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18:12 19.02.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Weißer Nebel, blecherne Lampe: Sebastian Fitzek bietet im Pavillon eine Lesung der etwas anderen Art. Quelle: Küstner
Hannover

 Weiß lässt das Trockeneis den Nebel wabern, dumpf wummern Bässe aus Keyboards und Drums, schrill schluchzt die E-Gitarre in der inszenierten Tristesse eines stillgelegten Berliner U-Bahn-Tunnels, dessen Ziegelwände die Bühne umrahmen und sich auf der Rückprojektionswand in der Ferne verlieren. Davor prangen dicke Rohre, und von der Decke hängt ein Blechlampenschirm, der Tisch und Stuhl darunter beleuchtet, während die vier Musiker ihr lautes Tagwerk im Halbdunkel hinter Paletten verrichten.

So gibt es der Vorhang preis, als er zu Boden fällt – erstmals im neuen Pavillon, wie dessen Mitarbeiterin Hiltraud Krause anfangs verkündet. So also kann es aussehen, wenn „der Winter sein Windmesser aufgeklappt hat“, um Mensch und Natur zu zerschneiden. Genau so hat es Sebastian Fitzek in „Noah“ aufgeschrieben. Als der Autor lächelnd die Szenerie betritt, brandet im ausverkauften Saal zum ersten Mal Applaus auf. Von einem Publikum, das noch etwas weiblicher ist als sonst bei Literaturlesungen – und deutlich jünger: Wer hier über 50 ist, hebt den Altersschnitt.

Was tut ein Mensch, dem von seinen Fans Charisma zugeschrieben wird oder der es sich erschrieben hat? Der gerade das Buch-Dutzend vollgemacht hat, seit sechs Jahren zwei Bestseller jährlich abliefert, der erst Anfang vierzig ist und von der Literaturkritik schon als „deutscher Dan Brown“ gefeiert oder gar mit Stephen King verglichen wird? Er freut sich und macht weiter oder fragt sich, ob jetzt noch was kommt und probiert etwas Neues aus.

Sebastian Fitzek tut alles zusammen und noch viel mehr: Er macht sich Gedanken über den Zustand der Welt, schreibt einen Roman, dessen Handlung die ganze Erde umspannt, der dicker und anspruchsvoller ist als seine bisherigen Bücher, gibt dazu gleich ein Hörbuch in Auftrag, geht in Begleitung einer Band auf Tournee. Und füllt zwei Wochen lang Säle – mit einer Lesung als Show und sich selbst in der Rolle des Animateurs.

Fitzek ist dabei höchst erfolgreich. Vor dem Pavillon hoffen viele vergebens, noch eine Eintrittskarte zu ergattern. Und Lisa Köster, die erste Zuschauerin mit der Fitzek plaudert, nachdem sie einen durch den Raum geworfenen aufgepumpten Globus gefangen hat, entpuppt sich als Fan, der eigens aus Hamburg angereist ist, weil dort die Fitzek-Show schon ausverkauft war. Den Erdenball aufzufangen, das ist an diesem Abend ein hochsymbolischer Akt. Lisa Kösters Bild wird später im Hintergrund im selben Takt vervielfältigt, in dem die Weltbevölkerung wächst, derzeit um 176 Menschen in der Sekunde.

Man merkt: „Noah“ ist ein Ökothriller, es geht ums große Ganze. Das wiederum kann ganz klein anfangen. Wie der Hallimasch. Über den hat Fitzek beim abendlichen Versacken vorm deutschen Bildungsfernsehen gelernt, dass dieser Pilz sich so lange und so unerbittlich ausbreitet, bis sein Wirt verendet – und dann der Hallimasch mit ihm. „Da dachte ich“, sagt Fitzek, „so gehen auch die Menschen mit der Erde um.“ Ein Pilz als lehrreiches und abschreckendes Beispiel für selbstmörderisch maßloses Wachstum?

Jedenfalls hat der Autor, der als Journalist angefangen hat und zwei Tage die Woche immer noch in der Direktion des Berliner Senders „104,6 RTL“ arbeitet, zu recherchieren begonnen und die Früchte seiner Forschung in „Noah“ gesteckt. Faktenhuberei im Thriller-Gewand? „Ich bin kein Sachbuchautor“, wehrt Fitzek ab, er erhebe nicht den Zeigefinger, sei kein besserer Mensch, esse gern Currywurst, habe selbst einen „viel zu großen ökologischen Fußabdruck“. Aber für einen, der Weltwissen vermitteln will, ist eine Hauptfigur wie Noah, der sein Gedächtnis verloren hat, kein schlechter erzählerischer Kunstgriff. Denn Noah, der anfangs im winterkalten Berlin nicht einmal einen Platz im Obdachlosenasyl findet, muss sich selbst erst wieder Weltwissen erwerben. Und er ahnt nicht, wie seine Lage mit der elender Slumbewohner in Manila oder reicher New Yorker zusammenhängt. Und mit jenem rätselhaften Adam Altman, der weiß, dass Noah nicht aus Zufall sein Gedächtnis verloren hat – und ihm schon ganz gefährlich auf der Spur ist. Die Musiker Carl und Maximilian Krings haben zu diesem Thriller einen Soundtrack komponiert, den sie zusammen mit Jules Kalmbacher (Gitarre) und Philipp Rittmannsperger (Schlagzeug) an Keyboards spielen – eine akustische Begleitung des „Kopfkinos“ durch Fitzeks Lesung.

Wer seine Hauptfigur Noah nennt, schürt zwar die Hoffnung, dass am Ende nicht die Apokalypse kommt, sondern – nach einer reinigenden Sintflut – vielleicht ein neuer Anfang. Doch das wird im Pavillon nicht verraten. „Ich will ja nicht die langweilen, die das Buch schon kennen – und auch nicht denen die Spannung verderben, die es lesen wollen.“

Fitzek, dessen Bücher in 20 Sprachen übersetzt und weltweit achtmillionenmal verkauft worden sind, versteht sich wie in seinen Romanen auch bei seiner Show auf Cliffhanger: Er hört auf, wenn es am spannendsten ist. Und dieser Abend endet, wenn er, zumindest für die Akteure, am schönsten ist: Dazu holt Fitzek alle Begleiter seiner Show – vom Tourbusfahrer bis zur Ehefrau – auf die Bühne. Und als er erneut behauptet, Hannover sei nicht einfach der Abschluss, sondern der Höhepunkt seiner Tour, brandet im Saal erneut Applaus auf, während draußen schon Hunderte am Bücherstand Schlange stehen.

Sebastian Fitzek: „Noah“. Bastei Lübbe, 559 Seiten, 19,99 Euro.

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