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Kultur Ein Leben als Täuschung
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00:15 16.06.2013
Von Jutta Rinas
"Ein Kunstprodukt": Adam Johnson in Hannover. Quelle: Wallmüller

Wie beschreibt man einen totalitären Staat, der sich so abschottet, dass man über das Leben der Menschen dort kaum etwas weiß? Wie erzählt man von einfachen Leuten in einer Diktatur, die geprägt ist vom Erscheinungsbild eines „Geliebten Führers“ und von einer Propagandamaschinerie, die die Realität permanent übertönt? Dem amerikanischen Schriftsteller Adam Johnson ist diese Quadratur des Kreises mit einem Roman über Nordkorea unter dem mittlerweile verstorbenen Diktator Kim Jong-il gelungen, jenem rätselhaften steinzeitkommunistischen Staat, der als das am hermetischsten abgeriegelte Land der Welt gilt.

Bizarre Geschichte

In „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ (Suhrkamp, 687 Seiten, 22,95 Euro) erzählt Johnson die bizarre Geschichte eines Waisenjungen, der keinerlei persönliche Bindungen hat und sich deshalb umso besser dafür eignet, als perfekter koreanischer Untertan immer neue Identitäten anzunehmen. Mitte April bekam der 45-jährige Autor, zugleich Professor für Kreatives Schreiben an der Stanford University, dafür den Pulitzerpreis zugesprochen, den renommiertesten US-Literaturpreis.  Dass Johnson jetzt – knapp einen Monat nach der Bekanntgabe der begehrten Auszeichnung – im Literarischen Salon Hannover zu erleben war, ist ein Coup.

Er ist dem 22-jährigen Studenten Nils Pelle Petersson und einem Praxisprojekt des Literarischen Salons zu verdanken. Dort können ausgewählte Studenten des Deutschen Seminars der Uni Hannover ein einjähriges, studienbegleitendes Volontariat machen. Petersson ist einer dieser Volontäre. Und er war es, der Johnson nach Angaben von Salonbetreiber Jens Meyer-Kovac als Autor in der Reihe „Atlas der Kulturen“ durchsetzte, zu einem Zeitpunkt, als ihn eigentlich nur Insider des Literaturbetriebs auf dem Zettel hatten.Petersson moderierte den Abend mit Johnson jetzt.

Nach anfänglicher Aufregung, die Johnson mit lässigem Auftreten und immer neuen Witzeleien zu zerstreuen versuchte, punktete der 22-Jährige mit profundem Wissen, beharrlichen Nachfragen und dem Charme der Jugend. Er bot dem 23 Jahre älteren Johnson ein Forum, um nicht nur über seine Literatur zu reden, sondern auch über seine Begegnungen mit einem Staat, dessen bizarre Selbstinszenierung zwar Fragen zuhauf aufwirft, aber kaum Antworten zulässt.  Wie stark in Nordkorea der Schein das Sein dominiert, machte Johnson mithilfe einer Episode deutlich, die er als Reisemitglied einer NGO, einer Nichtregierungsorganisation, in Nordkorea erlebte.

Offene und subtile Grausamkeit

Er habe in einem 47-stöckigen Hotel übernachtet, in dem nur zwei Flure überhaupt beleuchtet und eingerichtet waren, der 23. und der 45. Stock. Alle anderen seien nicht nur dunkel gewesen. Armaturen, Teppichböden, sogar Toiletten hätten dort gefehlt. Alles Schöne, Vorzeigenswerte sei offenbar in die Stockwerke für die Touristen gebracht worden. Die hätten sich aber im Dachrestaurant amüsieren können, mit Jack Daniel’s Bourbon für 45 Euro pro Glas. Man könne nicht besser beschreiben, dass „Nordkorea ein Show-, ein Kunstprodukt“ sei, das man ausgeschlachtet und durch und durch ausgehöhlt habe, sagte Johnson. Die Menschen in Nordkorea würden zudem von morgens bis abends mit Staatspropaganda beschallt, erzählte Johnson. In jedem Haushalt, auf der Arbeit, überall liefe Propaganda. Nachts werde der Strom abgeschaltet, morgens sei er für die Lautsprecheransagen wieder da: „Guten Morgen, liebe Bürger“.

Wie sehr das Land von Angst, von offener und subtiler Grausamkeit beherrscht wird, zeigen Textpassagen, die Johnson und Synchronsprecher Timmo Niesner (unter anderem die deutsche Stimme von Frodo aus „Herr der Ringe“) lesen. Da geht es scheinbar ganz harmlos um eine Dose mit Pfirsichen, mit der der Protagonist seine Eltern füttern will. Tatsächlich sind die Früchte vergiftet. An einer anderen Stelle soll Jun Do im Dienste des „Geliebten Führers“ Menschen aus Japan entführen, „von den Stränden pflücken“, wie es im Roman heißt, die dann als Geiseln in Nordkorea leben.

Als ihm und seinen Helfershelfern zwei Frauen begegnen, fragt er fassungslos, ob man auch Frauen entführe. „Spielt keine Rolle“, lautet die zynische Antwort: „Hauptsache die Person ist allein.“ Nordkorea sei „ein grausames menschliches Experiment an der Grenze dessen, was Menschen erleben können“, sagt Johnson. Ob er glaube, dass er aufgrund seiner Recherchen der Wahrheit über Nordkorea ein Stückchen näher gekommen sei, wird er gefragt. „Ich weiß es nicht“, sagt Johnson – und bringt das Grundproblem der totalen Abschottung der Diktatur trocken und schlicht noch einmal auf den Punkt: „Ich habe auf der Grundlage meiner Recherchen geraten.“

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