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Kultur Aufschwung in Fernost
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00:15 19.02.2014
Von Stefan Stosch
Regisseur Diao Yinan mit zwei Bären in den Händen: Den silbernen Bären erhielt sein Hauptdarsteller Liao Fan als bester Darsteller, er selbst bekam den goldenen Bären für den besten Film. Quelle: dpa
Berlin

Eine Jury tut nie gern, was alle von ihr erwarten. Dass Richard Linklaters Langzeit-Beobachtung „Boyhood“ das Maß der Dinge dieses Berlinale-Wettbewerbs war, kann den acht Juroren um den US-Produzenten James Schamus kaum entgangen sein. Es wäre geradezu logisch gewesen, den Berlinale-Bären für diese spektakulär unspektakuläre Studie vom Erwachsenwerden in einer Patchwork-Familie – gefilmt mit nur einem Darsteller über zwölf Jahre – zu reservieren.

Doch schien diese Wahl den Juroren offenbar zu naheliegend, zumal „Boyhood“ bereits beim Festival in Sundance seine Weltpremiere hatte, nicht in Berlin. So fühlte sich der Regie-Preis für den US-Filmemacher am Ende wie ein Trostpreis an. Tatsächlich hätte man Linklater an diesem Abend beinahe jede Statuette in die Hand drücken können, die im Berlinale-Palast zu vergeben war.

Der Hauptpreis ging stattdessen nach Fernost: Der chinesische Detektivfilm „Black Coal, Thin Ice“ von Regisseur Diao Yinan erhielt den Goldenen Bären. Obendrein wurde Liao Fan als bester Darsteller geehrt. Er spielt einen heruntergekommenen Ex-Polizisten, der bei der in eine blutige Geschichte um Liebe, Rache und Gier verstrickt wird.

Das ist klassischer Noir-Stoff, gefilmt im schmuddelig-kalten Winterlicht einer Provinzstadt und von einigermaßen originellem Zuschnitt: Wo sonst wird schon mit Schlittschuhen gemordet? Und wann laufen die Fäden eines Kriminalfalls in einem Reinigungssalon zusammen, hinter dessen Tresen eine geheimnisvolle Frau steht? Gern schließen westliche Zuschauer bei so einem moralfreien Film auf gesellschaftliche Missstände im Reich der Mitte. Das macht einen Beitrag gleich noch mal interessanter.

Den cineastischen Aufschwung in Fernost komplettierte Kameramann Zeng Jian, der in dem Drama „Blind Massage“ aus der Perspektive von Sehbehinderten zu filmen versucht. Er wurde für seine herausragende künstlerische Leistung geehrt.

So hat diese Berlinale den Fokus wieder mal auf China gelegt – so wie schon in den Achtzigern, als Zhang Yimou und Co. hier ihren Siegeszug im Westen antraten. Zuletzt war der Goldene Bär 2007 mit „Tuyas Hochzeit“ nach China gegangen. Nun ist eine neue Generation am Zug, die mit Genre-Filmen die Zensur zu überlisten trachtet und den Mittelweg zwischen Kunst und Kommerz sucht.

Den hoch gehandelten deutschen Filmemachern  blieb lediglich ein Silberner Bär: Die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann, beide Mitte dreißig, erhielten für „Kreuzweg“ den Drehbuch-Preis. Sie erzählen in nur 14 Einstellungen von einem Mädchen, das in die Fänge fundamentalistischer Katholiken gerät. Die Formstrenge bildet einen trefflichen Rahmen für die Unausweichlichkeit, mit der diese Geschichte auf den Opfertod zusteuert.

Man hätte den Deutschen bei ihrem breit gefächerten Angebot eine größere Ausbeute gewünscht – auch wenn ein Filmfestival nicht mit einer Fußball-Weltmeisterschaft verwechselt werden sollte, bei der nationale Teams um den Titel spielen. Wer will, darf sich aber noch über einen weiteren Preis mit deutscher Beteiligung freuen: Wes Andersons skurriler Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“, geehrt mit dem großen Jury-Preis, wurde in Görlitz und im Studio Babelsberg gedreht.

Den Eigensinn der Jury unterstreicht auch der Sieger des Alfred-Bauer-Preises. Gewürdigt werden sollen damit ausdrücklich neue Perspektiven in der Kinokunst. Ausgerechnet der 91-jährige Franzose Alain Resnais gewann. In seiner Komödie „Aimer, Boire et Chanter“ spielt der Altmeister recht amüsant mit Theaterkulissen in britischer Countryside-Idylle. Aber ob diese neckische Idee in die Zukunft des Kinos führt?

So ist diese Berlinale mit einigen diskussionswürdigen Jury-Entscheidungen zu Ende gegangen. Die angereisten Filmleute aus aller Welt aber haben sich wohlgefühlt: „Berlin, ich liebe Dich!“, rief Bären-Sieger Diao Yinan. Er war nicht der einzige, der sich auf offener Bühne beim Festival und Chef „Dieter“ bedankte.

Berlinale-Zirkusdirektor Dieter Kosslick ist mit seiner Filmauswahl nicht immer glücklich gewesen, auch 2014 schwächelte der Wettbewerb, aber als Gastgeber hat der 65-Jährige in bislang 13 Amtsjahren Großes geleistet: Er hat die Popularität des Festivals weltweit und auch bei den Berlinern gesteigert – allein in diesem Jahr wurden 330.000 Kinokarten verkauft, ein neuer Rekord. Kosslicks Vertrag läuft noch bis 2016, aber er wird auch für das überraschend frei gewordene Amt des Berliner Kulturstaatssekretärs gehandelt. Der Berlinale könnten große Umbrüche bevorstehen.

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