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Kultur Befreiungskampf in Hollywood
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00:15 03.03.2014
Von Stefan Stosch
Schwarze in Ketten: „12 Years a Slave“ (hier eine Szene mit Chiwetel Ejiofor und Paul Giamatti) gehört zu den großen Oscar-Favoriten. Quelle: Tobis
Hollywood

Die Filmpremiere in Atlanta war ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges, aber Hattie McDaniel hatte nichts von all dem Glanz. Denn sie durfte an der Premiere im US-Staat Georgia gar nicht teilnehmen – genauso wenig wie die anderen schwarzen Darsteller in „Vom Winde verweht“. Wenig später jedoch schrieb McDaniel Hollywoodgeschichte. Bei der Oscar-Verleihung 1940 saß die Schauspielerin und Sängerin, Tochter eines Baptistenpredigers, im Saal. Schon das war ein Novum, aber die Sensation war eine andere: McDaniel bekam als erste Schwarze einen Oscar – für ihre Nebenrolle in dem Südstaatenepos.

McDaniel spielt in „Vom Winde verweht“ die fürsorgliche Haushälterin Mammy, die sich mit der verzogenen Scarlett O’Hara herumplagen muss. Dienstmädchen oder Köchin für Weiße: Das war ihre Standardrolle. Sie selbst sah das pragmatisch. „Warum sollte ich mich beschweren, für eine Wochengage von 700 US-Dollar ein Hausmädchen zu spielen? Wenn ich tatsächlich eines wäre, läge mein Wochenverdienst bei sieben US-Dollar.“ Die versammelte Hollywood-Elite würdigte McDaniels Leistung als „Ehre für ein Land, in dem die Menschen frei sind, bemerkenswerte Leistungen unabhängig von Glauben, Rasse oder Farbe zu honorieren“. Die Geehrte selbst brachte nur wenige Sätze heraus. Sie wolle sich ihrer Rasse und der Filmakademie würdig zeigen, sagte sie. Dann kamen ihr die Tränen. Fluchtartig verließ sie das Podium.

Es dauert beinahe ein weiteres Vierteljahrhundert, bis Sidney Portier 1964 den ersten schwarzen Hauptrollen-Oscar für „Lilien auf dem Felde“ erhielt. Erst in diesem Jahrtausend tat Halle Berry es ihm bei den Frauen gleich („Monster’s Ball“, 2002); Berry ist bislang die einzige afroamerikanische Preisträgerin. Und vielleicht gewinnt an diesem Sonntagabend bei der 86. Oscar-Verleihung erstmals ein schwarzer Regisseur den Oscar: Steve McQueen, der sich in seinem Kinodrama „12 Years a Slave“ erschreckend realistisch mit dem Leid der Schwarzen in den USA beschäftigt hat.

Ob Hollywood sich im Falle seines Sieges wieder auf die eigene Schulter klopfen wird, so wie damals bei Hattie McDaniel? Brad Pitt, Produzent des Films, hat schon mal kritisch angemerkt, dass er es seltsam finde, dass es bislang keinem Landsmann gelungen sei, sich auf so beeindruckende Weise des Themas Sklaverei anzunehmen. Steve McQueen ist Brite.

Und ganz gleich, wie liberal sich Hollywood auch gibt: Die Zahl schwarzer Heroen in den eigenen Reihen – Denzel Washington, Whoopi Goldberg oder Will Smith – ist überschaubar. So macht McQueens Sklavenfilm noch einmal deutlich, wie schwer sich die US-Kinobranche mit der Integration der Schwarzen tut – und erst recht mit den Erzählungen über ihren leidvollen Weg zur Gleichheit. Anfang des vorigen Jahrhunderts durften Schwarze nicht einmal von Schwarzen gespielt werden: Weiße Darsteller ließen sich das Gesicht färben. Gefeiert wurde ein offen rassistisches Werk wie „The Birth of a Nation“ (1915): Regisseur D.W. Griffith lieferte eine Hymne auf den Ku-Klux-Klan. 

Gewiss, Filme spiegeln ihre Entstehungszeit, und Hollywood repräsentierte die Ansichten der US-Gesellschaft. Doch als sich McQueen ans Werk machte, wunderte er sich: Er zählte nach eigenen Worten weniger als 20 US-Spielfilme, die sich mit der Sklaverei auseinandersetzten. Die wichtigsten waren dazu von Weißen wie Steven Spielberg gedreht („Die Farbe Lila“, „Amistad“, „Lincoln“).

Und sogar noch in aktuellen Filmen finden sich Spurenelemente weißer Überlegenheitsgefühle. In Quentin Tarantinos gefeiertem „Django Unchained“ bedarf es eines durchgeknallten Weißen (Christoph Waltz), um Django von seinen Ketten zu befreien. „Der Butler“ erzählt von einem Angestellten im Weißen Haus, der brav im Hintergrund verharrt und weißen Präsidenten zu Diensten ist. „The Help“ handelt vom Leid schwarzer Hausmädchen in den Südstaaten – im Mittelpunkt steht jedoch eine bürgerrechtsbewegte Weiße.

Nur langsam öffneten sich Schwarzen die Türen der US-Filmindustrie. Kaum ein anderer verkörperte den Aufbruch überzeugender als Gentleman-Darsteller Sidney Poitier. Zwischenzeitlich stieg er zum bestbezahlten US-Schauspieler auf – doch auch in seinem Fall mussten Regisseure Konzessionen gegenüber dem alltäglichen Rassismus machen: In „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) war Poitier zwar der erste Afroamerikaner, der auf der Leinwand eine weiße Frau küssen durfte, doch ließ Stanley Kramer die Szene verschämt im Rückspiegel eines Taxis filmen. Die Rassendiskriminierung ist das zentrale Thema vieler der mehr als 40 Filme von Poitier, egal ob in „Flucht in Ketten“ oder „In der Hitze der Nacht“. Manchem Aktivisten der afroamerikanischen Bewegung galt er jedoch als zu angepasst. Für sie war er der „weiße Schwarze“, der sich gemein mit dem herrschenden Hollywood machte.

Ein Regisseur wie Spike Lee betont in seinen Filmen die Konflikte zwischen Schwarz und Weiß. Lee verweist mit drastischen Mitteln auf Ungerechtigkeiten: In sein Drama über den Black-Muslim-Anführer Malcolm X montierte er 1992 das berühmte Rodney-King-Video, auf dem zu sehen ist, wie Polizisten einen Schwarzen zusammenprügeln.

Sollte Steve McQueen an diesem Sonntag in Hollywood gegen die starken Konkurrenten „Gravity“ und „American Hustle“ gewinnen, dürften sich Produzenten ermuntert fühlen, mehr Geld für Geschichten über Schwarze zu riskieren. Bislang gilt das weiße US-Publikum als kaum aufgeschlossen für solche Filme, und Schwarze kaufen einfach nicht genügend Tickets.

Vielleicht erinnert bei der Preisverleihung im Dolby Theatre zu Hollywood auch jemand an Scarlett O’Haras Dienstmädchen. Vergessen ist die erste schwarze Oscar-Gewinnerin jedenfalls nicht: Ein Stern auf dem Walk of Fame trägt den Namen Hattie McDaniel.

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