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Kultur Joe Cocker – Die Flamme brennt weiter
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16:24 26.12.2017
Ehre sei Joe Cocker: Mad Dogs Unchained (v. l. Deric Dyer, Megan Wolf, Wolf Ginandes, Elliott Tuffin, Marty Richards, Cliff Goodwin, Mitch Chakour) haben sich dem Werk des 2014 verstorbenen britischen Ausnahmesängers verschrieben.  Quelle: cmm
Hannover/Dresden/Berlin

 Der Mann rudert mit den Armen. Seine Finger sind in steter Bewegung, als ob sie die Musik seiner Band ertasten könnten. Mit den Beinen zuckt er wie unter Strom. Und die Stimme ist Bourbon und Rost. „I get by with a little help from my friends“, brüllt es aus ihm heraus. Und wenn all seine Zärtlichkeit und Vergeblichkeit nicht mehr in Worte zu fassen sind, dann bleibt ihm als letztes Mittel der Schrei. Joe Cocker ist tot, es lebe Joe Cocker, so will’s scheinen. Der da auf der Bühne leidet und darbt, ist allerdings Elliott Tuffin, Sänger von Mad Dogs Unchained, einer Tribute-Band, die sich dem Werk des im Dezember 2014 verstorbenen englischen Sängers verpflichtet sieht.

Elliott Tuffin – Ein Cocker-Fan von Kindesbeinen an

Der 45-Jährige ist bislang ein Unbekannter außerhalb der Londoner Szene. Tuffin hat ganz früher mal als Chauffeur gearbeitet, tritt aber seit Jahrzehnten in Pubs auf, und verdient seinen Lebensunterhalt mit Blues, Rhythm & Blues, Cocker-Songs. Tuffin liebt Cockers Musik, seit ihm sein Vater im Alter von vier Jahren dessen Song „Delta Lady“ vorgespielt hat. „Dann kam voriges Jahr dieser Anruf aus Amerika“, erinnert sich Tuffin, „Deric Dyer fragte mich, ob ich in seiner Cocker-Tribute-Band singen würde.“ Wie im Traum sei das gewesen.

„Als ich im Radio von Joes Tod hörte, war das für mich so ein Schock wie die Nachricht vom Tod John F. Kennedys. Du vergisst nie, wo du in diesem Augenblick warst“, sagt Dyer, der seit den späten Siebzigerjahren bis 2004 immer wieder Saxofon für Joe Cocker gespielt hatte. Ein halbes Jahr später sei ihm der Gedanke gekommen, Cockers musikalisches Erbe zu beleben „mit einer Band, die Joe Ehre macht.“

Cockers frühere Weggefährten Cliff Goodwin (Gitarre) und Mitch Chakour (Keyboards) waren sofort an Bord, die Suche nach einem Sänger aber dauerte ewig, schien vergeblich. Bis Goodwins Frau bei Facebook Tuffins Version von „Unchain My Heart“ hörte. „Niemand war je so nah dran“, erinnert sich Goodwin an den Moment. Mad Dogs Unchained waren komplett.

Namenswechsel: Von Cocker Rocks zu Mad Dogs Unchained

Oder besser Cocker Rocks – so hieß die Band noch bis vorige Woche, bis Joe Cockers deutsche Anwaltskanzlei Persönlichkeitsrechte geltend machte. Jetzt also „verrückte Hunde“ (nach Cockers Livealbum von 1970), die „von der Kette“ sind. Sowieso der weit bessere Name. Die Plakate werden jetzt neu gedruckt, die Booklets ihres Livealbums ebenso.

Tuffin klingt, als sei die Stimme Cockers direkt in seine Kehle gefahren. Nein, er habe das nicht trainiert, sagt Tuffin. „Ich kann rein zufällig singen wie er.“ Auch seien die Cocker-Moves nicht gespielt, so schwört er durchs Telefon. „Wenn man die Worte so singt, dann gerät eben der ganze Körper in diese Schwingung, Spannung. Dann bewegt man sich genau so.“ Dass es Leute geben könnte, die seine Mad Dogs für Lästerung und Geldmacherei halten, ist für ihn unvorstellbar. „Joe ist mein König, ich habe ihn ein Dutzend Mal getroffen“, sagt er. „Ich würde nie etwas tun, das er nicht billigen würde.“ Und Dyer fügt aus Worcester, Massachusetts, dazu: „Es geht uns uns nicht ums Geld sondern ums Gefühl.“ Während die drei Amerikaner noch in eigenen Solokarrieren stecken („Es kommt uns derzeit vor, als würden wir auf drei Highways gleichzeitig fahren“ – Dyer), denkt Elliott schon an komplette Alben mit Songs, die Cocker nie aufgenommen hat. Und eigene Songs hat er auch geschrieben.

Joe Cockers Bruder will zum Londoner Konzert

„Die haben den Biss und die Intensität, die Joe gefordert hätte“, befindet Victor Cocker, Joe Cockers vier Jahre älterer Bruder, gegenüber dieser Zeitung. „Elliott ist nicht nur ein weiterer Cocker-Imitator mit einer bärbeißigen Stimme. Er kennt jedes Detail von Joes Musik und hat das alles absorbiert. Er würde dafür Joes Segen bekommen.“ Den letzten Check will Vic Cocker im Februar machen, dann besucht er das Londoner Konzert der Band. Generell sieht er die Arbeit der Tribute-Bands positiv, „solange sie gute Musiker sind, Freude an der Musik haben und Joes Namen nicht nur benutzen, um an ein Publikum zu kommen. Sie halten die Flamme von Joe am Brennen.“

Die Tourdaten: 22. Februar – Bensheim – Musiktheater Rex; 23. Februar – Worpswede, Music Hall; 24. Februar – Erfurt, HsD; 25. Februar – Plauen, Malzhaus; 26. Februar – Berlin, Columbia-Theater; 28. Februar- Hamburg, Downtown Bluesclub; 1. März – Dresden, Alter Schlachthof; 2. März – Hannover, Capitol; 3. März – Freiburg, Jazzhaus; 4. März – Stuttgart, Im Wizemann; 5. März – Bonn, Harmonie

Von Matthias Halbig / RND