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Kultur Eminem veröffentlicht neues Album
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18:33 04.07.2010
Verletzbarer Rapper: Eminem bei einem Konzert im Juni. Quelle: ap

Der Hip-Hop-Star Eminem hat mittlerweile das gleiche Problem wie Indie-Rocker Pete Doherty, Panikorchester-Leiter Udo Lindenberg und Soulsängerin Whitney Houston: Man kann seine Alben nicht mehr hören, ohne an seine Drogensucht zu denken. Doch während Houston alle Kraft benötigt, um sich auf den stimmlichen Vortrag zu konzentrieren, und zu ihren Kokainexzessen weitgehend schweigt, hält es der ehemalige tablettenabhängige Rapper wie der trinkfeste Udo Lindenberg: Verschweige deine Probleme nicht, mach Texte daraus.

So ist Eminem schon auf seinem vorigen Album „Relapse“ verfahren. Er übte sich in Demut, reflektierte seine Sucht, suchte nach Gründen dafür in seiner schwierigen Kindheit, seiner Familie, seiner mehrfach gescheiterten Beziehung zu seiner Exfrau Kimberley Scott – und die Fans durften sich die seelische Aufarbeitung in annehmbaren Rap-Tracks anhören. Dazu ließ Eminem ein Cover gestalten, das aussah wie ein großer Berg Tabletten.

Mit dem schlagfertigen Eminem, der der grell geschminkten Popkulturfassade mit heftigen Verbalattacken tiefe Schrammen zufügte, hatte das selbstreflexive Rapper-Elend nicht mehr viel zu tun, und auch Eminem selbst war vom Ergebnis wenig begeistert. Nun hat er mit „Recovery“ das zweite Album nach der Entzugsklinik herausgebracht. Und manchmal scheint das Texten über Drogen wie die Drogen selbst zu sein – man kommt schwer davon los.

In 16 Songs berichtete Eminem erneut von seinem Kampf gegen die Tabletten, die Trauer über die Ermordung seines Freundes Proof und die Schwierigkeit, das alles zu verarbeiten. Vor allem aber erzählt Eminem von seiner Wiederauferstehung. Das Ganze klingt geradezu heroisch, denn der 37-Jährige versäumt es nicht, wiederholt darauf hinzuweisen, dass er nun wieder da und gestärkt aus dem Kampf hervorgegangen ist: „Ich bin hochgekommen, ich bin zurück, um dich umzuhauen“, heißt es im Song „Cinderella Man“. Man solle sich in Acht nehmen, man müsse wieder mit ihm rechnen.

Dabei lässt Eminem wie in alten Tagen kein Hip-Hop-Klischee aus und berichtet ausführlich über seine Penisgröße genau wie über die Qualität seiner Reime. Nur lässt er diesmal zwischen den Zeilen eine ungewohnte Offenheit zu. In „Going Through Changes“ spricht er davon, wie sehr ihm seine Tochter sowie seine Schwiegertöchter Hailie, Whitney und Alaina fehlen, und er rappt sogar, dass er seine Exfrau Kim immer lieben wird. Und tatsächlich, die bodenständig und ehrlich wirkenden Texte, die fast ironiefrei daherkommen, geben dem geläuterten Eminem eine große Verletzlichkeit, die unter Hip-Hop-Vertretern so selten ist wie Bescheidenheit – auch wenn sich die Platte letztlich doch nur um den Rapstar selbst dreht.

So einheitlich und übersichtlich das Sujet, so vielfältig fällt die Musik des Albums aus. Der klassische Hip-Hop-Begriff muss arg erweitert werden, um all die Stile und Elemente darunter zu vereinen. Eminem macht diesmal eher Pop mit Hip-Hop-Elementen als umgekehrt. Es gibt erstaunlich viele radiotaugliche Refrains wie im poppigen „Not Afraid“, Ausflüge in die Weltmusik wie in „Cinderella Man“ und mitunter sogar kleine Balladen wie in „Love The Way You Lie“. Unterstützt wird er von Künstlern wie Pink, Lil Wayne und Rihanna. Immer öfter tauchen Gitarren, mal verzerrt, mal zart angeschlagen, in den Beats auf, Klavierintros sorgen für manchen kitschigen Songanfang, und plötzlich darf auch Eurodance in Form von Haddaways „What Is Love“ als Sample die Musikkulisse verfeinern. Selbst ein Gitarrenriff von Black Sabbath findet sich in „Going Through Changes“ wieder. Eminem selbst rappt auf diesem Marsch durch die Popinstitutionen in rasender Geschwindigkeit, die den Zuhörer schier mitreißt.

Selten hat man den Rapper so wach, so sicher und pointiert gehört. Wie ein Dichter im Schnellzug reimt er sich eloquent durch das ganze Wörterreich der Erbauungslyrik. Ein hörenswerter Trip ist das, den man gern mitgehen möchte, würde Eminem nicht inhaltlich ständig an seine Grenze stoßen. Nach „Relapse“ so hatte Eminem angekündigt, sollte es Raum für etwas Neues geben. Die musikalische und sprachliche Qualität dazu hat er mit „Recovery“ erreicht – sonst wäre das Album kaum auf Platz eins der US-Charts eingestiegen. Nur inhaltlich hat es leider einen kleinen Rückfall gegeben.

Eminem: „Recovery“, Universal.

Jan Sedelies

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