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Kultur Ist Romantik Rechts?
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18:40 26.01.2018
Autor Simon Strauß Quelle: Martin Walz
Berlin

Vor 25 Jahren war das alles schon einmal da. Ein Autor schreibt in einem viel beachteten Beitrag gegen einen vom ihm so empfundenen linken Mainstream an, geißelt die Gedankenfaulheit der linken kulturellen Mehrheit, die „Totalherrschaft der Gegenwart“. Der Text erschien 1993, als gerade – in anderem Zusammenhang – das „Ende der Geschichte“ ausgerufen worden war, die Kriege auf dem Balkan begannen, die Euphorie der Vereinigung aufgebraucht war und Ost- und Westdeutsche vom jeweils anderen nur noch die hässliche Fratze sahen. Der „Anschwellende Bocksgesang“ verfolgte seinen Autor Botho Strauß, der sich fortan dagegen verteidigen musste, ein Rechter, also ein Unberührbarer zu sein.

Strauß arbeitet sich in seinem Debütroman an Veganern und Co. ab

2017 erschien der vielbeachtete Debütroman „Sieben Nächte“. Darin arbeitet sich der Autor, Jahrgang 1988, an der Gedankenfaulheit eines von ihm so empfundenen linken kulturellen Mainstreams ab. Er erregt sich über Veganer, Radfahrer, „Superdaddys“ und Wohlstandsironiker. Er will noch nicht erwachsen werden, noch keine Verantwortung übernehmen.

Ein Bekannter spendiert ihm sieben Nächte mit den sieben Todsünden. Und so spaziert der Erzähler los Richtung Hochmut, Wollust, Völlerei und so weiter. Nun tobt im deutschen Feuilleton eine Debatte, ob er ein Rechter, also bäh, sei. Und es werden Beweise dafür gesammelt. Die Debatte von 1993 wiederholt sich als Farce. Der Name des jungen Autors: Simon Strauß. Man ahnt es schon, es ist Bothos Sohn.

Er lässt sich für die Völlerei „250 Gramm Pommersches Eastcoast Entrecôte an Pfifferlingen“ servieren und sinniert seitenlang darüber, wie widerständig es sei, Fleisch zu essen. Er will ernst werden, unironisch, widerständig. Er redet vom „Mut zum Zusammenhang, zur ganzen Erzählung“ und erinnert dann doch sehr an Papa. Strauß will Romantik. Ist Romantik rechts?

Erzähler auf dem Polizei-Podest

In seiner Nacht der Hochmut klettert er auf ein Podest, mit dem die Polizei beim Ampelausfall den Verkehr dirigiert. Vom rot-weiß-gestreiften Turm aus wütet er gegen „eine Gesellschaft, in der sich niemand mehr zum Ganzen bekennt“. Und dann bricht der Romantiker vollends durch. Er will „die Wohnhäuser so besetzten, dass keiner es sich auf Dauer in seiner Doppelmoral bequem machen kann“, träumt der Strauß’sche Erzähler auf dem Polizei-Podest. Bei Ausschreitungen würden Tiere zur Beruhigung eingesetzt, Pandas und Zebras, und „manchmal, wenn es ganz hitzig und gefährlich wird, auch Riesenschildkröten und Dromedare“. Romantik: zehn Punkte, Rechtsgewirktheit: nicht messbar.

Aber Strauß hat eben auch den Ideologen der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, einmal in einen Autoren-Salon nach Berlin eingeladen. Kubitschek hat – natürlich – von diesem vertraulichen Gespräch berichtet. Der Ideologe aus Schnellroda und die Berliner Jungdichter kamen nicht richtig zusammen. „Man stand dort ein wenig ratlos und ein wenig lächelnd vor unserem Furor“, schrieb Kubitschek.

Dennoch wurde jetzt dieses Treffen vom „taz“-Autor Alem Grabovac zum Anlass genommen, Strauß vorzuwerfen, er schreibe „Pamphlete für die neue Rechte“. In Schnellroda haben ihn die Kubitscheks flugs eingemeindet. „Anscheinend gibt es nichts Ekligeres oder Brutaleres, als mit dem Etikett „rechts“ behängt zu werden?“, schreibt Kubitscheks Frau Ellen Kositza in einer Mischung aus Triumph und Faszination.

Der Autor ging für die „FAZ“ auf Deutschlandreise

Nun gut, Strauß tut viel dafür, dass man seine Romantik nicht für ausnehmend links hält. In einer Deutschlandreise für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, in deren Feuilleton er in Lohn und Brot ist, schreibt er von der AfD als der einzigen Partei, die Angela Merkels Flüchtlingspolitik vernünftig kritisiert habe. Er schreibt dort auch, dass Hamburg am Meer liege und dessen Hauptbahnhof „schön“ sei, zwei einfach zu widerlegende Irrtümer. Aber dass die AfD die Flüchtlingspolitik als einzige politisch Kraft kritisiert hat, allerdings auf meist unvernünftige Weise, um es sanft auszudrücken, ist für einen gewissen, entscheidenden Zeitraum nicht falsch. Problematischer sind folgende Zeilen: „Es gibt nicht nur Start-up-Hipster, Hartzer und Flüchtlinge, sondern auch viele weiße Frauen und Männer in diesem Land.

In der nationalen Marketingkampagne, die von Toleranz, Weltoffenheit und Digitalisierung bestimmt ist, finden sie meist keine Erwähnung. Manchmal schämen sie sich schon für ihre eingestaubte Identität, die den neuen Anforderungen an ein interessantes Ich nichts bieten kann. Kein Migrationshintergrund, keine Integrationsprobleme, keine Geschlechterfrage – sie kommen aus einer Zeit, als historisches Wissen, politische Ideologie und theoretische Schulung das Bewusstsein prägten.“

Das ist nachgeplapperter AfD-Jargon, der Rand eines Generationenkonfliktes, von dem Sohn Strauß nichts wissen kann. Dass er darauf einsteigt, mag das Reaktionäre seiner Romantik zeigen. Aber damit ist er nicht Teil der Neuen Rechten. Er schreibt schlicht dummes Zeug.

Von Jan Sternberg/RND

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