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22:07 14.08.2014
Schillernder Experte für Kunst und Kommerz: Helge Achenbach neben dem Bentley S1, den vor ihm einst der Künstler Joseph Beuys fuhr. Quelle: Endermann
Düsseldorf

Wenn man in diesen Tagen Galeristen, Sammler, Künstler oder Museumsleute auf Helge Achenbach anspricht, den seit 10. Juni wegen Verdachts auf Betrug in Millionenhöhe in Essener Untersuchungshaft sitzenden Kunst- und Oldtimerverkäufer, bekommt man einhellig zu hören, man wolle mit dem Herrn nichts zu tun haben. Bei manchen ist die Aversion so groß, dass sie den Namen „Achenbach“ gar nicht aussprechen mögen, sondern „Herr A.“ sagen. Man grenzt sich mit aller Entschiedenheit ab, fast wie der Gesunde vom Ebola-Infizierten.

Vor wenigen Wochen war das noch anders: Da leitete Helge Achenbach eine Kunstbegegnung im Quartier der deutschen Fußballnationalmannschaft, Campo Bahia, in Brasilien. Werke von deutschen Künstlern stellte der Geschäftsmann denen von Brasilianern gegenüber. Er konnte Schüler der Düsseldorfer Fotostars Andreas Gursky und Thomas Ruff im Olympiadorf platzieren. Kreative Kontextverknüpfungen - hier Kunst und Sport, an anderer Stelle Kunst und Architektur - waren schon immer die Spezialität des prominenten Kunstmarktjongleurs. Dafür wurde er bewundert.

Als der 62-Jährige aus Brasilien zurückkehrte, wartete die Polizei am Flughafen. Seither sitzt der Händler, Berater, Tausendsassa unter Betrugsverdacht in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, Kunstwerke und Luxusautos mit verdeckten Preisaufschlägen und gefälschten Rechnungen an reiche Privatiers verkauft zu haben: nicht um ein paar tausend Euro, sondern angeblich gleich um ein paar Millionen teurer.

Geschädigt fühlen sich unter anderem der Pharmaunternehmer Christian Boehringer und die Aldi-Erben: Ihnen gegenüber soll Achenbach bei Rechnungen an den 2012 gestorbenen Berthold Albrecht aus Dollar-Beträgen Euro-Summen gemacht und diese dadurch nach oben manipuliert haben. Ein Sprecher Achenbachs hatte dazu erklärt, die Strafanzeige der Witwe Albrechts beruhe auch „auf der falschen Annahme“, dass Achenbach die Kunstobjekte mit einer lediglich fünfprozentigen Provision habe an Albrecht verkaufen wollen. Dieses habe nur für wenige Bilder gegolten. Als Albrecht eine „richtige Kunstsammlung“ habe aufbauen wollen, habe Achenbach ihm langfristige Rückkaufgarantien für den Fall gegeben, dass die Wertentwicklung hinter den Erwartungen zurückbleibe. Dieses Risiko sei neben der fünfprozentigen Provision „mit einem individuellen Aufschlag vergütet worden“ - der dann offenbar weit über die fünf Prozent hinausgehen sollte.

„Ein Filou war er immer schon“, sagte Gerhard Richter, der nach Jeff Koons der weltweit zweitteuerste Künstler ist, nach Achenbachs Verhaftung. „Das System ist so was von abgefuckt“, formulierte der Berliner Galerist Bruno Brunnet gegenüber dem Kunst- und Lifestyle-Magazin „Monopol“.

„Im seriösen Kunsthandel ist Achenbach schon immer mit drei Fragezeichen versehen gewesen“, sagt ein altgedienter Galerist. Er wolle aber weder mit Herrn A. noch mit Herrn B. „in irgendeinem Zusammenhang genannt werden“. Eine PR-Frau meint: „Selbst wenn man den Kunstbetrieb kennt, wundert man sich doch immer wieder, was alles möglich ist und wie verstrickt alle sind.“

Über die reichhaltige Sammlung des inzwischen gestorbenen NS-Kunsterben Cornelius Gurlitt wussten angeblich Händler im süddeutschen Raum seit Jahren Bescheid. Eine Schweizer Galerie und das Kölner Auktionshaus Lempertz tätigten Geschäfte mit dem Kunsterben, der Millionenwerte versteckte. In den spektakulären Fall des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi war neben Lempertz der Kunstprofessor Werner Spies auf unrühmliche Weise verwickelt.

Bei Achenbach ist jetzt zwei jüngeren Herren das Lachen vergangen: Raymund Scheffler von der privaten Berenberg Bank und Stefan Horsthemke. Gemeinsam mit dem smarten Berater Achenbach hatten die beiden 2012 eine Banktochter mit dem Titel „Berenberg Art Advice“ gestartet. Mitten in der Wirtschaftskrise boten sie Kunstberatung für die anlagewillige und -fähige Bankklientel an und nannten sich scherzhaft „drei Musketiere“. Sie versprachen, als „diskrete“ Berater „Transparenz“ in den Kunstdschungel zu bringen. Horsthemke, Jahrgang 1965, war zuvor Direktor bei Axa Art, einem der weltweit größten Kunstversicherer. Er wusste, wer solvent und kunstaffin ist.

Im Vorjahr stellte die Berenberg Bank ihr Art-Advice-Segment nach kurzer Lebenszeit still und leise ein, angeblich wegen zu geringer Nachfrage. Schon damals aber schienen Zweifel an Achenbachs Geschäftsstil aufgekommen zu sein. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass drei Unternehmen der Achenbach-Gruppe Insolvenz beantragt haben, darunter die Muttergesellschaft State of the Art und Achenbachs Düsseldorfer Restaurantbetrieb Monkey’s.

Der Name Monkey’s spielt auf Jörg Immendorffs Künstleraffen an. Traditionell steht der Affe für Eitelkeit und Gier. Namen wählte Achenbach mit Bedacht und Augenzwinkern. Seine „Sammlung Rheingold“ ist beispielsweise eine Anspielung auf den Schatz aus der Nibelungensage. Bei der Rheingold-Sammlung handelt es sich um einen 2001 von Achenbach initiierten Zusammenschluss privater Kunstsammler mit dem Ziel, ganze Werkgruppen wertsteigernd in Museen zu platzieren. Zunächst gab es Naserümpfen, dann aber machten doch fast alle Museumsdirektoren des Rheinlandes mit. Jetzt machen alle lange Gesichter.

Rund 50 Milliarden Euro werden nach Schätzungen jährlich weltweit mit Kunst umgesetzt. Es ist kein Geheimnis, dass es dabei nicht immer korrekt zugeht. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Kunst zur Geldwäsche genutzt, dass etwa Mafiaschwarzgeld in das Geschäft mit dem schönen Schein einfließe.

Bereits vor drei Jahren, als der Fall Beltracchi publik wurde, plädierte der Kunstprofessor Peter Weibel „für einen Sezessionskrieg“, eine Trennung also, von Kunst und Markt. Er machte seinem Ärger über Milliardäre Luft, die sich „mit der Jacht und dem blonden Model als Trophy-Wife“ nicht zufrieden geben, sondern zusätzlich auch noch Kunst haben wollen.

Der amerikanische Gesellschaftskritiker und Ökonom Thorstein Veblen („Theorie der feinen Leute“) analysierte schon Ende des 19. Jahrhunderts die dahinter stehende Mechanik des sozialen Geltungsdrangs. In barbarischen Zeiten habe es als „ehrenvoll“ gegolten, Jagd- und Kriegsbeute anzuhäufen. Der räuberischen Heldentat habe die höchste Anerkennung gegolten. Später sei die Geld- und Luxusgüteranhäufung zum Prestigeausweis geworden. Der „Veblen-Effekt“ bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre das Phänomen, dass die Nachfrage nach bestimmten Gütern unter Umständen trotz Preiserhöhungen ansteigt, weil Konsumenten primär auf Statuserhöhung aus sind. Von dieser Gier profitierte der Monkey’s-Chef.

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