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Kultur Kippfigur der Komik
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00:15 10.02.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Dieter Nuhr begeistert sein Publikum in der Swiss Life Hall. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Gibt es im Universum intelligentes Leben ohne Wasserwaage im Smartphone? Lässt sich Islamismus mit Alkoholismus verhüten? Und was ist eine Telefonzelle? Dieter Nuhr wirft nicht nur existenzielle Fragen auf, er hält auch Antworten bereit. „Ein Handy zum Reinstellen“, sagt er. Na also. Geht doch. Alles ganz positiv. Und genau das ist die Kernbotschaft des Mannes, der Banalitäten mit dem Triumphlächeln des Enthüllers aussprechen, aber auch unversehens Flach- in Tiefsinn verwandeln kann: „Positiv leben fängt im eigenen Kopf an – denken Sie positiv!“

Der 53-Jährige betätigt sich seit Jahren erfolgreich wie kein anderer als Grenzgänger zwischen Comedy und Kabarett. Er ist weder ein Kalauerkönig wie Mario Barth noch einer der klassisch-kritischen Kabarettisten. Die bevölkern überschaubare Kleinkunstbühnen, Dieter Nuhr füllt locker die 4400 Plätze der Swiss-Life-Hall. Für die meisten Kabarettisten ist positives Denken ein Widerspruch in sich, für Dieter Nuhr ist das der Ausgangspunkt einer ebenso sarkastischen wie selbstironischen Suada. „Der Kabarettist will nicht gesunden, er will empört und enttäuscht bleiben.“ Dabei gebe es doch ein ganz einfaches Mittel gegen Enttäuschung: „Runter mit den Erwartungen!“, ruft er aus. „Gehen Sie so auch an diesen Abend heran! Klatschen Sie sich Mut an!“ Schon vorher hat er eine Warnung in den Saal geschickt: „Sie verpassen hier heute viel, schließlich ist Olympia-Eröffnungsfeier in Sotschi – das wird noch größer als 1936 in Berlin!“ Diesen Hinweis quittieren Hunderte spontan mit einem nicht weniger sarkastischen „Oooch!“. Man merkt: Dieter Nuhr hat sein Publikum im Griff.

„Nuhr ein Traum“ heißt das aktuelle Programm, und der Titel enthält schon das Erfolgsrezept dieses Mannes, der da, nur mit Mikro und Tablet-Computer ausgerüstet, eine One-Man-Show aus nichts als Worten bietet und dabei vor allem mit Doppeldeutigkeiten spielt. Statt des üblichen Eifers über Politiker und Parteien rät er, auch hier die Erwartungen und eigenen Ansprüche herunterzusetzen. „In Deutschland gibt es 42 Millionen Wahlberechtigte – da hat jede einzelne Stimme ein Zweiundvierzigmillionstel Gewicht – mehr wäre nicht gerecht.“ Zwar nimmt er sich Merkel und Gabriel vor, spottet über Umweltspießer und Klimaapokalyptiker. Doch sein Publikum ist nicht auf der Suche nach weltanschaulichem Rüstzeug. Und Nuhr überzeugt auch eher durch Kippfiguren der Weltdeutung – ganz gleich, ob es um Fortschritt, Krise oder Gemüse geht: „Wenn Fleischessen aggressiv macht, wieso waren Tyrannen wie Hitler oder Pol Pot Vegetarier?“, fragt er und bekennt: „Ich esse ganz grundsätzlich nur Gemüse“ – Kunstpause – „und dazu Fleisch, dann habe ich von allem das Beste.“ Gewiss, er leugne nicht, dass es Katastrophen, Krisen, Schulden gebe. „Aber es gibt doch auch unsere Kinder, denen wir sie hinterlassen.“ Kein Grund zur Sorge also? „Ganz klar, es geht voran“, versichert Nuhr, blickt sich lächelnd im Publikum um und fügt hinzu: „Die Kehrseite ist: Es vergeht die Zeit … so lasst uns hier noch einmal lachen - im Angesicht des Todes!“ Drohen jetzt Trübsinn, Trauer, Todesahnung? Nuhr taucht sein über solche Volten johlendes Publikum weiter in Wechselbäder. „Wunder gibt es immer wieder“, verkündet er treuherzig, bevor er den angetäuschten Tief- wieder in Flachsinn kippen lässt: „Aber am Ende gewinnen doch die Bayern.“

So wird Dieter Nuhr, immerhin der einzige Komiker, der den wichtigsten Kabarett- und auch den wichtigsten Comedy-Preis eingesammelt hat, selbst zur Kippfigur zwischen Kabarett und Comedy. „Irgendwas ist immer“ lautet die unwidersprechliche Formel, die er dem Publikum am Ende vor- und allen Welterklärungsmodellen entgegensetzt – von der Relativitätstheorie über die Quantenmechanik bis zur Penisverlustängsten als Menschheitstriebkraft. „Schauen Sie, ich hatte noch nie Penisverlustangst, und das, seit das Universum existiert.“

Das aber existiert länger als alle Handys. Demnach könnte es – in Gestalt von Dieter Nuhr – doch intelligentes Leben ohne Wasserwaage im Smartphone geben. Aber vielleicht ist auch das nur ein Traum.

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