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Kultur Bruce Springsteen stellt seine Memoiren vor
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11:13 22.10.2016
Von Mathias Begalke
Superrocker mit ramponierter Seele: Bruce Springsteen beim Gespräch in Frankfurt. Quelle: Arne Dedert
Frankfurt

Etwas fehlt. Bruce Springsteen betritt den Saal, aber eine Gitarre hat er nicht dabei. Denn der 67-Jährige steht auf keiner Konzertbühne, bietet keine seiner berauschenden Shows, sondern spricht in einem Frankfurter Luxushotel über seine Autobiografie „Born to Run“. Sie ist ein Bestseller, das gegenwärtig meistverkaufte Sachbuch in Deutschland.

Springsteen ist hauptberuflich Singer-Songwriter und kein Schriftsteller. Und doch ist er ein Star der Buchmesse. In seinen Memoiren teilt er mit seinen Lesern nicht nur für Fans interessante Interna wie etwa die Neuigkeit, dass er seine Stimme „nicht gerade toll“ findet. Bemerkenswert ist das Buch, weil er über die Tabuthemen Angst und Depression schreibt.

Noch ein anderer Musiker mischt die Literaturszene zurzeit auf. Es ist Bob Dylan, der in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhält. Dylan ist ein Idol Spring­steens. „Ich wollte eine Stimme sein, die die Erfahrungen und Realitäten der Welt formuliert, in der ich lebe“, schreibt Springsteen. Die meisten seiner Songtexte seien „auf der Gefühlsebene autobiografisch“. Wie Dylan will auch Springsteen Illusion und Täuschung enttarnen, trösten, Hoffnung geben.

Nicht wenige der etwa 100 Journalisten bei diesem PR-Termin scheinen ihm zuzuhören, als hockten sie im „Club der toten Dichter“. Sie sind wohl auch Fans. „Carpe diem!“, verkündete Robin Williams im Film. „No surrender!“, singt Springsteen und meint das Gleiche. Gebt nicht auf! Trotzt den Schrecklichkeiten, den Schmerzen, den Enttäuschungen! Macht das Beste daraus! Gebt euer Bestes! So wie er selbst. Das ist seine Botschaft, in seinen epischen Konzerten wie in seinem 672 Seiten starken Buch, in dem er sich als Soulpunk und Kontrollfreak beschreibt. Dass Springsteen, der Superrocker, eine ramponierte, angsterfüllte Seele hat, merkt man ihm in seinen beglückenden Shows nicht unbedingt an. Nun, in seinen Memoiren, offenbart er, dass er vor Verzweiflung „kalte, schwarze Tränen“ weinte, dass ihn eine giftige, selbstzerstörerische Sehnsucht nach Einsamkeit peinigte. „Ich wollte vernichten, was ich liebte, weil ich es nicht ertragen konnte, geliebt zu werden.“ Mit 32 begann er eine Therapie. Sie sollte 30 Jahre dauern. Heute nimmt er Antidepressiva; Musik machen und die Liebe seiner Familie - beides hat für ihn eine befreiende, heilende Wirkung.

Während er Fragen beantwortet, lacht Springsteen immer wieder, als könne er es gar nicht fassen, was er da geschrieben hat. Er erzählt von seinem Vater, der ihn nicht förderte, sondern ihm viele Jahre die Anerkennung verweigerte, der nachts in der dunklen Küche saß, rauchte, soff und grübelte, der manisch-depressiv war. Kein Licht, keine Hoffnung.

Der Vater konnte nicht darüber sprechen. Springsteen dagegen hat es gelernt. Geradezu demütig ist sein Tonfall, beim Pressegespräch wie im Buch, das auch das stolze Ergebnis seiner Marathon-Therapie zu sein scheint, seiner Seelenreparatur.

Man spürt: Der Musiker blickt nicht nur als besorgter Chronist auf die Kluft zwischen amerikanischem Traum und Wirklichkeit. Der Mann, so viel ist sicher, hat sich auch selbst gründlich durchleuchtet.

Womöglich wird Springsteen für immer touren, so wie Dylan, weil „das zu den Dingen gehört, die ich tue, um bei Verstand zu bleiben“. Ob er sich wundere, dass sein kauziges Idol bisher kein Nobelpreis-Statement abgegeben hat? „Ich bin mir sicher“, antwortet Springsteen, „dass er sich freut.“

Ein Mitglied der Schwedischen Akademie hat dem frisch gekürten Literaturnobelpreisträger Bob Dylan Arroganz vorgeworfen, weil er bislang mit keinem Wort auf die Ehrung reagiert hat.

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