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Kultur Wo das Kino wild und gefährlich ist
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12:04 14.02.2015
Von Stefan Stosch
Berlin

Wie gewinnt man einen Goldenen Bären? Bei Claudia Llosa, Mitglied der aktuellen Berlinale-Jury, war das so: Die Peruanerin, bis dahin in der Werbebranche tätig, schrieb in ihrem Sabbatjahr in Spanien ein Drehbuch, bekam dafür einen Preis, hatte plötzlich Geld zur Finanzierung ihres Films – fand aber partout keinen passenden Regisseur.Also absolvierte sie einen Regie-Crashkursus in New York und inszenierte selbst.

Und dann passierte es: Schon mit ihrer zweiten Kinoarbeit „Eine Perle Ewigkeit“ über Terror und Vergewaltigungstraumata in Peru heimste sie 2009 den Hauptpreis ein. Diese wunderbare Geschichte erzählte Llosa während der kinogesättigten Festivaltage, die Samstagabend mit der Bären-Vergabe zu Ende gehen. Gut möglich, dass es andere Nachwuchskräfte der mittlerweile 38-jährigen Peruanerin gleichtun.
Werke mit harten gesellschaftlichen Themen an exotischen Schauplätzen – jedenfalls aus europäischer Warte betrachtet – stehen bei der Berlinale hoch im Kurs. Davon waren eine ganze Reihe im Angebot bei der 65. Festivalausgabe, ohne dass sich ein eindeutiger Favorit herausgeschält hätte.

Zeitweilig funktionierte der Wettbewerb wie ein Trip kreuz und quer durch eine konfliktträchtige Welt, nur dass hier kein Studiosus-Reiseleiter bereitstand, um die Kinogruppe sicher ins Hotel zurückzugeleiten. Die Filme gingen dahin, wo es wehtut, egal ob die Morde an Ureinwohnern und Oppositionellen in Chile beklagt (in der einzigen Doku: „Der Perlmuttknopf“) oder entlaufene „Zigeunersklaven“ in einem rumänischen Western gejagt wurden („Aferim!“), ob das karge Leben einer Indio-Familie in Guatemala geschildert („Ixcanul“), die Zerrissenheit der russischen Gesellschaft in symbolträchtigen Uferpanoramen ausgebreitet („Under Electric Clouds“) oder schwule Identität im Schlamm des vietnamesischen Mekong-Deltas entdeckt wurde („Unsere sonnigen Tage“).

Perfekt ins Berlinale-Beuteschema passt nach insgesamt 19 Beiträgen „El Club“, ein düsterer, windgepeitschter Film über eine WG-Zwangsgemeinschaft von Priestern irgendwo an Chiles Küste. Die Kirche hat die fehlbaren Männer still und heimlich entsorgt, aber dann taucht ein Missbrauchsopfer auf und brüllt die Sünden der Bewohner in die salzgeschwängerte Luft. Folgen nun Reue, Vergebung, Beichte? Fehlanzeige. Regisseur Pablo Larraín entwirft eine perfide Intrige unter Glaubensbrüdern, die den Papst schaudern lassen müsste.

Stargespickte Werke dienten eher als Dekoration in einem Wettbewerb, der an den Rändern des Weltkinos sein Glück suchte. Die beiden Pionierinnen Nicole Kidman (als Gertrude Bell in Werner Herzogs „Queen of the Desert“) und Juliette Binoche (als Josephine Peary in „Nobody Wants The Night“) verbreiteten immerhin einen gewissen Expeditionsglamour. Und in Terrence Malicks assoziativem Bilderstrom „Knight of Cups“ verlor sich Christian Bale als krisengeschüttelter Hollywoodautor in Selbstmitleid – trotz Natalie Portman und Cate Blanchett an seiner Seite.

Am Freitagabend trumpfte dann noch mal Hollywood mit Kenneth Branaghs kitschig-witziger „Cinderella“-Verfilmung auf, in der wiederum Blanchett die herrlich verschlagene Stiefmutter gab. Doch lief das Märchen außer Konkurrenz. Die US-Kinozentrale ist bei ihrem globalen Geschäft kaum mehr auf die Strahlkraft eines Festivals angewiesen – und an diesem Befund änderte auch die überhitzte PR-Maschinerie rund um „Fifty Shades of Grey“ nichts.

Nicht ausgeschlossen, dass bei dieser Ausgangslage ein Wagemutiger aus Deutschland das Rennen macht: Sebastian Schippers in einer einzigen Einstellung gedrehtes Berliner Bankräuber-Drama „Victoria“ löste mächtig Wirbel aus. Auch die internationale Filmbranche nahm davon Notiz: Hollywoods Fachbibel „Variety“ wunderte sich, wie ein 46-Jähriger so eine zweieinhalbstündige, atemlose, raue Hatz durch die Hauptstadt hinbekommen konnte.

„There’s a New One-Shot-Wonder in Town“, hieß es – und dann zog das Blatt Parallelen zum aktuellen Oscar-Favoriten „Birdman“.
Wer zum Festivalende hin mit dem Regisseur zum Gespräch verabredet war, musste sich denn auch gedulden, weil US-Agenten Schippers Handy belagerten. Woher sie seine Nummer haben? „Keine Ahnung“, sagt Schipper. Ein Wahnsinn sei das alles, den er aber keinesfalls missen wolle. Es sehnten sich offenbar viele danach, die Kino-Streichelwiese zu verlassen und dahin zu gehen, wo das Filmen wild und gefährlich ist.
Ganz übersehen dürfte die Jury heute Abend auch nicht Jafar Panahi in seinem Teheraner „Taxi“. Sollte der international hochdekorierte Iraner einen Preis gewinnen, dann keinesfalls deshalb, weil ein politisch Drangsalierter immer auf die Solidarität der Kinobranche hoffen kann: Panahis Film, entstanden trotz seines Berufsverbots, strahlt einen bewundernswerten Humor aus. Da lädt sich einer Diskussionen über Todesstrafe, Zensur und Frauenunterdrückung ins Auto und steuert trotzdem sanft lächelnd durch die Stadt. 

Die gute Nachricht ist: Ein deutscher Verleiher hat den Film gekauft. Panahis „Taxi“ wird demnächst durch Deutschland kurven. Ohne die Aufmerksamkeit aufgrund des Festivals hätte „Taxi“ die weite Fahrt kaum geschafft. Solche Erfolgsmeldungen von der Berlinale sind ebenso wichtig wie die Preise, die heute Abend überreicht werden.

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