecqs „Unterwerfung“?  Spiegelt ausgerechnet „Fifty Shades of Grey“ unser Unbehagen an der modernen Welt?

Da kommt dann aber doch auch Widerspruch. Zum Beispiel von Peter Schneider, einem Psychoanalytiker, der an den Universitäten Zürich und Bremen lehrt. Verkaufszahlen als Gradmesser gesellschaftlicher Veränderungen? Da ist er skeptisch. Letztlich, sagt er mit Verve am Telefon, seien solche Erfolge doch nur so aussagekräftig wie die jeweilig herrschende Rocklänge. Letztlich seien es wechselnde Moden.

Und mit „Fifty Shades of Grey“, das sei nicht vorenthalten, verhalte es sich ungefähr so: „Die heutige Arbeitswelt hat nur Unterwerfung und unerotische Machtspiele zu bieten. Die Chefs sind keine Greys, sondern meistens nur mittelmäßige Arschlöcher oder nette Langweiler. ,Fifty Shades of Grey’ ist die“, und hier ist noch mal eine Entschuldigung fällig, „Wichsvorlage für die mittlere Angestellte, die nicht so recht weiß, ob sie es wirklich so toll fände, wenn es anders wäre. Aber träumen wird man ja noch dürfen.“

Was dann in den kommenden Wochen auch ganz sicher sehr viele Menschen tun werden.

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